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Vor 60 Jahren ließ die westdeutsche Justiz in Tübingen einen Kriminellen hinrichten

Zum letzten Mal fällt das Beil

Der Raubmörder Richard Schuh war der letzte Kriminelle, den die westdeutsche Justiz hinrichten ließ. Er starb am 18. Februar 1949 in Tübingen unterm Fallbeil, exakt 95 Tage vor der Abschaffung der Todesstrafe.

18.02.2009
  • RAIMUND WEIBLE

Vor dem Ausstellungsstück mit der scharfen Klinge verweilen Besucher des Strafvollzugsmuseums in Ludwigsburg etwas länger. Museumsleiter Erich Viehöfer kann das Interesse an "einem unserer zentralen Objekte " verstehen. "Wo sonst kann man in Deutschland eine Guillotine betrachten ", sagt der Historiker. "Wenn man eine sehen will, muss man zu mir kommen."

Viehöfer kennt die Geschichte dieser Guillotine genau. Sie ist kein Requisit aus einem Gruselfilm oder einem Theaterstück, sie ist echt und in Betrieb gewesen. Die Guillotine wirkt altertümlich, wie aus dem 19. Jahrhundert. Aber es handelt sich um ein Nachkriegsmodell.

Sie stammt aus der Werkstatt Tiggemann und wurde 1946 im westfälischen Hamm gebaut, ziemlich genau nach dem Vorbild der berüchtigten badischen Guillotine. Das fleckige Fallbeil aus Spezialstahl - Viehöfer: "Blut ist chemisch sehr aggressiv " - kam häufig zum Einsatz. Auch vor 60 Jahren, am 18. Februar 1949. Ein historisches Datum. Denn an diesem Freitag ließ die westdeutsche Justiz zum letzten Mal einen Menschen hinrichten.

Delinquent war der Raubmörder Richard Schuh. Wilhelm Burkhard, Spross einer alten Scharfrichter-Familie aus Endingen am Kaiserstuhl, löste morgens kurz nach sechs Uhr im Hof des Tübinger Gefängnisses den Mechanismus aus. Das Beil sauste herunter. Währenddessen läutete auf dem Tübinger Rathaus das Totenglöcklein.

Der Tübinger Historiker Hans-Joachim Lang hat in den Archiven die Akten zum Fall Schuh gesichtet. Er machte sich auf die Spur eines Menschen, dem es nach dem Kriegsdienst, unter anderem als Bordschütze bei den Kampffliegern, und nach der US-Kriegsgefangenschaft schwerfiel, im zivilen Leben Fuß zu fassen. Ein Zeuge sagte vor Gericht über Schuh: "Geschäftlich und privat steckte er in einer Sackgasse."

Am 28. Januar 1948 fuhr Schuh nach Stuttgart, das sich damals in der amerikanischen Zone befand, um sich beim Arbeitsamt nach freien Stellen zu erkundigen. Aus völlig ungeklärten Gründen hatte er seine alte Armeepistole mit dabei. Schuh trampte zurück über die Zonengrenze in seinen Heimatort Remmingsheim bei Tübingen. In Herrenberg nahm ihn ein Deutscher in seinem amerikanischen Heereslaster mit. Schuh schoss den Mann mit mehreren Schüssen aus nächster Nähe nieder.

Der Mörder hatte es auf die neuen Reifen des Lastwagens abgesehen, sie waren auf dem Schwarzmarkt gut zu Geld zu machen. Die Kripo klärte den Fall rasch auf und nahm Schuh fest, die Staatsanwaltschaft erhob Anklage. Das Landgericht Tübingen tagte im Uni-Hörsaal 8, weil im alten Gerichtsgebäude noch die französische Besatzungsverwaltung logierte.

Schuh war geständig. Was blieb ihm anderes übrig: Die Beweislage war erdrückend. Schon nach zwei Verhandlungstagen fällte die Strafkammer das Urteil. Sie erklärte den Angeklagten am 14. Mai 1948 wegen Mordes in Tateinheit mit schwerem Raub für schuldig und verhängte die Todesstrafe. In Württemberg-Hohenzollern galt wie in den anderen Ländern der Westzone das alte Strafgesetzbuch. Lang: "Lediglich solche Bestimmungen waren getilgt worden, in denen man ,typischen Nazigeist' vermutet hatte."

Die Sache lief zügig weiter. Das höchste Gericht Württemberg-Hohenzollerns, das in Bebenhausen residierende Oberlandesgericht, wies die Revision zurück. Schuh hoffte nun, begnadigt zu werden. Dafür war der Staatspräsident zuständig.

