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Menschenrechte unterm Arm

Zum Tod der vielfältigen Tübinger Aktivistin Ursula Schröder

Sie war aus der Tübinger Friedensbewegung und den sozialen Initiativen nicht wegzudenken. Die zierliche Frau mit den weißen Löckchen unter dem Hut fehlte noch in hohem Alter auf keiner Kundgebung. Vor wenigen Tagen ist Dr. Ursula Schröder mit 93 Jahren gestorben.

24.11.2009
  • Ulrike Pfeil

Tübingen. Die Traueranzeigen in der Zeitung verrieten Ort und Zeit der Beisetzung nicht, denn Ursula Schröder wollte zeitlebens kein Aufhebens um ihre Person. Ihrem Wunsch gemäß wurde sie am vergangenen Donnerstag auf dem Tübinger Bergfriedhof bestattet, in einem anonymen Urnengrab.

Vierzehn Initiativen, vom Friedensplenum über Terre des Femmes, die Unabhängige Patientenberatung, das Aktionszentrum Arme Welt bis zur Armutskonferenz und den Senioren für den Frieden standen unter einem der Nachrufe – und das waren noch nicht alle, denen Ursula Schröder angehört, ja, die sie zu einem großen Teil mitgegründet hatte. Sie schwang keine großen Reden, stand nicht in vorderster Reihe, aber sie war immer da: verlässlich, kritisch, nicht einzuschüchtern. Einfach hinzustehen, Bürgerbewegungen zu unterstützen, das war ihr Verständnis von gelebter Demokratie, von Rechtsstaat und auch von sozialem Anstand.

Woher kamen diese konsequente Haltung, ihre Unrast und Energie? Ursula Schröder, 1916 geboren, stammte aus einer Bremer Kaufmannsfamilie. Sie machte Abitur an einem Mädchengymnasium, studierte in Freiburg, München und Kiel; Geschichte, Germanistik, Philosophie. Für ihre Dissertation recherchierte sie in einem Archiv in Schweden; ein Perspektivenwechsel auf Nazideutschland.

Zu Kriegsbeginn promovierte sie, heiratete aber schon 1940 mit gerade 24 Jahren; ihr Mann war Jura-Dozent in Münster und wurde bald nach Graz berufen. Mit kleinen Kindern flüchtete sie nach Kriegsende auf abenteuerliche Weise durch das von Tito-Truppen besetzte Kärnten. Zuhause erfuhr sie die bittere Kriegsbilanz ihrer Familie: Zwei Brüder und ein Schwager gefallen, ein dritter Bruder beinamputiert.

1956 wurde ihr Mann Professor in Tübingen. „Die Verzögerung der gesellschaftlichen Entwicklung gegenüber dem Norden war erstaunlich“, stellte sie in einem Lebensbericht fest. Die Sparkasse wollte für eine Konto-Eröffnung eine Erlaubnis ihres Mannes sehen, andererseits wurde sie „dauernd mit Frau Professor angeredet“.

In diesem Umfeld stand sie 1969 nach der Scheidung vor einem Neuanfang – und ihr wurde bewusst, dass sie keinen Beruf hatte. Davor hat Ursula Schröder junge Frauen stets gewarnt. Deshalb engagierte sie sich für Kinderbetreuung und gegen den Paragraphen 218. Sie holte die Emanzipation nach, die ihr die Nazizeit versagt hatte.

Sie definierte sich als „geistige Trümmerfrau“: Aufräumen mit Autoritätshörigkeit, Demokratie einfordern. Sie kämpfte gegen Notstandsgesetze und Berufsverbote, erlebte die 1968er Zeit als Mitglied im Studentenwerksbeirat, half dem Studentenwerks-Selbsthilfeverein auf die Beine, setzte sich für Strafgefangene ein, wirkte als Schöffin und ehrenamtliche Bewährungshelferin. Ihre Bibel waren die Menschenrechte, die sie stets bei sich trug, um bei Bedarf daraus zu zitieren.

Was nur wenige ihrer politischen Freunde wussten: Sie war auch eine begeisterte und ehrgeizige Tennisspielerin. Dass der Tübinger Tennisverein zu seinem Hundertjährigen dieses Jahr für seinen Jubiläumsstempel ein frühes Foto von ihr im Tennisdress verwendete, amüsierte sie und schmeichelte ihr.

Trotz stark eingeschränkter Sehkraft war sie fast bis zuletzt selbstständig in der Stadt unterwegs und immer bestens informiert. „Morgens um neun“, berichtet eine Bekannte aus dem Friedensplenum, „hatte sie schon die Zeitung gelesen. Dann rief sie an und regte sich schon auf.“

Zum Tod der vielfältigen Tübinger Aktivistin Ursula Schröder
Ursula Schröder Privatbild

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24.11.2009, 12:00 Uhr
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