Tübingen · Europaplatz

Zersplitterte Scheußlichkeit: Bahnhofsvordach ist angebissen

Mit einem Baggerbiss am Bahnhofsvordach startete Oberbürgermeister Boris Palmer Tübingens größtes Bauprojekt: Den Umbau des Busbahnhofs.

10.10.2019

Von Sabine Lohr

Zu gerne hätte Oberbürgermeister Boris Palmer ein großes Stück des Bahnhofs-Vordachs mit dem Bagger abgerissen. Aber er durfte nur ein Stückchen entfernen. Der Baggerbiss am Donnerstag war der offizielle Start zum Umbau des Busbahnhofs. Bild: Ulrich Metz

Zwei Jahre lang hatte sich OB Boris Palmer auf diesen Tag gefreut, und dann durfte er doch nicht mit der Baggerschaufel so auf das verhasste Bahnhofsvordach draufschlagen, dass es mit Getöse zu Boden donnert. Es war eine eher filigrane Arbeit, die er da vor rund 80 Zuschauern absolvierte: Mit der starken, weit geöffneten Schaufel stieß er einzelne Balken und Latten an, die splitterten und runterfielen. „Es wurde mir gesagt, dass, wenn ich draufhaue, die Gefahr besteht, dass ich das Bahnhofsgebäude beschädige.“ Ein Argument, das überzeugte – und die Zerstörungswut des Oberbürgermeisters bremste: „Ich hab mich nicht mehr getraut.“ Zuvor hatte er das Dach, das dem denkmalgeschützten Bau 1961 als Wetterschutz für Reisende und Räder verpasst wurde, als „unglaubliche Scheußlichkeit“ bezeichnet, die das schöne Gebäude „versaut“.

Der Baggerbiss war der offizielle Auftakt zum Umbau des Europaplatzes. Seit ein paar Tagen schon laufen die ersten Arbeiten. Leitungen werden verlegt, weshalb die Durchfahrt vor dem Bahnhof nicht mehr möglich ist. Doch der Abriss des Dachs, der etwa zwei Wochen dauern wird, eignete sich besser dazu, den Start des Megaprojekts gebührend zu feiern.

Darum kam auch die Parlamentarische Staatssekretärin Rita Schwarzelühr-Sutter vom Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz und nukleare Sicherheit, von Palmer als Vertreterin des größten Sponsors angekündigt – des Bundes. 4,8 Millionen Euro schießt die Regierung zum Umbau des Europaplatzes, zum Neubau des Busbahnhofs und zur Förderung des Radverkehrs zu. „Gerne“, wie Schwarzelühr-Sutter sagte, denn ihr Ministerium fördere innovative Konzepte zur nachhaltigen Mobilität, die das Erreichen des Klimaziels unterstützen.

Baggerbiss beim Dach des Bahnhofes
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Am Donnerstagnachmittag riss OB Boris Palmer Holzpfähle aus dem Vordach des Tübinger Bahnhofs - ein besonderer Moment. Das befand auch Baubürgermeister Cord Soehlke im Interview am Rande des Spektakels.

© Moritz Hagemann 02:36 min

Fürs Land Baden-Württemberg kam Regierungsvizepräsident Utz Remlinger. Auf den überall auf dem Boden herumliegenden Holzstücken stehend, bezeichnete er den Bahnhofsvorplatz als den „nicht allerschönsten“. Die Stadt habe ihn für den Baustart jetzt so hergerichtet, „dass er wirklich hässlich ist“. Das Land zahlt 3,1 Millionen Euro, in der Pipeline seien weitere 3,3 Millionen, „und dann geht es wohl noch weiter“, sagte er. Auf Palmers Nachfrage bezeichnete er diese Aussage als „halbe Zusage“.

Palmer erinnerte daran, dass der Europaplatz-Umbau seit 25 Jahren geplant wird. Damals habe er begonnen, politisch an dem Projekt mitzuarbeiten, als studentischer Vertreter. „Ich habe Nachtbusse entworfen, die es immer noch gibt“, sagte er. Und er habe Busbahnhöfe konzipiert. Von seinen Entwürfen wird allerdings keiner umgesetzt.

Vor dem Umbau gab es, auch daran erinnerte Palmer, zahlreiche Versuche mit großen Bussen, um zu testen, ob sie ums Trautwein-Eck kommen (die Einmündung der Europastraße in die Karlstraße beim Café L). Und dann sei die Realisierung immer wieder am Geld gescheitert. Ohne Baubürgermeister Cord Soehlke und Projektleiterin Katrin Korth hätte man, glaubt Palmer, noch weitere zehn Jahre warten müssen. Darum seufzte der 47-Jährige erleichtert: „Dass ich das noch erleben darf!“

Das Bauvorhaben und die jetzigen Radabstellplätze

Bei dem mit bisher 26 Millionen Euro veranschlagten Bauprojekt wird der Busbahnhof längs vor den Hauptbahnhof verlegt. Die Busse halten dann an 13 Bussteigen. Die Touristik- und Fernbusse halten westlich des Bahnhofs. Alle Bussteige werden barrierefrei erreichbar sein.

Unter einem Teil des Busbahnhofs wird eine Tiefgarage gebaut, in der nicht nur 80 Autos, sondern auch 1100 Fahrräder Platz haben. Für Radfahrer entsteht am Rand des Anlagenparks eine Radservicestation, an der Räder auch ausgeliehen werden können. Während der Bauphase gibt es für Fahrräder Ausweichstellplätze vor der (jetzt geschlossenen) Unterführung im Anlagenpark und vor der Discounthalle. Auch auf der Südseite des Bahnhofs vor der Thiepvalkaserne gibt es (neue) Abstellflächen.

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Erstellt:
10. Oktober 2019, 20:37 Uhr
Aktualisiert:
10. Oktober 2019, 20:37 Uhr
zuletzt aktualisiert: 10. Oktober 2019, 20:37 Uhr

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