Immer mehr Lieferwagen

Zu viel Autoverkehr in Tübingens Fußgängerzone

Der größte Teil der Tübinger Innenstadt ist Fußgängerzone. Und dennoch fahren viele Autos und Lieferwagen durch Tübingens gute Stube. Zu viele, wie die Bürgerinitiative Altstadt und die CDU-Gemeinderatsfraktion finden. Nun werden Lösungen gesucht.

04.05.2012

Von sabine lohr

Tübingen. Der TAGBLATT-Fotograf musste nicht lange warten, um am Vormittag einen Lieferwagen in der Neckargasse zu fotografieren, der sich durch die Masse der Fußgänger hindurch bergab bewegte. Es war das Fahrzeug eines Paketdienstes. Hinter der Windschutzscheibe lag die Ausnahmegenehmigung der Stadtverwaltung, die dem Fahrer erlaubt, die Fußgängerzone auch zwischen 10 und 16 Uhr zu befahren.

180 solcher Genehmigungen für Lieferdienste gibt es, dazu kommen noch 120 Genehmigungen für Beschäftigte, die ihr Auto auf einem Stellplatz oder in einer Garage in der Altstadt abstellen, 70 für Lieferanten zu Geschäften und Wirtshäusern, rund 100 für Geschäftsführer von Handwerksbetrieben, 60 für Ärzte und soziale Dienste und 25 für Marktbeschicker. Außerdem dürfen Anwohner jederzeit in der Fußgängerzone fahren, auch Schwerbehinderte, Handwerker, Rettungsdienste, Taxen, Müllfahrzeuge, Straßenreinigung und die Stadtwerke haben diese Erlaubnis.

Und schließlich gibt es auch noch etliche, die ohne Genehmigung in die Fußgängerzone fahren. Die würden noch nicht einmal dafür bestraft, klagt Angelika Gürtler von der Bürgerinitiative (BI) Altstadt: „Die ganze Bundesrepublik und halb Österreich fährt in die Altstadt rein und wieder raus und wird auch noch freundlich begrüßt“, sagt sie überspitzt. Sie fordert deshalb mehr Kontrollen.

Über den „ausufernden motorisierten Verkehr in der Altstadt“ beschwerte sich jetzt auch die CDU-Fraktion, die die Stadtverwaltung in einem Antrag dazu auffordert, etwas zu unternehmen.

Weil sich Bewohner und Besucher zunehmend über den Altstadt-Verkehr beschweren, hat die Verwaltung an zwei Tagen im November jeweils zwischen 8 und 16 Uhr genau hingeschaut und gezählt. An beiden Tagen fuhren jeweils über 500 Fahrzeuge durch die Altstadt. 17 Prozent davon ohne Genehmigung. Den größten Anteil (27 Prozent) machten Lieferanten aus, weitere 20 Prozent Handwerker. Zehn Prozent des Verkehrs verursachen die Anwohner, sieben Prozent die Beschäftigten und 15 Prozent diejenigen, die ohnehin in der Altstadt fahren dürfen.

Tagsüber sperren für alle Nutzer

Die Verwaltung hat einige Ideen, wie der Verkehr reduziert werden könnte. Zum Beispiel durch die Verkürzung der erlaubnisfreien Zeit für Lieferanten. Was eventuell einhergehen könnte mit Haltestellen für die Paketdienste am Rand der Altstadt. Von dort aus könnten die Waren zu Fuß verteilt werden. Die Stadt prüft zur Zeit, ob eine solche Möglichkeit rechtlich überhaupt zulässig wäre – immerhin bräuchten die Lieferanten länger für die Zustellung.

Außerdem könnten die Berechtigungen für Handwerker und Lieferanten eingeschränkt und verteuert werden, was diese aber ablehnen. Und auch die Sperrung der Neckargasse durch Poller hält die Verwaltung für problematisch, weil dann Polizei, Feuerwehr und DRK nicht mehr einfahren könnten.

Und noch einen Vorschlag macht sie, den zumindest die BI Altstadt mitträgt: Die Fußgängerzone von 10 bis 18 Uhr für alle Nutzer komplett zu sperren – mit einer Ausnahme: Bewohner und Beschäftigte mit Stellplatz oder Garage dürfen durch die Altstadt fahren. Lediglich von 6 bis 10 Uhr und von 18 bis 20 Uhr wären dann noch Lieferungen möglich. In Freiburg wird das seit 30 Jahren so praktiziert, weshalb diese Lösung „Freiburger Modell“ genannt wird.

Nachdem der Planungsausschuss das Thema am Mittwoch zum zweiten Mal aus Zeitgründen vertagt hat, steht es am 21. Mai wieder auf der Tagesordnung. Dann soll eine Lösung gefunden werden.

In der Neckargasse und auch sonst in Tübingens Fußgängerzone keine Ausnahme: Ein Paketdienst in der Menschenmenge. Bild: Sommer

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Erstellt:
4. Mai 2012, 12:00 Uhr
Aktualisiert:
4. Mai 2012, 12:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 4. Mai 2012, 12:00 Uhr

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