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Das Weltall sichtbar machen

Zum Tod des Tübinger Astrophysikers und begeisternden Vermittlers Hanns Ruder

Unvorstellbare Entfernungen, Lichtgeschwindigkeit, enorme Massen: In den Dimensionen des Universums war Hanns Ruder zu Hause. Und er arbeitete beständig daran, kosmologische Zusammenhänge auch für Laien sicht- und begreifbar zu machen. Am vergangenen Samstag ist der bedeutende Tübinger Astrophysiker mit knapp 76 Jahren gestorben.

22.10.2015

Von Ulrike Pfeil

Tübingen. Wenn selbst die größten Fernrohre und die besten Satelliten nur noch feine Signale aus dem Dunkel des Weltalls empfangen, kann der Theoretische Astrophysiker sich doch rechnerisch einen Reim darauf machen, was dort passiert. Oder vor unglaublich langer Zeit passiert ist. Die Bildung eines Röntgen-Doppelsterns zum Beispiel, eines Phänomens, bei dem ein Neutronenstern Materie aus einem Nachbarstern „saugt“. Allein mit der Berechnung gab sich Hanns Ruder jedoch nicht zufrieden. Er benutzte moderne Höchstleistungscomputer und bildgebende Verfahren, um das Geschehen zu visualisieren, für alle sicht- und nachvollziehbar zu machen.

„16 000 Lichtjahre von der Erde entfernt“, sagte Ruder einmal in einem TAGBLATT-Gespräch, „da fühlen wir uns wohl.“ Aber das Großartige an ihm war eben, dass er sich nicht als Wissenschaftler in diese von anderen unbegehbare Welt zurückzog, sondern ein breites Publikum einlud, ihm dorthin zu folgen. Hanns Ruder war ein ebenso genialer wie begeisternder Wissenschaftsvermittler.

Dass man seit dem Einstein-Jahr 2005 erleben kann, wie es wäre, auf einem Fahrrad mit beinahe Lichtgeschwindigkeit durch Tübingen zu brausen (die Giebel krümmen sich), verdankt man einer Ruder-Simulation im Rahmen des „Einstein-Mobils“, eines beweglichen Lernzentrums zur Relativitätstheorie. Drei solcher Mobile touren seither durch die Schulen, Hochschulen und Naturkunde-Museen der Republik.

Hanns Ruder, gebürtiger Nürnberger, wuchs mit einem körperlichen Handicap auf. Aufgrund einer Kinderlähmung konnte er nicht auf dem Fußballplatz herumtollen. Der Spielplatz, den er sich eroberte, war unendlich viel größer. Aus Ofenrohren, die im väterlichen Herdbetrieb zu finden waren, baute Ruder als Schüler die ersten Fernrohre. Mit 16 verfügte er über eine selbst gebaute Sternwarte, an der er zwei Jahre gearbeitet hatte; Abwasserrohre gehörten zu den Bestandteilen. Den Parabolspiegel schliff er mit der Hand zurecht, bis zu einer Genauigkeit von einem 20 000stel Millimeter. Die notwendige konstante Temperatur für das Verfahren fand er in einem alten Luftschutzbunker.

Nach dem Physikstudium, der Promotion und der Habilitation (1972) an der Universität Erlangen-Nürnberg erhielt Hanns Ruder dort 1978 eine Professur für Theoretische Physik. Drei Jahre später wurde er auf den Tübinger Lehrstuhl für Theoretische Astrophysik berufen, den er bis zu seiner Emeritierung 2006 inne hatte. Mit seiner Frau, einer Mathematikerin, und dem Sohn ließ er sich in Wurmlingen nieder.

Die Tübinger Astrophysik brachte Ruder vor allem mit einem Sonderforschungsbereich (SFB) nach vorne, der sich mit Visualisierungen von Prognosen der Relativitätstheorie beschäftigte. Zwölf Jahre lang war er dessen Sprecher; ein derzeit laufender Antrag auf einen neuen SFB zu Neutronensternen basiert auf der damals gewonnenen Expertise.

