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Unter den Leuten statt im Elfenbeinturm

Zum Tod des Mundartforschers Arno Ruoff

Der Tübinger Mundartforscher Arno Ruoff hat sein Fach in den vergangenen Jahrzehnten maßgeblich mitgeprägt. Jetzt ist er 80-jährig gestorben.

20.08.2010
  • DIETER HERZ

Tübingen Er galt als der beste Kenner gesprochener Sprache in Baden-Württemberg: Der Mundartforcher Arno Ruoff ist tot. Er starb im Alter von 80 Jahren in Wolfenhausen bei Rottenburg. Die Auszeichnung, der Fachmann für die schwäbische Mundart schlechthin zu sein, hatte sich der gebürtige Stuttgarter "im Feld" erworben: Mitte der 1950er Jahre hatte er begonnen, systematisch Gespräche mit Frauen und Männern aller Regionen, jedweder Profession und (fast) jeden Alters mit dem Tonbandgerät aufzuzeichnen.

Die Idee einer flächendeckenden Dokumentation gesprochener Sprache ging vom Deutschen Spracharchiv in Münster aus. Nirgendwo im Land aber wurde das Projekt mit soviel Ausdauer vorangetrieben wie im Südwesten, wo neben Ruoff anfangs auch der spätere Direktor des Tübinger Ludwig-Uhland-Institutes, Hermann Bausinger, mit dem Tonbandgerät ausschwärmte. Interviewt wurden Einheimische und Zugezogene, die aus ihrem Leben erzählten. Nach und nach kamen gut 2000 Aufnahmen aus mehr als 500 Orten in Baden-Württemberg, Bayerisch-Schwaben, Vorarlberg und Liechtenstein zusammen.

Und alle mussten verschriftlicht werden. Denn Ruoff entwickelte einen ehrgeizigen Forschungsplan: Er interessierte sich für Satzbau und Fremdwörtergebrauch, er klopfte das Korpus auf Wortarten, Konjunktionen und stilistische Eigenheiten ab. Und er wollte wissen, ob Frauen anders sprechen als Männer. Antwort: Das tun sie. Männer haben eine Vorliebe für genaue Orts- und Zeitangaben, Frauen bilden kürzere Sätze und sagen öfter "man".

1973 gründete Arno Ruoff seine der Universität angeschlossene "Tübinger Arbeitsstelle Sprache in Südwestdeutschland", die er bis zur Pensionierung 1995 leitete. Er hat der traditionsreichen Tübinger Dialektologenschule neue Perspektiven eröffnet, hat aber auch das Feld der Orts- und Flurnamen beackert; das "Flurnamenbuch Baden-Württemberg" stammt aus seiner Feder. Die Untersuchung der fränkisch-alemannischen Sprachgrenze von Dinkelsbühl bis ins Unterelsass, die er mit Studenten vornahm, wurde mit dem Johann-Andreas Schmeller-Preis gewürdigt. 1999 erhielt er für sein Lebenswerk den Ludwig-Uhland-Preis.

Den akademischen Elfenbeinturm hat Arno Ruoff nie bewohnt. Er arbeitete stets mit Bodenhaftung und begegnete allen Gewährsleuten mit gleich großem Interesse - egal, ob sie Waldarbeiter oder Oberstudienrat, Putzfrau, Mesnerin, Sparkassenangestellter oder der Fürst von Liechtenstein waren. "Sprache ändert sich, weil sie lebendig ist", lautete sein Credo. Sprachpflegerische Bemühungen waren ihm nicht geheuer. Hingegen schätzte er den fundierten, zugleich aber augenzwinkernden Umgang mit Sprache - wie dies auch in der Wochenend-Mundartserie der SÜDWEST PRESSE gepflegt wird. Ruoffs prüfender Blick war Garant dafür, dass diese Texte stets wissenschaftlichen Kriterien genügten.

Zum Tod des Mundartforschers Arno Ruoff
Arno Ruoff sah die Bedeutung der Mundart zunehmen, weil sie Identität stiftet.

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20.08.2010, 12:00 Uhr
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