Regierungschef in Württemberg-Hohenzollern war Lorenz Bock (CDU), Rechtsanwalt aus Rottweil und früherer Zentrumspolitiker. In seinem Kabinett saß ein entschiedener Gegner der Todesstrafe, Justizminister Carlo Schmid. In der Kabinettssitzung vom 10. Juni 1948, so Lang, habe Schmid das Thema angesprochen, weil im Land fünf Todesurteile zur Vollstreckung anstanden. Das Protokoll hält fest: "Er (Schmid) vertritt den Standpunkt, dass man von der Vollstreckung absehen und in allen Fällen begnadigen solle. Die Vollstreckung der Todesstrafe sei nicht mehr zeitgemäß und stelle eine Degradierung der menschlichen Gesellschaft dar."

Bock entschied den Fall Schuh nicht mehr. Er starb am 3. August 1948. An seine Stelle rückte zehn Tage danach Gebhard Müller (CDU), später Präsident des Bundesverfassungsgerichts. Lang: "Ein prinzipieller Befürworter der Todesstrafe. Er war wohl aus moralischen Gründen von der Richtigkeit überzeugt. Nicht ungewöhnlich für einen Katholiken. Papst Pius XII. hat sich noch in den 50er Jahren für die Todesstrafe ausgesprochen."

Am 15. Oktober 1948 behandelte das Kabinett Schuhs Gnadengesuch. Carlo Schmid nahm an der Sitzung nicht teil. Als Mitglied des Parlamentarischen Rats bereitete er das Grundgesetz der neuen Bundesrepublik vor. Schuhs Unglück nahm seinen Lauf. Müller lehnte das Gesuch ab, somit waren alle Möglichkeiten ausgeschöpft. Der Tübinger Stadtarchivar Udo Rauch ist überzeugt: "Wenn sich das Gerichts- und das Gnadenaktverfahren länger hingezogen hätten, wäre das Urteil nicht ausgeführt worden."

Nun lautete die Frage: Würde Schmids Justizministerium die Verabschiedung des Grundgesetzes abwarten? Falls Schuh drauf setzte, irrte er sich. Das Ministerium legte den Termin für die Hinrichtung fest. Am 17. Februar reiste Wilhelm Burkhard mit der zerlegten Guillotine aus Rastatt an. Dort war sie zuvor noch von der französischen Militärregierung verwendet worden. Burkhard baute die Guillotine im Hof des Justizgefängnisses auf und testete ihre Funktion.

Währenddessen bereitete Oberstaatsanwalt Richard Krauß den Ablauf vor. Lang zitiert Krauß Aufforderung an den Oberbürgermeister Wolfgang Mühlberger, "12 Personen aus den Vertretern oder aus anderen achtbaren Mitgliedern der Stadtgemeinde abzuordnen, um dieser Hinrichtung beizuwohnen und während dieser Hinrichtung die kleine Rathausglocke zu läuten".

Krauß leitete die Exekution. Nach dem Gebet des Geistlichen richtete er an den Delinquenten das Wort: "Richard Schuh, Ihr Leben ist verwirkt! Gehen Sie mutig und gefasst Ihren letzten schweren Gang mit dem Bewusstsein, dass Sie dadurch Ihre Schuld sühnen und sich von Ihrer Todsünde reinigen können."

Nach getaner Arbeit zerlegte Burkhard die Guillotine und brachte sie nach Rastatt zurück. Viehöfer zufolge gibt es Anhaltspunkte dafür, dass die Franzosen auch nach Einführung des Grundgesetzes mit diesem Gerät militärgerichtliche Todesurteile vollstreckten. Die Anatomie der Universität Tübingen nahm Schuhs Leiche in Empfang.

Von Rastatt kam die Guillotine in die Justizvollzugsanstalt Freiburg. Schließlich gelangte sie ins Badische Landesmuseum Karlsruhe. Dort blieb sie unausgepackt im Magazin. Viehöfer hörte davon und bemühte sich, das Gerät als Leihgabe für sein Museum zu bekommen. Als er 1986 beim damaligen Landesmuseums-Direktor Volker Himmelein anrief, schien der froh zu sein, das Monstrum loszuwerden. Er bat Vielhöfer: "Holen Sie das Teufelszeug gleich morgen ab. "

Zum letzten Mal fällt das Beil
Im Ludwigsburger Strafvollzugsmuseum ist die Guillotine zu besichtigen, mit der in Tübingen der Raubmörder Schuh hingerichtet wurde. Foto: Klaus Franke

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18.02.2009, 12:00 Uhr
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