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Er rückte den Menschen zu Leibe

Zum Tod des Bildhauers Alfred Hrdlicka

Krieg, Gewalt, Faschismus standen im Mittelpunkt seines kantigen Schaffens: Der Bildhauer Alfred Hrdlicka ist

07.12.2009

Von JÜRGEN KANOLD

Wien im Alter von 81 Jahren in Wien gestorben.

Am gewalttätigen, triebgesteuerten Menschen hat er sich abgearbeitet. Tonnen von Stein hat er weggehauen, mit Hammer und Meißel, an gewaltigen Marmorblöcken das Wahrhaftige gesucht: Der am Samstag im Alter von 81 Jahren gestorbene Alfred Hrdlicka war ein muskulöser, wütender Humanist. "Alle Macht in der Kunst geht vom Fleische aus", war die Erkenntnis eines religiösen Atheisten, der dem Menschen auf den Leib rückte.

So zeigte der Wiener aus kommunistischem Milieu gleichermaßen die brutalen Täter wie deren grausam geschundene Opfer. Körper schlug der Bildhauer ab bis zum auf Leid und Anklage reduzierten Torso. Aber auch der Widerstand manifestierte sich: die geballte Faust. Erschütternd jedoch, wie der bald 80-jährige Hrdlicka im Januar 2008 nach Schwäbisch Hall kam, um in der Kunsthalle Würth seine kolossale Werkschau zu eröffnen. Im Rollstuhl saß ein krankes Männchen und signierte in Begleitung seiner Ehefrau und Muse Angelina mit zitternder Hand zahllose Kataloge. Die schwere Bildhauerei - darunter das Friedrich-Engels-Denkmal für Wuppertal und das Mahnmal gegen Krieg und Faschismus vor der Wiener Albertina - hatte Hrdlicka gezeichnet, die Wirbelsäule gekrümmt.

Malträtiertes Fleisch, das war ein großes Thema des österreichischen Künstlers und expressiven Realisten. Nicht zuletzt die antike Figur des von Apoll gehäuteten Marsyas beeindruckte diesen lauten Kämpfer gegen Autoritäten: weil da einer gegen die Gottheit "aufgemuckt" hatte. Kopfunter hängt Hrdlickas marmorner "Marsyas II" von 1965 an der Stange, wie ein Gekreuzigter. Auch als Maler und Zeichner war Hrdlicka in der Kunsthalle Würth vertreten. Sammler Reinhold Würth schätzte seine "aggressive Gegenständlichkeit" und die politische Haltung, die Mahnrufe des "Nie wieder!" Der Unternehmer und der "Ultra-Stalinist" Hrdlicka, das war eine bemerkenswerte Beziehung.

Gewalt, Tod, Sexualität, das waren die Themen eines Künstlers aus dem Wien Sigmund Freuds. Am 27. Februar 1928 wurde Hrdlicka in der Donaumetropole geboren, den Faschismus erlebte er bitter schon als Kind; nach einer Zahntechnikerlehre studierte er in Wien zunächst Malerei, wandte sich dann der Bildhauerei zu. Beides verband Hrdlicka als Bühnenkünstler. Beeindruckend der riesige Liebes-Prospekt für Luigi Nonos Oper "Intolleranza 1960", den er für die Stuttgarter Staatsoper malte (an der Stuttgarter Staatlichen Akademie der Bildenden Künste hatte er auch eine Professur inne).

Kantiger Bildhauer: Alfred Hrdlicka, im Januar 2008, in der Kunsthalle in Schwäbisch Hall. Foto: dpa

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Erstellt:
7. Dezember 2009, 12:00 Uhr
Aktualisiert:
7. Dezember 2009, 12:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 7. Dezember 2009, 12:00 Uhr

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