Cookies erleichtern die Bereitstellung unserer Dienste. Mit der Nutzung unserer Dienste erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies verwenden. OK Weitere Informationen

Sie müssen angemeldet sein, um einen Leserbeitrag zu erstellen.
Anmelden
Zschäpe wälzt Schuld auf Mundlos und Böhnhardt ab - Opfer-Anwalt: Das glaubt niemand
Nichts gewusst, nichts gehört, nichts gesehen - so lässt sich Beate Zschäpes 53-seitige Aussage vor Gericht zusammenfassen. Foto: afp
Maßgeschneidert ahnungslos

Zschäpe wälzt Schuld auf Mundlos und Böhnhardt ab - Opfer-Anwalt: Das glaubt niemand

NSU-Mitglied, Beteiligung an den zehn Morden und zwei Anschlägen? Beate Zschäpe bestreitet jede Mitwirkung. Die Opfer-Angehörigen sind schockiert. Die Entschuldigung bezeichnen sie als "Frechheit".

10.12.2015
  • PATRICK GUYTON

Am Morgen steht eine riesige Warteschlange vor dem Eingang des Münchner Justizzentrums. Die Menschen wollen zuschauen und zuhören, was die mutmaßliche NSU-Terroristin Beate Zschäpe zu sagen hat. Längst nicht alle bekommen einen der 100 Sitzplätze in dem Verhandlungssaal A 101. Zwischendurch quetschen sich Angehörige der zehn Opfer des "Nationalsozialistischen Untergrunds" durch. Gamze Kubasik etwa, Tochter des am 4. April 2006 in Dortmund ermordeten Kioskbetreibers Mehmet Kubasik. Sie kommt mit Mann und Baby im Kinderwagen. Seit langem sagt sie: "Ich möchte wissen, warum mein Vater sterben musste."

Die Antwort ist bescheiden. Im Kern lässt die 40-jährige Beate Zschäpe über ihren Anwalt Mathias Grasel ausrichten: An den zehn Morden - neun davon an Einwanderern, die kleine Läden betrieben hatten, sowie der Mord an der Polizistin Michèle Kiesewetter in Heilbronn - sei sie nicht beteiligt gewesen, erst danach habe sie jeweils davon erfahren und sei regelrecht "entsetzt" gewesen, "geschockt" über die "unfassbaren Taten".

Die beiden Männer aber, die angeblich allein zu den Tatorten gefahren sind, ihre Opfer erschossen und danach fotografierten, können nichts mehr dazu sagen. Die NSU-Terroristen Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt erschossen sich wahrscheinlich selbst, als sie am 4. November 2011 nach einem Banküberfall kurz davor waren, geschnappt zu werden. Und Zschäpe, die mit beiden fast 14 Jahre lang im Untergrund gelebt hat? Sie sollte, so seien deren "letzte Wünsche" gewesen, das zynische Paulchen-Panther-Bekennervideo verschicken und die Wohnung in der Zwickauer Frühlingstraße "abfackeln". Zschäpe hat es getan.

Die Angeklagte, die nach zweieinhalb Jahren Prozessdauer jetzt ihr Schweigen bricht, ist umrahmt von ihren beiden neuen Verteidigern: dem älteren Hermann Borchert zu ihrer Rechten und dem jungen Mathias Grasel links von ihr. Grasel liest sehr verständlich und mit fester Stimme. Eine Mischung aus Unglauben und Schauder geht bei den Aussagen durch die Zuhörerreihen. Denn Beate Zschäpe versucht sich an der völligen Reinwaschung der eigenen Biographie und der angeklagten Straftaten. "Wann wird der Haftbefehl aufgehoben?", flüstert ein Zuhörer ironisch.

