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Sündenarm und gut bepredigt in die Freiheit

Zunftmesse und Straßenfasnet: Tausende kamen zum ungeordneten Feiern in die Innenstadt

Einmal im Jahr wird die Sankt-Moriz-Kirche zum Rottenburger Narrentempel. Am Fasnetssamstag zur Zunftmesse zwängten sich so viele Hästräger hinein, bis das Gotteshaus voll war. Pfarrer Michael Estler hielt eine launig-bissige Predigt. Danach ging‘s mit dem Umzug der Laufgruppen hinauf zum Marktplatz zur Straßenfasnet.

07.02.2016
  • Dunja Bernhard

Rottenburg. So voll, so bunt und so ausgelassen geht es in der Morizkirche nur am Fasnetssamstag zu. Die Ministranten erscheinen im Häs, im Gebet schellen Glocken, und der Pfarrer fordert bei den Liedern zum Mitklatschen auf. In den Bänken sitzen das Krümelmonster, wilde Piraten, Cowboys, Bären und Vampire mit Spitzhut ¨– nein ohne Spitzhut. Denn der geht in der dritten Reihe gar nicht. „Da sehe ich ja nichts“, sagte die Dame aus der vierten. Eine Handvoll (unverkleidete) Diabenger hatten sich auch in der Kirche eingefunden. „Die Normalen sehen so unwirklich aus“, bemerkte Mann in blauem Overall.

„Wenn der Papst in Rom jetzt guten Tag sagt, begrüße ich euch mit einem dreifachen Narri“, rief Pfarrer Michael Estler. „Narro“, antwortete die Gemeinde. Die Chöre der Kirchen stehen allen Menschen offen, hieß der Pfarrer die Narren willkommen. Die Gottesdienst-Liturgie ist bei der Zunftmesse unverändert, nur die Worte sind anders.

So las der frühere Zunftmeister Michael Rehbein aus einem närrischen veränderten Brief an die Korinther. Diakon Andreas Weiß fragte, wer denn schon am helllichten Tag Menschen zum Fischen hinaus schicke. „Da fängt man doch nichts.“ Das Evangelium gab die Antwort: Jesus. Die ausgesandten Fischer holten einen ordentlichen Fang ein.

Pfarrer Estler hielt eine mit viel Zwischenapplaus und einigen Buhrufen bedachte Predigt. Die Vereinigung der beiden Kirchengemeinden St. Moriz und St. Martin war schon im vorigen Jahr Thema der Predigt von Diakon Wolfgang Urban gewesen. Estler griff die neueste Entwicklung auf: „Es kam, was die Narren schon lange erträumt‘, die Mauern zwischen Moriz und Dom wurden abgeräumt. Dompfarrer und Morizpfarrer sind gleich, denn die Kirche ist seit Papst Franziskus nicht mehr so reich.“ Die Narren machten es schon lange vor. Sie gehen in Moriz zur Kirch und ziehen dann in einer Prozession vor des Domes heiliges Tor.

Dort fand Estler dann auch gleich sein nächstes Thema. Dass die Umbenennung des Christbaums auf dem Marktplatz in einen Tannenbaum Wellen bis in die Fasnet schlagen würde, hatte Erster Bürgermeister Volker Derbogen im Dezember sicher nicht geahnt. „Auf dem Marktplatz steht für gewöhnlich im Dezember mitten im Raum, wir nennen dieses Gebüsch aus dem Wald schlicht und einfach Baum“, reimte Estler und schob gleich eine Frage nach; Warum den Nikolausmarkt nicht zum Tannenbaumfest umbenennen und das Bischöfliche aus dem BO streichen, „weil ein jeder tut darin ein Schloss erkennen“.

