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Der gekaufte Traum

Zu Gast bei teuren Freunden oder: Wie die Fußball-WM 2006 ihren schönen Schein verliert

Die Fußballfestspiele vor neun Jahren haben den Ruf der Republik verändert. Lebensfroh bis heiter, liberal und von globalem Charme - so strahlten die Deutschen in die Welt. Darauf fällt jetzt ein langer Schatten.

17.10.2015
  • ARMIN GRASMUCK

In der Nachspielzeit passieren oft die verrücktesten Sachen. Mannschaften, die 90 Minuten lang kaum den Ball berührten, drehen das Spiel und gehen als Sieger vom Platz. Einheiten, die von der ersten Minute an dominierten, brechen auseinander und fallen in sich zusammen. Die Gewinner drehen die Ehrenrunde, der Verlierer schleicht frustriert vom Feld. Neues Spiel, neues Glück. Im Fußball gleicht sich alles aus, so lautet eine dieser legendären Weisheiten. Es ist im Sport wie im wahren Leben.

Das Erdbeben, das an einem kalten, grauen Novembertag den deutschen Fußball in seinen Grundfesten erschüttert, hat mindestens 15 Jahre lang gebrodelt. Es hat sich angekündigt, in vielen sanften Stößen und manch gewaltiger Attacke. Richtiggehend unheimlich erschien es, als gerade in den vergangenen Wochen und Monaten, da bei der Fifa, dem Weltverband des Fußballs, praktisch im Wochenrhythmus selbst namhafte Führungskräfte aufgrund moralischer Defizite, unlauterer Geschäfte oder anderer gravierender Verstöße suspendiert worden sind, gerade den deutschen Vertretern die Rolle der Saubermänner zufiel. Es wirkte kurios, weil lange Zeit fast zwangsläufig ein Generalverdacht über der WM 2006 geschwebt war, über diesen Fußballfestspielen, mit denen die Bundesrepublik die ganze Welt verzauberte.

Warum sollten die Deutschen den Zuschlag auf sauberem und höchst legalem Wege bekommen haben, wenn an den Weltmeisterschaften in Südafrika, Brasilien, Russland und Katar die schmierige Etikette der gekauften Spiele klebte? Nun, da die Fakten langsam, aber unaufhaltsam an die Öffentlichkeit dringen, droht es zumindest die Führungsspitze des Deutschen Fußball-Bundes sowie eine ganze Reihe aktueller und ehemaliger Spitzenkräfte des weltgrößten Sportverbunds auseinander und in den Abgrund zu reißen. Die Folgen für den Fußball im Land des Weltmeisters und für den Ruf der Deutschen sind an dem Tag des großen Bebens nur schwer zu ermessen.

Schwarze Kassen, gefüllt mit Millionen, Korruption, Betrug - die Enthüllungen des Nachrichtenmagazins "Spiegel" wirken gewaltig, klar und deutlich. Woher die umfangreichen Informationen aus dem Innenleben des Verbands stammen, ist unklar. In ihrer Wucht lassen sie jedoch wenig Spielraum. Allein die Tatsache, dass sich im Haus des eigentlich professionell organisierten DFB keiner in der Lage sah, die massiven Vorwürfe innerhalb von 24 Stunden auch nur ansatzweise zu entkräften, belegt das Gewicht des Delikts. Kein Wort von Franz Beckenbauer, dem Organisationschef der WM 2006 . Kein Wort von Wolfgang Niersbach, dem Präsidenten des DFB. Niersbach war rund um die Weltmeisterschaft in Deutschland der wichtigste Mitstreiter des einstigen Fußballkaisers. Er begleitete Beckenbauer auf der über Monate dauernden Tour rund um den Globus, als es darum ging, die Vorzüge einer WM in der Bundesrepublik eindrucksvoll zu präsentieren. "Die Welt zu Gast bei Freunden", so lautete ihr eingängiger Wahlspruch. Später wirkte er als Beckenbauers Stellvertreter im Organisationskomitee, seit Mai dieses Jahres sitzt Niersbach als Vertreter Deutschlands im Exekutivkomitee der Fifa.