Die größte rechtsradikale Mordserie in der Geschichte der Bundesrepublik ist für Zschäpe eher ein Drama von Liebe, Gefühlsverwirrungen und langen Zeiten der Langeweile. Als sie etwa von den Morden an Abdurrahim Özüdogru und Süleyman Tasköprü in Nürnberg und Hamburg im Juni 2001 erfahren haben will, habe sich "wie betäubt" gefühlt. Dabei hätten Mundlos und Böhnhardt auch ein ausländerfeindliches Motiv genannt. Zschäpe aber sei in einem "emotionalen Dilemma" gestanden: "Ich war von den Taten abgestoßen, aber zu Uwe Böhnhardt hingezogen." Dieser war ihr Freund, zuvor war sie mit Uwe Mundlos liiert.

In der Gruppe sei es dann oft "eisig" zugegangen, man habe sich "stundenlang angeschwiegen". Jeder habe sein eigenes Zimmer gehabt, gesehen habe man sich oft nur zu den Mahlzeiten. Die Zeit habe sie hauptsächlich mit Computerspielen verbracht. Auf die Uwes habe sie "stundenlang eingeredet, nicht mehr zu morden". Passiert ist das Gegenteil. Die Terroristen waren tagelang weg, ohne dass sie angeblich von ihrem Aufenthaltsort und ihren Vorhaben wusste.

Immerhin sind Mundlos und Böhnhardt damit von ihr erstmals klar als Täter benannt worden, die auch für die beiden Kölner Nagelbombenattentate und für die Überfälle verantwortlich sind. Neu ist das Tatmotiv des Polizistenmordes von Heilbronn, Michèle Kiesewetter ist getötet und ihr Kollege schwer verletzt worden. "Es ging ihnen nur um die Pistolen der beiden", sagt Zschäpe. Als sie davon erfuhr, sei sie "ausgeflippt, hysterisch gewesen, handgreiflich geworden".

Zschäpes Aussage ist maßgeschneidert auf die Anklagepunkte der Bundesanwaltschaft. Nach ihrer Version hat sie sich an nichts schuldig gemacht, gutgeheißen hat sie allenfalls die Banküberfälle, um an Geld zu kommen. Nach der Erörterung jeder einzelnen Tat ergänzt sie pflichtschuldigst den offensichtlich von ihren Verteidigern angefügten Spruch, sie sei "weder bei der Vorbereitung noch bei der Durchführung beteiligt" gewesen.

Ihre Erzählung ist die Legende einer harmlosen, etwas rechts stehenden Frau. Sie erzählt von einer zerrütteten Kindheit und einer Mutter mit Alkoholproblemen, die den Haushalt hat schleifen lassen". Sie schildert die ersten Treffen mit Uwe Mundlos, bei denen man "Lieder mit nationalem Inhalt hörte" und "grölte". Böhnhardt habe eine "intensivere nationalistische Haltung" gehabt. Mitglied der rechtsradikalen "Kameradschaft Jena" sei Zschäpe aber nicht gewesen.

Passend zur Legende: Ein später als V-Mann enttarnter Spitzel des Verfassungsschutzes habe das rechtsextreme Treiben erst so richtig vorangebracht. Tino Brandt sei "Mittelpunkt aller Aktionen" gewesen. Er habe "organisiert und stellte Geld zur Verfügung". Auch, dass in der von ihr angemieteten Garage Rohrbomben gebaut wurden, will Zschäpe nicht gewusst haben. Als diese Garage entdeckt wurde, führte dies Anfang 1998 zum Untertauchen des Trios.

Auch den Anklagepunkt, Mitglieder einer terroristischen Vereinigung gewesen zu sein, lässt Zschäpe nicht gelten. Den DVD-Bekennerfilm habe sie in der Gerichtsverhandlung erstmals gesehen.

Zu den Angehörigen sagt sie, sie fühle sich "moralisch schuldig". Und sie entschuldige sich "aufrichtig bei allen Opfern und den Angehörigen". Diese aber halten nichts von Zschäpes Ausführungen. Der Nebenklage-Anwalt Sebastian Scharner meint: "Zschäpe als Ahnungslose, den beiden Mittätern unterlegene Frau, die von den Taten jeweils vorher nichts wusste - das glaubt ihr niemand." Die Aussage sei "konstruiert und ohne Belege". Gamze Kubasik, die ihren Vater verloren hat, erklärt: "Dieser Aussage glaube ich kein Wort. Für mich ist das reine Taktik. Die angebliche Entschuldigung für die Taten von Mundlos und Böhnhardt nehme ich nicht an: Sie ist eine Frechheit."