Den Bischof könnte man dann gleich zum Aufseher benennen, „über die vielen Menschen, die nachts durch Rottenburgs Straßen rennen“. Ein Schmunzeln und Glucksen ging durch die Reihen, in der Ahnung, dass nun Dompfarrer Harald Kiebler sein Fett abbekommen würde. So kam es auch. Estler fuhr fort: Als die Rottenburger aus der Zeitung von des Dompfarrers lädiertem Augen erfuhren, hätten sie sich gefragt: „Was macht ein Pfarrer denn nachts auf der Straße?“ Ist das vielleicht Gottes Strafe? Denn „Wer sich nachts in Ehingen um die Häuser treibt, der hat für gewöhnlich noch sehr viel Zeit.“

Doch die wenigsten wussten, was der Dompfarrer wirklich tat, behauptete Estler. „Er sang das Lied vom Tannenbaum von früh bis spat“, um allen Bürgern die Botschaft des Baums zu verkünden. Estler hatte ein mit Papierschlangen und leuchtenden roten Herzen dekorierten Tannenbaum mitgebracht und hielt ihn hoch. Da der Tannenbaum jedoch nicht nur zur Sommer- und Winterzeit grüne, wie es in dem traditionellen Weihnachtslied heißt, sondern auch zur Fasnetszeit, könne man ihn auch getrost in Narrenbaum umtaufen. Von Organist Toni Aicher angeleitet, sang die Narrengemeinde: „O Narrenbaum, o Narrenbaum, wie treu sind deine Blätter.“ Denn so sage es Papst Franziskus heute, „geht hinaus auf die Straße, liebe Leute. Eine verbeulte Kirche, die was riskiert“, sei ihm viel lieber als eine, die verschimmelt und gefriert.

Und so zogen die Narren nach dem Segen zum Marktplatz hinauf. Neben den traditionellen Figuren der Rottenburger Narrenzunft waren es vor allem die freien Laufgruppen, die diesen Umzug bunt gestalteten. Als waffelteigige Schnapsgläser verkleidet, verteilte eine Hand voll Männer einen „Kuss mit Liebe“. Es handelte sich dabei keineswegs um eine unsittliche Annäherung an Fasnetsbesucherinnen. Sondern um das „Kultgetränk in der Eintracht“, wie sie erläuterten – eine Portion Eierlikör mit einem Schuss Edelkirsch.

„Alter Schwede“ war das Motto einer Gruppe in skandinavischem Outfit. Einen Elch hatten sie auch dabei. Statt Alkoholischem und Süßem verteilten sie Sticker der Schweden-Flagge, vorzugsweise direkt auf die Kleidung. Die gute alte Klementine aus der Ariel-Werbung war mit ihrem Waschmaschine schiebenden Saubermann dabei. Eine Gruppe Astronauten, umringt von grünen Außerirdischen, verteilte Traubenzuckertäfelchen und versicherte: „So gehaltvoll wie ein Mittagessen.“ Aus dem Schneeflockenkostüm von vor zwei Jahren hatte eine Laufgruppe weißviolett schimmernde Quallenverkleidungen gebastelt. „Weil die Fasnet so kurz ist, musste es schnell gehen.“ Ihre Lieblings-Emoticons trugen Mitglieder einer Laufgruppe auf der Brust – und die mögliche Antwort darauf auf dem Rücken.

Eine passende Antwort auf die Fasnetspredigt hatten die drei Rottenburger Bürgermeister parat. Sie hatten sich wahlweise als Christbäume, Weihnachtsbäume, Tannenbäume oder „weiß nicht“ verkleidet. Fleißig verteilten sie Karten für ein Gewinnspiel. „Ankreuzen, Ihre Adresse drauf schreiben und in den Rathausbriefkasten stecken“, erläuterte Baubürgermeister Thomas Weigel gestenreich. Zum Gewinner kämen sie zur nächsten Weihnacht ins Wohnzimmer.

Auch Landtagskandidaten hatten sich unter die Narren gemischt – im Retro-Look: SPD-Kandidatin Dorothea Kliche-Behnke im mittelalterlichen Gewand, CDU-Mann Klaus Tappeser als Schuljunge der 60er-Jahre mit Leder-Ranzen und Kniebundhose. Auf einer Schiefertafel trug er die politische Botschaft: „Gemschul is gar net cuul“.

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07.02.2016, 18:00 Uhr
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