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Landesregierung

Neues Format: Zuhören statt zutexten

Das Rezo-Video und die Fridays-for-Future-Bewegung haben die Politik aufgeschreckt. Die Landesregierung will nun mit einem neuen Format auf Jugendliche zugehen.

19.07.2019

Von ROLAND MUSCHEL

Die Zielgruppe einer „Zuhören“-Aktion von Landespolitikern: Klimaschutz-Demonstranten in Stuttgart. Foto: Sebastian Gollnow/dpa

Stuttgart. Vor wenigen Wochen hatte Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Grüne) eine Gruppe junger Leute zum Gespräch in die Villa Reitzenstein eingeladen. Es waren Vertreter der Fridays-for-Future-Bewegung, die ihre Ideen und Forderungen auch gegenüber dem Regierungschef unerschrocken vorbrachten. Beim früheren Gymnasiallehrer Kretschmann aber kam sein alter Beruf durch; er versuchte die Jugendlichen zu belehren, warum die Politik nicht so schnell so viel fürs Klima machen könne, wie es die jungen Demonstranten einfordern. Warum die Grundregeln der Demokratie, die Suche nach Mehrheiten und Kompromissen, nicht einfach außer Kraft gesetzt werden könnten. Hinterher, so erzählt es Kretschmann selbst, habe er mitbekommen, dass sich die jungen Leute doch „zu sehr zugetextet fühlten, dass wir ihnen zu lehrerhaft waren“.

Nun will es Kretschmann, will es die Landesregierung anders machen. An diesem Samstag kommt es in der Villa Reitzenstein, Kretschmanns Amtssitz, zu einem spannenden Experiment. Auf Initiative des Schauspiels Stuttgart werden über 200 Jugendliche kommen, dazu mindestens sieben Kabinettsmitglieder, Landtagspräsidentin Muhterem Aras (Grüne) und SPD-Landeschef Andreas Stoch.

Diesmal bestimmen die Jugendlichen die Gesprächsformate, sie setzen die Themen und führen die Debatten. „Bei diesem völlig neuen Format führen die Jugendlichen Regie und bestimmen, wo's lang geht“, sagt Kretschmann. „Wir Politiker besetzen die Rolle der Zuhörenden.“

„Wir waren zu lehrerhaft“: Winfried Kretschmann. Foto: Sebastian Gollnow/dpa

Auch CDU-Vize-Regierungschef Thomas Strobl wird sich den Fragen und Forderungen stellen. Seiner Partei hatte zuletzt das Video des jungen Youtubers Rezo, das „Die Zerstörung der CDU“ zum Inhalt hatte, zugesetzt.

Der Park der Villa soll am Samstag zur Bühne für die Jugendlichen werden, auf der sie ihre Wünsche, Anliegen und Sorgen formulieren. „Die Politik soll erst einmal zuhören und sich den Wünschen stellen“, sagt der Intendant des Schauspiels Stuttgart, Burkhard C. Kosminski, der das Projekt „zu hören – zuhören“ auf die Beine gestellt hat. „Es geht eben um mehr, als nur den Freitagsdemos zu applaudieren und sich über die Re-Politisierung der Jugend zu freuen.“

„Die junge Generation sorgt sich um ihre Zukunft“, sagt Kosminski. „Zu Recht, denn wir stehen vor großen Herausforderungen. Wir Erwachsenen handeln dabei manchmal zu pragmatisch – oder zu kurzsichtig.“ Er sieht das Schauspiel als Vermittler und Türöffner: „Wir stellen den Jugendlichen die künstlerische Infrastruktur zur Verfügung, damit sie auf Augenhöhe mit der Politik sprechen und von ihr gehört werden können.“ Entscheidend dabei seien Ort und Art des Zusammentreffens: nicht auf der Straße, nicht über die Presse, sondern von Angesicht zu Angesicht und dort, wo tatsächlich Politik gemacht wird.

Ein politisches Picknick gehört genauso zum Programm wie Poetry Slams und die Übergabe eines Forderungskatalogs, den die Jugendlichen in den vergangenen Wochen erarbeitet haben. Es sei „natürlich unsere Traum-Vorstellung, dass der Dialog von Angesicht zu Angesicht, den wir am 20. Juli zwischen den Jugendlichen und der Politik initiieren, fortgeführt wird. Dass von den Begegnungen dort der Impuls ausgeht, Jugendliche tatsächlich in politische Entscheidungsprozesse einzubinden“, blickt Kosminski über den Tag hinaus. Gleichzeitig wünsche er sich, dass sich noch viel mehr Jugendliche durch „zu hören – zuhören“ ermächtigt fühlen, „sich zu äußern und unsere Zukunft aktiv mitzugestalten“.

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Erstellt:
19. Juli 2019, 06:00 Uhr
Aktualisiert:
19. Juli 2019, 06:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 19. Juli 2019, 06:00 Uhr

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