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Anwalt der Dritten Welt

Zum Tod des ehemaligen Bundestagsabgeordneten Walter Schwenninger

Er gehörte nicht zu den Leuten, die sich alle Jahre neu erfinden. Im Gegenteil. Walter Schwenninger verkörperte zeit seines politischen Lebens eine unmodern gewordene Kontinuität, Geradlinigkeit und Beharrlichkeit: in der Haltung, in seinen Positionen und bis vor gar nicht so langer Zeit auch im Aussehen.

27.09.2010
  • Eckhard Ströbel

Tübingen. Dieser Schrank von einem Mann, vormals Zehnkämpfer und später begeisterter Hobby-Fußballer, hielt etliche Jahre energisch und meist optimistisch dagegen, als der Krebs sich in seinem Körper breit machte. Am vergangenen Freitag ist Walter Schwenninger, 68-jährig, in Tübingen gestorben.

Der gebürtige Münchner näherte sich dem Themenfeld der Politik während des Wehrdienstes an, den er nachträglich verweigerte. Er studierte evangelische Theologie und Sport und wurde Lehrer am Gymnasium. Seine letzte Schul-Station, ehe er in den Ruhestand ging, war Herrenberg.

Die Erfahrungen, die er in jungen Jahren als Entwicklungshelfer in Afrika machte, prägten ihn und schärften sein politisches Bewusstsein. Die Dritte Welt wurde sein Lebensthema.

Zum Tod des ehemaligen Bundestagsabgeordneten Walter Schwenninger
Walter Schwenninger (2006).

Er legte es breit aus: Als „kritischer Aktionär“ stritt er mehr als ein Jahrzehnt lang regelmäßig bei Daimler-Benz-Hauptversammlungen mit dem Firmen-Vorstand: über den Umgang des Weltkonzerns mit dem Apartheids-Regime in Südafrika, über die Militärdiktatur in Argentinien, über den Waffen-Export in Krisengebiete. Daimler und die Zwangsarbeiter, Daimler und seine Geschichte – mit solchen Themen machte er sich bei „Shareholdern“ nicht beliebt.

Das war auch nicht seine Absicht. Eher versuchte er zu informieren, aufzuklären über unbekannte und oft „unerträgliche Verhältnisse, die weit weg von uns herrschen, und ganz viel mit uns zu tun haben“. So wurde er zum regelmäßigen Referenten bei Volkshochschulen – nicht nur in Tübingen. Da er auf der Höhe des Geschehens sein wollte, reiste er so oft es ging. In der peruanischen Hauptstadt Lima lernte er auf diese Weise seine spätere Frau Nani Mosquera kennen.

Beide zusammen brachten Lima und dessen Stadtteil Villa El Salvador Tübingen und den Tübingern nahe: Sie stellten Kontakte her und pflegten sie. Sie organisierten Reisen und berichteten hier wie dort über die wesentlichen Ereignisse im jeweils anderen Erdteil. Unterstützt von Initiativen wie dem Peru-Arbeitskreis deckten sie Abgeordnete im Europa- und in anderen Parlamenten mit Denkschriften ein. Ohne die Schwenningers hätte man in Tübingen nicht halb so viel über das Unrechtsregime des Präsidenten Fujimori erfahren. Und ohne die Schwenningers hätte der Tübinger Gemeinderat – dem Schwenninger 1989 bis 1994 und 1999 bis 2004 angehörte – auch keine „Projekt-Patenschaft“ mit Villa El Salvador beschlossen, die dann zur Städtepartnerschaft wurde.

Bei der Gründung der Partei der Grünen war Walter Schwenninger noch nicht dabei. Seine Sternstunde schlug drei Jahre später. 1983 – die Grünen waren im Bundestag angekommen – wurde Walter Schwenninger so etwas wie das erste Gesicht dieser neuen Partei: Langes Haar, Rauschebart, der Alpaka-Pullover. Das Foto Schwenningers, aufgenommen im Bonner Plenarsaal, ging um die Welt. Die amerikanische „Times“ druckte es auf ihrer Titelseite.

Zum Tod des ehemaligen Bundestagsabgeordneten Walter Schwenninger
Der Abgeordnete Schwenninger im Bonner Bundestag (1983). Archivbilder

Abgeordneter zu sein, war Schwenninger Ehre und Verpflichtung. Bereits nach wenigen Wochen hielt er seine Jungfernrede – über die Dritte Welt. Es antwortete ihm kein Geringerer als der damalige Wirtschaftsminister Otto Graf Lambsdorff. Über den ersten Tätigkeitsbericht, den er vor den Tübinger Parteifreunden nach hundert Tagen gab, berichteten die Grünen so: Walter Schwenninger „hat sich bisher mit dem Schwerpunkt Dritte-Welt-Politik mit Fragen der Welternährung und den Folgen von Waffenexporten in die Dritte Welt beschäftigt. Hierbei arbeitet ‚Schwenni‘ sehr gut mit Vertretern von Dritte-Welt-Initiativen im In- und Ausland zusammen. Aber auch Tübingen hat er nicht vergessen, was sein Engagement beim Ausbau der B 27 und der damit verbundenen Probleme der Südstadt zeigt.“

Das Abgeordneten-Glück währte nur kurz. Schwenninger wurde 1985 ein Opfer der Rotation und die Kandidatin Uschi Eid rückte an seinen Platz. Längst nicht alle Mitglieder der ersten Grünen-Fraktion im Bundestag unterwarfen sich dem Zwangsinstrument, das die Grünen wenig später selbst abschafften. Walter Schwenninger traf diese Degradierung damals schwer. Er habe damit bis zuletzt gehadert, erzählen ihm Nahestehende.

Eine Weile war es still um ihn. Dann tauchte er wieder auf in den lokalen Initiativen und Arbeitskreise. Bei den Grünen trat er gelegentlich bei Parteitagen auf, wurde aber immer mehr zum Vorzeige-Urgestein, zur Ikone der frühen Jahre. Die Flügelkämpfe der Partei ermüdeten ihn: Soziale Gerechtigkeit und Pazifismus standen für ihn zu keiner Zeit zur Disposition. 1994 stellte ihn der grüne Kreisverband noch einmal für den Bundestag auf (sein unterlegener Konkurrent war Cem Özdemir), aber einen aussichtsreichen Platz auf der Landesliste bekam er nicht mehr. Schwenninger, der Basisdemokrat, war wohl im Tübinger Weltladen verankert und hatte Verbindungen in viele Länder geknüpft, aber nicht in der Partei. Ein Netzwerker war er dort nicht.

Traditionell freitagsabends pflegte Walter Schwenninger mit guten Freund(inn)en Fußball zu spielen. Wegen der Krankheit hatte er über die Jahre mehrfach Auszeiten nehmen müssen – und war doch immer wieder zurückgekommen. Letztmals vor drei Monaten. Da stand er im Tor. Viel lieber jedoch ballerte er aufs Tor. Bei Fehlversuchen sagte er: „Der kann auch reingehen.“

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27.09.2010, 12:00 Uhr
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