Laut "Spiegel" wussten Beckenbauer und Niersbach von der schwarzen Kasse, die der damalige Adidas-Chef Robert Louis-Dreyfus im Jahr 2000 eingerichtet und mit 10,3 Millionen Schweizer Franken, umgerechnet rund 6,7 Millionen Euro, ausstaffiert hatte. Eben jener Dreyfus, der auch im Fall Hoeneß eine entscheidende Rolle spielte. Aus Jux und Dollerei, so berichtete es Uli Hoeneß der ehemalige Manager des FC Bayern München, im Verlauf seines Gerichtsverfahrens, habe ihm der französische Geschäftsmann mehrere Millionen Euro geliehen und für weitere 20 Millionen Euro gebürgt. Den fränkischen Sportartikelhersteller Adidas verbindet traditionell ein ausgesprochen enges Verhältnis mit den Bayern und dem DFB.

Mit dem Schmiergeld reisten die Deutschen offenbar bevorzugt nach Asien, um die vier bei der Fifa stimmberechtigten Wahlmänner auf ihre Seite zu ziehen. Sie zahlten, was sie konnten. Auch zeigten sich einige der global agierenden Unternehmen der deutschen Wirtschaft in dieser Zeit in den entscheidenden Regionen auffällig einsatzfreudig. Und die Profis des FC Bayern mussten Freundschaftsspiele bestreiten, die in keinen Terminkalender passten, nur weil Beckenbauer es den Freunden in Fernost per Handschlag zugesichert hatte.

Die Vergehen rund um die WM 2006 wiegen schwer, weil die Regisseure aus dem Verband mit ihrem Handeln offenbar bewusst den guten Ruf der Republik aufs Spiel setzten. Sie taktierten in Lug, Trug und mit krimineller Energie, um ihre Spuren zu verwischen. Als Dreyfus, der im Jahr 2009 starb, vier Jahre vor seinem Tod den Einsatz zurückforderte, sei das Geld laut "Spiegel" als deutscher WM-Beitrag auf ein Konto der Fifa in die Schweiz geflossen und von dort weiter auf ein Konto Dreyfus' transferiert worden.

Der DFB teilte gestern mit, die entsprechende Summe sei im Jahr 2005 tatsächlich an den Weltverband und "möglicherweise nicht dem angegebenen Zweck entsprechend" verwendet worden. Das Geld sei für ein Kulturprogramm der Fifa bestimmt gewesen, es stehe jedoch in keinem Zusammenhang mit der WM-Vergabe. Es liegt an Beckenbauer und Niersbach, aber auch den zuletzt auffallend tatkräftig agierenden Ermittlern der Fifa-Ethikkommission, diese schweren Vorwürfen zu entkräften. Der Ruf des strahlenden Gastgebers, der die Welt mit seiner leichten, beschwingten und verführerischen Art verzauberte, scheint nach den neuesten Erkenntnissen runiert. Die fiese Fratze, die seit geraumer Zeit die hohen Herren der Fifa und des europäischen Fußballverbands Uefa ziehen, droht nun auch das Bild des deutschen Fußballs zu zerstören.

Am Abend vor dem Eröffnungsspiel in der Allianz Arena trat Anfang Juni 2006 der große Tenor Placido Domingo im Münchner Olympiastadion auf. Es war so bitterkalt, dass viele Zuschauer Strickmützen und Handschuhe zum Mantel tragen mussten. Der Tag danach brachte den großen Umschwung - WM-Wetter. Knapp fünf Wochen Sonnenschein mit teils tropischen Temperaturen. Das Sommermärchen für die Fußballfreunde, die in Deutschland zu Gast waren. Schöne Spiele, tolle Tore, Applaus, Applaus. Es wird ein langer, kalter Winter.

Zu Gast bei teuren Freunden oder: Wie die Fußball-WM 2006 ihren schönen Schein verliert
6. Juli 2000: FIFA-Präsident Sepp Blatter gibt in Zürich den Gewinner für die Vergabe der WM 2006 bekannt. Foto: imago

Zu Gast bei teuren Freunden oder: Wie die Fußball-WM 2006 ihren schönen Schein verliert
Applaus, Applaus für das Sommermärchen: Mit der stimmungsgeladenen Atmosphäre punkteten die deutschen Gastgeber weltweit. Foto: Rauchensteiner

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17.10.2015, 12:00 Uhr
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