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Autonomes Fahren

Zeitunglesen am Steuer bleibt zunächst ein Traum

Die Probleme bei der Entwicklung selbstfahrender Autos sind größer als gedacht. Manche Experten zweifeln mittlerweile sogar völlig an der Zukunftstechnologie.

19.10.2019

Von THOMAS VEITINGER

Was gab es nicht schon für Zukunftsszenarien zum autonomen Fahren. Selbst Autos ohne Lenkräder schienen machbar. Doch bis es soweit ist, dürften noch viele Jahre vergehen. Foto: © LifetimeStock/Shutterstock.co

Ulm. Wer sagt denn, dass ein Auto nicht auch lustige Sachen machen kann? Im November 2007 etwa stoppt ein mächtiger SUV in einer verlassenen Kaserne des ehemaligen US-Luftwaffenstützpunktes George Air Force Base vor einem kleinen Strauch und weigert sich, weiterzufahren. Ein anderes Auto hört dafür gar nicht mehr auf, Kreise zu fahren. Am Steuer der beiden Pkw sitzt: niemand. Das US-Militär hat ein Wettrennen für unbemannte Landfahrzeuge ausgeschrieben. Gekommen sind Teams aus vielen Universitäten. Als erster erreicht schließlich der VW Passat des Stanford Racing Teams das Ziel, entwickelt unter Leitung des in Solingen geborenen Professors Sebastian Thrun.

Heute gelten die Darpa-Wettbewerbe als Initialzündung fürs autonome Fahren. Zwölf Jahre später gibt es zwar Autos, die ihren Weg zuverlässiger alleine finden. Aber noch immer ist ein Mensch vorgeschrieben, der im Notfall das Lenkrad herumreißen kann.

„Überhypte“ Entwicklung

In jüngster Zeit ist es ruhiger um das autonome Fahren geworden. Für Thrun, der mittlerweile ein Google-Auto entwickelt und das Flug-Start-up Kitty Hawk gegründet hat, war das Thema sowieso „überhypt“.

„Wer im Jahr 2015 auf der Computer-Messe CES in Las Vegas war“, erinnert sich auch Daimler-Chef Ola Källenius, „hatte den Eindruck, dass bereits die ganze Welt autonom fährt.“ Autofirmen übertrumpften sich mit Ankündigungen, wann sich ihre Kunden im Auto schlafen legen können, um am Urlaubsort erholt aufzuwachen. Besonders optimistisch ist stets Tesla-Chef Elon Musk, der 2020 autonome Robo-Taxis auf die Straße schicken will, auch wenn seine Autos heute nur grundlegende Funktionen beherrschen.

Dabei dürfte Tesla Mitschuld an der pessimistischeren Sicht auf die Entwicklung haben. Im Mai 2016 stirbt ein Mann in den USA, nachdem sein Tesla im Autopilotenmodus in einen Lastwagenanhänger rast. Die Sensoren des Tesla identifizieren den weißen Anhänger des Lkw fälschlicherweise als Himmel. Zwei Jahre später überfährt ein autonomes Test-Fahrzeug des Fahrdienstleisters Uber eine Radfahrerin – die Sicherheitsfahrerin schaut gerade auf ihr Handy.

„Du darfst diese Maschine nicht auf die Straße schicken, wenn du dir nicht ziemlich sicher bist, dass sie auch sicher ist“, erkennt Källenius. Die technischen Voraussetzungen sind aber so hoch, dass manche Experten den Glauben ans autonome Fahren sogar völlig verloren haben. Autos müssen bei jedem Wetter und allen Lichtverhältnissen jede Situation korrekt interpretieren.

Und mehr sogar: In Großstädten heißt es manchmal, das Gesetz zu überschreiten, sonst bleibt das Fahrzeug vor Autos stehen, die in zweiter oder dritter Reihe parken. Für den Daimler-Chef ist ist es „vielleicht die komplexeste technische Herausforderung“. Dazu kommen regulatorische und rechtliche Probleme.

Als ob das nicht genug wäre, müssen mehrere Systeme entwickelt werden. In China wird auf die Kommunikation der Fahrzeuge untereinander Wert gelegt, in Europa und Amerika auf Satellitennavigation.

Der Markt könnte zwar im Jahr 2030 nach einer UBS-Studie 2 Billionen Dollar schwer sein. Doch auch die Entwicklungskosten sind exorbitant und entsprechend schwer in der derzeitigen wirtschaftlichen Lage zu stemmen. Vor allem, wenn Kunden die auf bis zu 70 000 EUR geschätzten Mehrkosten pro Fahrzeug vielleicht gar nicht zahlen wollen oder können.

PSA (Peugeot, Opel, Citroën) hält eine Entwicklung von Autos ohne Lenkrad derzeit für sinnlos. Der Daimler-Konzern, der mit BMW daran arbeitet, hält eine zeitliche Voraussage, wann die Technik soweit sein könnte, für „quasi unmöglich“. Andere Experten sprechen mal vom Jahr 2026, mal von Jahrzehnten, die zur Entwicklung nötig sind.

Die Autobauer haben laut Stefan Reindl „wohl die Komplexität unterschätzt“. Der Leiter des Institut für Automobilwirtschaft in Geislingen hält es zwar für wahrscheinlich, dass wir eines Tages nicht mehr auf den Verkehr achten müssen, „Flugtaxis werden aber früher unterwegs sein.“

Eric Sax vom Karlsruher Forschungszentrum Informatik sieht die Autobranche auf einem guten Weg. In den kommenden zehn Jahren werde es zwar keine autonomen Autos geben, die sich wie heutige Privat-Pkw einsetzen lassen. Auch die Chefs von Autobauern und Zulieferern rechneten nicht mehr 2025 damit, sondern erst 2030. Aber die autonomen Zusatzfunktionen, etwa im Stau oder beim Einparken, werden früher kommen.

Wie es dann weitergeht, ist ungewiss. Software-Entwickler Brad Templeton hat sowieso einen anderen Blick auf autonome Maschinen: „Ein Roboter ist wirklich autonom, wenn Sie ihn anweisen, zur Arbeit zu gehen, und er beschließt, stattdessen den Tag am Strand zu verbringen.“

GRAFIK REICHELT Foto: GRAFIK REICHELT

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Erstellt:
19. Oktober 2019, 06:00 Uhr
Aktualisiert:
19. Oktober 2019, 06:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 19. Oktober 2019, 06:00 Uhr

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