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Mehr als Wallander

Zum Tode des schwedischen Kult-Autors Henning Mankell

Henning Mankell war einer der erfolgreichsten Krimiautoren der Welt. Berühmt machten ihn die Wallander-Romane. Doch den Schweden zeichnete viel mehr aus. Mit 67 Jahren ist er gestorben.

06.10.2015
  • PETER MOHR ANDRÉ ANWAR (MIT DPA)

Es gibt literarische Figuren, die eine seltsame Eigendynamik entwickelt haben und deren Bekanntheitsgrad größer ist als der ihrer Schöpfer. Das gilt für Georges Simenons Kommissar Maigret, für Agatha Christies Miss Marple, für Donna Leons Ermittler Guido Brunetti und auch für die Erfolgsfigur des gestern in Göteborg verstorbenen Autors Henning Mankell: Kurt Wallander. "Die Figur ist so wunderbar komplex und gleichzeitig unwiderstehlich", charakterisierte einst der britische Star-Schauspieler Kenneth Branagh Mankells Ermittler treffend, den Branagh selbst in Verfilmungen verkörperte. Immer schlecht gelaunt, stets leicht kränkelnd, eigenwillig bis zur Verbohrtheit, nie privaten Frieden findend, dem Alkohol zugetan und mehr seinem Instinkt als modernen kriminalistischen Methoden folgend.

1991 ermittelte Wallander zum erstem Mal und seine Fangemeinde wuchs von Jahr zu Jahr. Mehr als 15 Millionen Wallander-Bücher verkaufte Mankell allein in Deutschland. Weltweit setzte der Handel über 40 Millionen Mankell-Bücher ab, davon der Großteil Wallander-Krimis.

Entsprechend respektvoll reagierten Schriftsteller-Kollegen, als sie gestern von dem Tod des 67-jährigen Schweden erfuhren: Mankell ist der "Türöffner für den skandinavischen Krimi im Rest der Welt" gewesen, sagte der Norweger Krimi-Autor Jo Nesbø. "Wäre die schwedische Kriminalliteratur ein Reich, dann hätte Henning Mankell Präsident sein sollen", sagte der Autor Håkan Nesser. Dabei war Mankell weit mehr als ein rastloser Krimi-Schreiber.

Mankell wurde am 3. Februar 1948 als Sohn eines Richters in Stockholm geboren und wuchs mit seiner Schwester bei seinem Vater in Nordschweden auf. Bereits in jungen Jahren verschrieb er sich der Schriftstellerei und dem Theater. Ab 1968 war er als Theaterregisseur tätig, die wichtigsten Weichenstellungen in seinem Leben folgten mit Mitte zwanzig - zunächst 1972 eine Reise nach Afrika und ein Jahr später die Veröffentlichung seines ersten, nicht ins Deutsche übersetzten Romans "Bergsprängaren".

Neben Krimis und qualitativ höchst unterschiedlichen erzählerischen Ausflügen nach Afrika schuf er später ein drittes literarisches Standbein - den psychologisch ambitionierten "Gesellschaftsthriller": "Tiefe" (2004) etwa oder "Der Chinese" (2008). In "Tiefe" machte Henning Mankell einen leicht psychopathischen Einzelgänger zur Hauptfigur und entwickelte sich damit über die Wallander-Krimis hinaus weiter. Die Psyche des Täters und nicht die eigentliche Tat stand im Vordergrund.

Seit Anfang der 1980er-Jahre pendelte Mankell zwischen Schweden und Maputo, der Hauptstadt von Mosambik, wo er 1996 die Leitung eines Theaters übernahm. Vehement trat er für humanere Lebensverhältnisse in Afrika ein. "Menschen sollen nicht von dem leben müssen, was sie in Mülltonnen finden", verkündet geradezu paradigmatisch Mankells Romanfigur Oberst Nquila in "Die flüsternden Seelen". "Mankell hat sich sehr für Afrika engagiert und den Menschen nicht nur Träume vorgesetzt", sagte gestern Birgit Plank-Mucavele, Leiterin des deutsch-mosambikanischen Kulturzentrums in Maputo.

Nein, Mankell ist nie der intellektuelle Eigenbrötler aus dem Elfenbeinturm gewesen, sondern stets ein wacher, streitlustiger, politisch engagierter Zeitgenosse. Er war bekennender Sozialist, gehörte der schwedischen 68er Bewegung an und protestierte gegen den Vietnamkrieg, Portugals Kolonialismus und das Apartheidregime. Zuletzt war er 2010 wegen seiner anti-israelischen Haltung in die Schlagzeilen geraten, und die Neue Zürcher Zeitung attestierte ihm "einen selbstgefälligen linken Moralismus auf der Basis historischen Halbwissens".

Ende 2013 erhielt Henning Mankell schließlich die Diagnose Krebs. In einem Interview machte er seine Erkrankung öffentlich. Er erklärte, dass bei ihm Tumore in Hals und Lunge entdeckt wurden, die schon ausgestrahlt hätten. "Ich höre Menschen sagen: ,falls' ich sterbe, aber zum Teufel, es heißt ,wenn' ich sterbe - der Tod ist das einzige, dessen wir uns ganz sicher sein können", schrieb Mankell 2014 in einer Kolumne.

Sein letztes, vor einer Woche in deutscher Übersetzung erschienenes Buch "Treibsand" lässt den Leser auf quälende Weise an der unheilbaren Krankheit des Autors teilhaben. Man staunt bei der Lektüre manchmal, wie nah man Mankell kommt. Wenn er von dem Verhältnis zu seiner Mutter erzählt, die die Familie früh verlassen hat, und die er erst mit 15 Jahren wiedertraf. Von seiner ersten großen Liebe, Selbstzweifeln als Theaterleiter und davon, wie er sich als Kind in den Gerichtssaal schlich, um seinem Vater zuhören zu können. Von der Erleichterung, die er spürte, wenn seine Bücher gut besprochen wurden. Aber vor allem immer wieder von der schwierigen Zeit nach der Krebsdiagnose. "Treibsand" ist damit mehr als nur ein literarisches Vermächtnis Mankells, es ist auch sein persönlichstes Werk, ein tief emotionales Abschiednehmen zwischen zwei Buchdeckeln.

Noch im September hatte Mankell in einem "Stern"-Interview erklärt, sich gegen den Krebs wehren zu wollen. Er wisse aber, "ich werde wohl an dieser Krankheit sterben". Mankell hinterlässt seine Frau Eva Bergman und einen Sohn.

Zum Tode des schwedischen Kult-Autors Henning Mankell
Henning Mankell im Juni dieses Jahres: Ende 2013 war bei ihm Krebs festgestellt worden. Gestern erlag er der Krankheit. Foto: dpa

Zum Tode des schwedischen Kult-Autors Henning Mankell

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06.10.2015, 12:00 Uhr
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