Aussagen sind vorzutragen

Nach ihrer Erklärung will Beate Zschäpe Fragen des Gerichts schriftlich beantworten, hat sie erklärt. Doch im Strafprozess gilt das Mündlichkeitsprinzip, sagt der Karlsruher Strafverteidiger Michael Rosenthal. „Das Gericht darf – von klar geregelten Ausnahmen abgesehen– in seinem Urteil nur Inhalte verwerten, die für alle Verfahrenbeteiligte im Gerichtssaal mündlich vorgetragen wurden.“ chr

Sie möchten diesen Artikel weiter nutzen? Dann beachten Sie bitte unsere Hinweise zur Lizenzierung von Artikeln.

10.12.2015, 06:00 Uhr
Sie müssen angemeldet sein, um einen Kommentar zu verfassen.
Anmelden

Newsletter-bestellen

· Samstags verschicken wir die News der Woche, unser Klassiker: Die wichtigsten Themen und Geschichten direkt im E-Mail-Postfach. So bleiben Sie auch in der Ferne immer informiert, was in und rund um Tübingen passiert.
· Werktags versenden wir um 9 Uhr die News am Morgen mit den wichtigsten aktuellen Nachrichten.
· Sonntagabend kommt unser Sport-Newsletter mit den wichtigsten Lokalsport-Berichten und Ergebnissen vom Wochenende.

Um unsere Newsletter zu erhalten, müssen Sie sich anmelden oder sich neu als Benutzer registrieren. Ihre Daten werden ausschließlich für die Newsletter (nur falls Sie weitere Angebote des Verlags Schwäbisches Tagblatt wählen, auch für diese) verwendet. Ihre Daten werden nicht an andere Unternehmen weitergegeben.
Nachrichten via Messenger
Die wichtigsten Neuigkeiten aus der Region liefern wir Ihnen auch per WhatsApp & Co. aufs Smartphone. Um diesen Service zu nutzen, öffnen Sie tagblatt.de/whatsapp bitte mit einem entsprechenden Mobilgerät.
Heute meistgelesenNeueste Artikel

Nachrichten aus ...
Reutlingen Wannweil Pliezhausen Walddorfh�slach Ammerbuch T?bingen Dettenhausen Kirchentellinsfurt Kusterdingen Gomaringen Dusslingen Ofterdingen Mössingen Nehren Bodelshausen Hirrlingen Neustetten Rottenburg Starzach Horb
Das Tagblatt bei
Facebook Google+ Twitter Instagram
Video-News: Aus Land und Welt
Heute meistgelesen
Wirtschaft im Profil
Neueste Artikel
Anzeige

Themen-Dossiers

Themen-Dossiers
Single des Tages
date-click
Das Tagblatt als E-Paper

Kontakt zum Kundenservice

Abonnement
07071/934-222
vertrieb@tagblatt.de

Anzeigen
07071/934-444
anzeigen@tagblatt.de

Kontakt zu den Redaktionen

Schwäbisches Tagblatt Tübingen
07071/934-0
redaktion@tagblatt.de

Neckar-Chronik Horb
07451/9009-30
nc@neckar-chronik.de

Tagblatt Online         
07071/934-314
online@tagblatt.de

Steinlach-Bote Mössingen
07473/9507-0
sb@tagblatt.de

Rottenburger Post
07472/1606-16
ro@tagblatt.de

Reutlinger Blatt
07121/3259-50
rt@tagblatt.de

Tagblatt Anzeiger
07071/934-344
tagblatt-anzeiger@tagblatt.de

Wirtschaft im Profil
07071/934-166
wip@tagblatt.de


Oder nutzen Sie unser Kontaktformular