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Zucken und singen
Lutters Weinstube? Nein, ein herrlich surrealer Raum der Anna Viebrock, nachempfunden dem Circulo de Bellas Artes in Madrid. Foto: A. T. Schaefer
Surreale Welt: "Hoffmanns Erzählungen" an der Oper Stuttgart

Zucken und singen

Der verzagt liebende Dichter in einer surreal verzerrten Welt: Christoph Marthaler hat "Hoffmanns Erzählungen" an der Oper Stuttgart inszeniert. Oft magisch, mit Pointen. Und die Musik: teils großartig.

21.03.2016
  • JÜRGEN KANOLD

Stuttgart. Lutter & Wegner am Berliner Gendarmenmarkt vertreibt bis heute Rieslingsekt, und in der Weinstube soff sich der Dichter E. T. A. Hoffmann einen der berühmtesten Räusche der Operngeschichte an - jedenfalls deliriert dort ein Literat laut Libretto seine Sehnsüchte. Denn eine schwere Liebesnot geht mit der Schaffenskrise einher. Olympia, Antonia, Giulietta heißen die verflossenen Frauen, von denen Hoffmann den Zechbrüdern berichtet - oder meint er immer nur die eine, Stella? Oder auch nur sich, den Dichter, der seiner alkoholisierten Fantasie nicht entkommen kann?

Man weiß jetzt nicht, was Hoffmann in der Inszenierung Christoph Marthalers genommen hat. Aber in Stuttgart taumelt der Dichter durch eine surreale Welt. Er erzählt nicht, er wird erzählt. Und zwar in einem magischen Raum Anna Viebrocks. Dass darin die Uhr keine Zeiger hat: natürlich.

In einer Koproduktion mit dem Teatro Real in Madrid zeigt die Oper Stuttgart nun Jacques Offenbachs letztes, unvollendetes Werk "Hoffmanns Erzählungen"(in einer Rezitativfassung). Der verstorbene Gerard Mortier hatte diese Aufführung als Intendant in Madrid noch inspiriert, auf den Spielplan gesetzt und das kongeniale Duo Marthaler/Viebrock zu einem idealen Schauplatz geführt: zum Circulo de Bellas Artes, einem Haus der Kreativen in der spanischen Hauptstadt mit Zeichensälen, Theater, Bibliothek, Café und Billardsalon in Art-Deco-Nostalgie. Marthaler empfand hier die "vollkommene Gleichzeitigkeit" einer geistigen und künstlerischen Produktivität, Anna Viebrock baute entsprechend die Szenerie.

Eine vollgestellte Halle mit Cafébar und Billardtischen, mit Sesselreihen wie im Theater und mit Skulpturen. Exponiert treten Akt-Modelle auf und ab, fleißige Studenten sitzen vor ihren Skizzenblöcken. Zerfließende Wirklichkeit, irritierende Figuren. Ein solcher Raum stellt bei Marthaler auch einen Wartesaal oder eine Psychiatrie des Lebens dar: mit ruhelosen Menschen auf dem Schicksals-Parcours. Eine Seelenwelt: mit dem verlorenen Turnschuhträger Hoffmann, den Marc Laho mit schön französischem Heldentenor-Timbre verkörpert, auch wenn er an Grenzen stößt; mit der stets ihn engelsgleich antreibenden Muse, schlau und bezwingend gesungen von Sophie Marilley; mit dem teuflischen Gegenspieler Lindoro/Coppelius/Mirakel/Dapertutto, den Alex Esposito so frostig, aasig wie heißglühend ins Spiel bringt. Und mit Slapstick-Gestalten, herumstolpernden Kellnern zum Beispiel.

Lähmendes Ritual und wild zuckender Wahn - das passt gut zu Offenbachs Musik, die alle Stimmungslagen bietet: lustvolle Operette und hochromantisch große Oper. Sylvain Cambreling, der schon 2014 in Madrid die Premiere dirigiert hatte, gelang mit dem Staatsorchester ein starker Abend: mit viel Esprit, elanvoll hingepinselten Klangfarben, mit Präzision und Temperament.

Die Sache im Griff hat in dieser Welt der irre Spalanzani, der den Automaten Olympia konstruiert hat - auch wenn er zuweilen mit den Einzelteilen seiner Puppen kämpfen muss. Aber Spalanzani - Hausmeister, Physiker und Pathologe in einem - steuert mit einer Fernbedienung alles: Licht, Körper, Geist. Es ist Graham F. Valentine, der Ur-Schauspieler des Marthaler-Theaters, die lebendige Inszenierungs-Signatur des Schweizers - und, ja, kühl krächzend singt er auch. Ein herrlicher Kontrast zur Olympia-Virtuosität, zu Ana Durlovskis fantastischer Koloraturen-Maschinerie, die sie aber geradezu gefühlvoll anwirft. Eine Puppe, die sehr menschlich staunt über das Spektakel. Und die nicht viel weniger Leben in sich hat als die anderen Frauen: die sich verzehrende Antonia, von Mandy Fredrich elegisch-lyrisch gesungen; die Kurtisane Giulietta, ein dramatischer Fall für Simone Schneider.

Es gibt in dieser Aufführung Pointen und Rührseligkeiten, Späße, Attacke, bleiernes Melodram, schmissige Chor-Nummern und Melodienpracht - aber gewiss kein stringentes Künstlerdrama in fünf Akten. Dafür aber skurrile Unterhaltung, Gedanken, Überraschungen, feine Brüche. Wenn Hoffmann am Ende noch die letzte Strophe des Liedes von Klein-Zack singt, marschiert Stella (Altea Garrido) herein und hält eine wütende Rede - auf Portugiesisch, mit Worten des Dichters Fernando Pessoa. Sie beleidigt den "Sauhaufen" der Intellektuellen. Und überhaupt: "Ihr Routiniers der Revolution, schleicht euch!"

Aber dann kommt s musikalisch, im Chor, auch zur Einsicht: "Man wird groß durch die Liebe und größer noch durch Tränen." Das geht - mit Ironie - wiederum ans Herz. Und der Mann im weißen Kittel knipst das Licht aus. Großer Jubel.

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21.03.2016, 08:30 Uhr
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