Biotech

Zu spät, zu zaghaft, zu wenig

Experten kritisieren, wie der Staat auf die Bedürfnisse der Branche reagiert hat, die neue Therapeutika und Umweltschutzverfahren entwickelt.

21.04.2021

Von ROLF OBERTREIS

Die Auswirkungen und die Bekämpfung der Corona-Pandemie haben der deutschen Biotech-Industrie im vergangenen Jahr so viel frisches Geld in die Kassen gespült wie nie zuvor: 3,1 Milliarden Euro über Risikokapital, Börsengänge, Finanzierungen und Anleihen. Das waren 1,8 Milliarden Euro mehr als beim letzten Höchststand 2018. Vor allem zwei Unternehmen haben die Entwicklung getrieben: die beiden Covid-19-Impfstoff-Hersteller Biontech und Curevac. Allein auf sie entfielen 1,55 Milliarden Euro.

Nimmt man Evotec und Morphosys hinzu, liegt der Anteil der Biotech-Firmen sogar bei 74 Prozent. „Die Biotech-Branche steht an einem Wendepunkt“, sagte Alexander Nuyken, Partner der Unternehmensberatung EY am Dienstag bei der Vorstellung des Biotechnologie-Reports 2021. „Dieses Momentum gilt es zu nutzen, um den Biotech-Standort nachhaltig zu stärken.“

Als Bremse erwiesen sich trotz explodierender Finanzierungszahlen regulatorische Hürden für die Firmen bei Investitionen und Abschreibungen oder Beschränkungen im Blick auf ausländische Kapitalgeber, sagte Nuyken. „Wir können uns nicht nur auf ein paar Milliardäre verlassen.“

Erhebliche Mängel sieht Oliver Schacht, der Chef des Branchenverbandes Bio Deutschland, auch bei der Finanzierung der klinischen Studien für Phase 2 und 3 auch für Therapeutika zur Behandlung von Covid-19. Das trifft auch das Tübinger Unternehmen Atriva, sagt dessen Chef Rainer Lichtenberge. Die 2015 aus der Universität ausgegliederte Biotech-Firma hat ein Präparat in Form einer Tablette zur Reduzierung der Virus-Aktivität und zur Vermeidung eines schweren Verlaufs einer Covid-19-Erkrankung entwickelt.

Angesichts zunächst mangelnder Unterstützung durch die Zulassungsbehörden und einer Ablehnung durch die Ethik-Kommission rechne er jetzt mit einer Zulassung erst im ersten Quartal 2022, sagt Lichtenberge. Die öffentliche Hand habe zu spät, zu zaghaft, zu wenig und zu bürokratisch reagiert, klagen Lichtenberger und Schacht.

Mit Blick auf frisches Risikokapital hat Deutschland Frankreich 2020 mit 882 Millionen Euro hinter sich gelassen, wovon allein 560 Millionen Euro auf Curevac entfallen, darunter 300 Millionen Euro über die staatliche Förderbank KfW. Spitzenreiter in Europa war erneut Großbritannien mit knapp 1,1 Milliarden Euro.

100 Milliarden Dollar in USA

„Allerdings muss man auch festhalten: Ohne Curevac läge Deutschland hinter Großbritannien, Frankreich und der Schweiz“, betont Nuyken. In den USA sei das Volumen der Biotech-Finanzierung zwar gesunken, es seien aber immer noch fast 100 Milliarden Dollar.

Schacht zufolge zeigt das, dass die Biotechnologie in Deutschland stärker gefördert werden muss, zumal es sich zu 90 Prozent um kleine und mittelgroße Unternehmen handelt. „Die Gründungsdynamik muss erhöht werden. Biotechnologie muss nicht nur für die Pandemie, sondern für zahlreiche Lebensbereiche als Schlüsseltechnologie wahrgenommen werden. Das muss politisch gewollt sein und unterstützt werden. “

Es stecke weit mehr als nur Covid-19 in der deutschen Biotechnologie, sag Nuyken, etwa im Blick auf den biotechnischen Abbau von Plastik oder die biotechnische Umwandlung von CO2. Dazu müssten die Rahmenbedingungen für Investitionen und Abschreibungen verbessert werden. Der von Bundes-Forschungsministerin Anja Karliczek aufgelegte Fonds für die Förderung von Covid-19-Therapeutika von Mai dieses Jahres an sei gut, aber mit 50 Millionen Euro für acht Firmen ein Tropfen auf den heißen Stein.

Das Forschungsministerium gibt nach eigenen Angaben 2020 und 2021 nahezu 1,6 Milliarden Euro für Forschung zu Covid-19 aus. Davon fließen fast 630 Millionen an BioNTech und Curevac.

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Erstellt:
21. April 2021, 06:00 Uhr
Aktualisiert:
21. April 2021, 06:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 21. April 2021, 06:00 Uhr

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