Cookies erleichtern die Bereitstellung unserer Dienste. Mit der Nutzung unserer Dienste erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies verwenden. OK Weitere Informationen

„Zu viel Macht korrumpiert“

Interview mit Theaterforscher Thomas Schmidt

Theaterforscher Thomas Schmidt hat eine Studie zu Machtmissbrauch an deutschen Bühnen vorgelegt. Sie enthüllt gravierende Probleme in den Strukturen.

16.10.2019

Von Lena Grundhuber

Foto: Getty Images/Hero Images

Frankfurt. Thomas Schmidt ist ein Theaterkind und hat von Kindesbeinen an erlebt, wie es auf und hinter deutschen Bühnen zugeht: „Ich habe meinen Vater selten gesehen“, erzählt er, „er kam jeden Abend so spät nach Hause, dass wir Kinder längst schon geschlafen haben. Und er hat fast jedes Wochenende geprobt und gespielt, wie alle seine Kolleginnen und Kollegen.“ Heute ist Schmidt Leiter des Masterprogramms für Theater- und Orchestermanagement an der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst in Frankfurt und will dazu beitragen, die Strukturen zu modernisieren. Im Jahr nach „#Metoo“ hat er jetzt seine Studie zu Macht und Machtmissbrauch an deutschen Theatern publiziert. Sie gibt seinen Erfahrungen recht – vor allem, was Künstlerinnen betrifft.

Wieso kam es zu der Studie?

Thomas Schmidt: Ich hatte bereits in einer früheren Studie über das Theatersystem gravierende strukturelle Mängel festgestellt: Das Intendantenmodell bedingt Machtmissbrauch. Allerdings fielen die Ergebnisse in der neuen Studie noch deutlicher aus als erwartet. 55 Prozent der Darstellerinnen, Darsteller und künstlerischen Mitarbeiter an den Theatern sind mit Machtmissbrauch in Berührung gekommen. Das fängt bei Diskriminierungen wie Mobbing an und endet bei psychischem und sexuellem Missbrauch.

Trifft das Frauen härter als Männer?

Ja, beides betrifft Frauen deutlich mehr. Alle messbaren Ergebnisse der Studie zeigen, dass sie in allen Bereichen benachteiligt werden. Sie arbeiten länger, sie verdienen weniger, haben weniger Freizeit, gründen viel später Familien und erfahren häufiger psychischen und physischen Missbrauch. Ein männlicher Mächtiger wird immer zuerst eine Frau angehen, weil er weniger Gegenwehr erwartet.

Wie sind die konkreten Zahlen?

Die sind deutlich: Mehr als 50 Prozent der Teilnehmer der Studie sind an ihrer aktuellen Wirkungsstätte einer Form von Missbrauch ausgesetzt oder ausgesetzt gewesen, unter den Frauen liegt der Anteil noch deutlich höher. Und hier geht es nicht um Einzelfälle, das ist inzwischen nahezu flächendeckend.

Thomas Schmidt ist selbst ein Theaterkind. Foto: Conny Winkler

Das Intendantenmodell ist aber eine etablierte deutsche Institution.

Ja, das ist ein sehr deutsches Modell, in den USA etwa ist das unüblich. Dort gibt es ein Leitungsteam und einen Aufsichtsrat, ein Board, der eine aktivere Funktion als bei uns innehat. Das deutsche Modell kommt aus der Zeit um 1900, als ein quasi-feudalistisches Modell mit dem Intendanten als Alleinherrscher entstand – sogar der kaufmännische Direktor ist ihm untergeordnet. Damals war das wichtig, um sich gegen Politik und Zensur abzugrenzen. Wir hätten das aber schon in den 70er Jahren ändern müssen, damals gab es die ersten Proteste, leider ist das damals nicht konsequent genug weiterverfolgt worden.

Was muss denn anders werden?

Es muss ein Team geben, das die Leitung paritätisch übernimmt, Kompetenzen unter sich verteilt und sich gegenseitig kontrolliert, denn zu viel Macht korrumpiert. Niemand traut sich heute, einem Intendanten zu widersprechen, weil sie oder er sofort nicht verlängert, also gekündigt werden könnte, und das passiert ja auch häufig. Bis auf Ausnahmen funktionieren die meisten Theater in Deutschland noch nach diesem Modell. Außerdem braucht es eine Reform des Deutschen Bühnenvereins, den man in einen Intendanten- und einen Arbeitgeber-Verein trennen müsste – im Moment ist das noch ein Hybrid.

Und wie sieht es mit der Geschlechtergerechtigkeit aus?