Ruder schaffte aber nicht nur viele Millionen an Forschungs-Drittmitteln heran. Einigen seiner 240 Tübinger Diplomanden und 120 Doktoranden verhalf er mit unternehmerischem Engagement und eigenem Risiko auch zu Firmengründungen. Die bekannteste ist die Tübinger Software-Firma Science and Computing.

In den zehn Jahren seit seiner Emeritierung lebte Hanns Ruder seine Umtriebigkeit, seinen Unternehmergeist und seine Findigkeit erst richtig aus. Im Kelternturm richtete er seine eigene kleine Firma ein. Er gründete eine Stiftung für interaktive Astronomie und Astrophysik (im Rahmen des Tübinger Uni-Bunds), die unter anderem die Einstein-Mobile unterhält, aber auch verschiedene Sternwarten, die mit seinem Zutun gegründet oder erhalten wurden. Eine davon, in Südfrankreich, hat er mit einer „Rentnergang“ aus ehemaligen IBM-Mitarbeitern aufgebaut, die er in einem Vortrag mit dem Astro-Virus infiziert hatte. Nie wurde Ruder müde, in Vorträgen die Lebendigkeit des Universums zu erklären und anhand von großartigen Bildern der besten Weltraum-Teleskope dessen Schönheit vorzuführen, seine Nebel und Galaxien.

„Er hatte eine Unmenge an Projekten“, sagt Ruders Sohn Michael, selbst Physiker. Manche, die er initiierte, hatten ganz lebenspraktische Anwendungen, etwa eine Methode zur Farbenerkennung für Blinde oder ein Softwareprogramm zur Bildschärfung von Digitalbildern.

Sein schönstes Projekt, das er bis zu seinem Lebensende begleitete, war dem Mond gewidmet. In der islamischen Welt kommt diesem Himmelskörper eine besondere Bedeutung zu. Der neue Uhrturm (das derzeit dritthöchste Gebäude der Welt), der im saudi-arabischen Mekka gebaut wurde, trägt nicht nur einen goldenen Halbmond auf der Spitze. In seinem Innern soll auf drei Etagen ein Mond- und Planeten-Museum eröffnet werden. Hanns Ruder wurde als wissenschaftlicher Berater herangezogen.

In dem Museum werden drei Globen hängen, von denen zwei den Mond repräsentieren, einer die Erde. In einem Maßstab von eins zu einer Million ist da die Mondoberfläche mit all ihren Kratern und Ebenen auf einer Kugel von dreieinhalb Metern Durchmesser plastisch herausgearbeitet – nach den aktuellsten Daten der amerikanischen Raumfahrtorganisation Nasa, die Ruder in eine ultragenaue Fräsmaschine einspeisen ließ. Die einzelnen Mond-Segmente wurden im Gomaringer Betrieb von Joachim Pflug gefräst.

Mit den Fußspuren der Mond-Astronauten

Es ist typisch für Ruders Freude am Erleben von Wissen, dass er die Monde und die Erde vor dem Transport nach Saudi-Arabien mit einer kleinen Zeremonie in einem Kreis von Eingeweihten verabschiedete. Das war im Frühjahr 2013. Zu den Monden, die in einem leerstehenden Sportzentrum aufgehängt waren, führten Fußspuren von den Schuhen der ersten Mond-Astronauten. Ein Chor sang „Der Mond ist aufgegangen“. Ruder erläuterte die Geschichte und die Bewegungsgesetze des Erdtrabanten, beseelt vom Gelingen des Projekts, von der Kooperation mit dem Handwerksbetrieb aus der Region.

Wenige Wochen später wurde bei ihm die Krebserkrankung diagnostiziert, an der er jetzt gestorben ist, voller Pläne für die nächsten Jahre.

Die Beerdigung von Hanns Ruder ist am Donnerstag, 29. Oktober, um 14 Uhr auf dem Tübinger Bergfriedhof.

„Man ist ein Stäubchen im Weltall“: Hanns Ruder bei einer Tübinger Vortragsveranstaltung, 2010. Archivbild: Ulmer

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Erstellt:
22. Oktober 2015, 12:00 Uhr
Aktualisiert:
22. Oktober 2015, 12:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 22. Oktober 2015, 12:00 Uhr

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