75 Prozent der Theater werden von Männern geleitet, daran hat sich nicht viel geändert. Auch die meisten der jüngsten Berufungen auf Intendantenposten gingen an Männer, etwa an der Volksbühne Berlin, in Cottbus oder Anklam. Ich denke, es gibt eine Urangst, dass Dinge sich verändern, wenn Frauen die Leitung übernehmen, weil dann anders kommuniziert und entschieden wird.

Wie kann es sein, dass sich trotz aller Diskussionen nichts tut?

Das Problem sind die Arbeitsverträge des so genannten Normal-Vertrags Bühne. Dabei handelt es sich quasi um ein Kettenvertragsmodell, das sich jeweils um ein Jahr verlängert. Eine Schauspielerin oder ein Schauspieler weiß nie, wie lange sie oder er an einem Ort bleibt. Jeden Oktober kann man gekündigt werden – „aus künstlerischen Gründen“, das erlaubt der Vertrag. Je älter man wird, desto mehr Angst hat man, nicht verlängert zu werden. Und das führt dazu, dass man sich nicht kritisch äußert, denn das würde zur Nichtverlängerung führen, das hat meine Studie eindeutig ergeben.

Wie könnte man das lösen?

Indem die Schauspielerinnen und Schauspieler zum Beispiel genauso lange angestellt werden wie der Intendant, oder indem sie von einem neuen Intendanten übernommen werden müssen – bislang ist es ja Usus, dass das Ensemble ausgetauscht wird, wenn ein neuer Intendant ans Theater kommt. Diese Arbeitsbedingungen haben mit dem 21. Jahrhundert nichts zu tun. Ungerechtigkeit herrscht auch sonst: Theatermitarbeiter mit starken Gewerkschaften verdienen 50 bis 100 Prozent mehr als Darsteller. Von 2000 Euro brutto als Mindestgage kann man keine Familie ernähren – 40 Prozent der künstlerischen Mitarbeiter verdienen um die 2000 Euro, nur 18 Prozent erhalten Gagen über 3000 Euro – alles Brutto. Deshalb schlage ich vor, einen Theatereinheitsvertrag einzuführen, der für alle Gruppen im Theater gleiche Bedingungen formuliert.

Welche Veränderungen wären sonst noch nötig?

Die Leitung sollte sich zu einer Teamstruktur hin öffnen, Ensemblevertreter sollten einen Platz in den Aufsichtsgremien bekommen. Die Arbeitsbelastung muss reduziert werden – laut meiner Studie arbeiten 54 Prozent bis zu zehn Stunden und mehr täglich, 28 Prozent arbeiten jedes Wochenende, was auch daran liegt, dass zu viele Produktionen auf die Bühne gebracht werden. Probenfreie Samstage oder Montage müssen eingeführt werden, die Theater sollten sich einen Verhaltenskodex geben. Wichtig sind auch sogenannte Ombudsstellen als unabhängige Ansprechpartner in den Theatern bei Problemen.

Glauben Sie, die Initiativen werden Erfolg haben?

Irgendwann kommt der Punkt, an dem die gegenwärtige Fissur im System zum Riss wird, spätestens dann muss zügig gehandelt und modernisiert werden. Bündnisse wie das Ensemble-Netzwerk oder Pro Quote halten dagegen, junge Künstler wehren sich zunehmend gegen die Arbeitsbedingungen und patriarchalen Hierarchien in den Theatern. Wenn die Gewerkschaften mitziehen, kann etwas erreicht werden – die großen Beharrungskräfte sind ja auch ein Ausdruck für die kommenden Veränderungen. Auch diese Studie soll dazu beitragen, denn ihr Grundanliegen ist es, die wichtigste Ressource des Theaters zu schützen: die Darsteller und Mitarbeiter.

Zum Artikel

Erstellt:
16. Oktober 2019, 06:00 Uhr
Aktualisiert:
16. Oktober 2019, 06:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 16. Oktober 2019, 06:00 Uhr

Artikel empfehlen

Artikel Aktionen

Sie möchten diesen Artikel weiter nutzen? Bitte beachten Sie unsere Hinweise zur Lizenzierung.

Push aufs Handy

Die wichtigsten Nachrichten direkt aufs Smartphone: Installieren Sie die Tagblatt-App für iOS oder für Android und erhalten Sie Push-Meldungen über die wichtigsten Ereignisse und interessantesten Themen aus der Region Tübingen.

Newsletter

Um unsere Newsletter zu erhalten, müssen Sie sich anmelden oder als Benutzer kostenlos neu registrieren. Ihre Daten werden ausschließlich für die Newsletter verwendet - nur falls Sie auch weitere Angebote des Verlags Schwäbisches Tagblatt wählen, auch für diese.
Das Tagblatt in den Sozialen Netzen

Faceboook      Instagram      Twitter           Google+      Google+