Obernau

Zeitung austragen: Auf der Suche nach der Hausnummer

Die Redakteurin hat für eine Woche einen Nebenjob: Zeitung austragen, morgens ab 3.50 Uhr in Obernau. Hier nimmt sie Leserinnen und Leser mit auf die erste Tour.

16.08.2022

Von Dunja Bernhard

Das Foto ist nachgestellt. Der Fotograf schlief, als Dunja Bernhard in Obernau unterwegs war. Bild: Karl-Heinz Kuball

Das Foto ist nachgestellt. Der Fotograf schlief, als Dunja Bernhard in Obernau unterwegs war. Bild: Karl-Heinz Kuball

Montagmorgen, 3 Uhr. Da dreht sich wirklich jeder noch mal um, zieht die Decke fester um die Schultern und schläft zwei, drei Stunden weiter. Nicht so die Zeitungsausträgerinnen und Zeitungsausträger. Denn spätestens um 6 Uhr sollte die tagesaktuelle Ausgabe in jedem Briefkasten, in jeder Zeitungsrolle der Abonnenten sein. Und bis dahin ist es ein wortwörtlich langer Weg. Zwischen 3.30 und 4 Uhr legen die Fahrer die Zeitungspacken an vereinbarten Orten, trocken und geschützt, ab.

Ich fahre mit dem Rad rund 25 Minuten bis nach Obernau, meinem Einsatzort. Um mich herum Kuhnacht, nichts deutet auf den Morgen hin. Nur nachtaktive Tiere sind unterwegs. Hier und dort leuchten Augen am Wegesrand auf.

Mit 3 Uhr nachts verbinde ich eine gewisse Kühle. Ich irre an diesem Morgen. Ich bin mit Sweatshirt eindeutig zu warm angezogen. T-Shirt und Jacke wären in zweifacher Hinsicht geeigneter gewesen.

Ob die Zeitungen wirklich schon daliegen?, frage ich mich, als ich auf die Bushaltestelle zuradle. Ja, sie sind da, gut verpackt. Die Folie lässt sich abreißen, aber die Plastikbänder? Schere oder Taschenmesser wären gut. Anfängerfehler. Ich pfriemele die Bänder geduldig ab, wähne mich gut in der Zeit.

Wo ist der Anfang einer Straße?

Als ich das Bushäuschen verlasse, beginnt es zu regnen. Davon hatte die Wettervorhersage absolut nichts gesagt. Und was sich hier wie ein kleiner dramaturgischer Kniff liest, ist leider keiner. Jetzt wäre die Jacke gut gewesen. Zudem bin ich Brillenträgerin, die Sicht ist getrübt.

Wo ist der Anfang einer Straße und wo das Ende? Was nach einer Trivialität klingt, wird existentiell auf der Suche nach einer Hausnummer. Ist die Nummer 23 rechts oder links von der 17? Die Zeitung saugt derweil gierig die Regentropfen auf. Ich werde mich nie wieder darüber ärgern, wenn meine Zeitung nicht wie glatt gebügelt in der Röhre liegt, schwöre ich mir. So eine Tageszeitung wird wirklich in sehr kurzer Zeit unansehnlich.

Hausnummern, auch so ein Thema. Etliche Häuser haben gar keine, andere unbeleuchtete und wieder andere so kleine und unauffällige, dass sie erst zu entdecken sind, wenn der Postbote, Zeitungszusteller, Besucher schon direkt vor der Tür steht.

Unerbittlich schlägt die Uhr

Das macht die Suche langwierig, führt zu einem Vor und Zurück an diesem ersten Morgen. Denn irgendwo muss die 7 doch sein, wenn links (!) die 3 und rechts (!) eine 11 ist. Sie fragen sich, warum die 5 und 9 hier fehlen? Das frage ich mich auch häufig an diesem Morgen.

Unerbittlich schlägt die Kirchturmuhr Viertelstunde um Viertelstunde. Mittlerweile scheint die Nacht in den Morgen überzugehen. Einzelne Autos sind zu hören. Eine Frau stellt Müll nach draußen. Hier und dort brennt Licht hinter einem Fenster. Eine Abonnentin schaut gerade in Zeitungsrolle und Briefkasten, als ich um die Ecke biege. „Sind Sie die Vertretung?“ Sehe ich so unerfahren aus? Oder bin ich so spät? „Ja“, sage ich, „Sie warten schon?“ „Nein, nein“, wimmelt sie freundlich ab. Sie sei nur immer früh auf. Wir wünschen uns eine gute Woche.

Noch so eine nette Begegnung: Ein Mann schaut aus dem zweiten Obergeschoss. „Zeitung?“, fragt er. Ich nicke, was er ob der Dunkelheit gar nicht sehen kann. „Wen suchen Sie?“ Genau genommen versuche ich mich gerade zu orientieren. Die Karte auf meinem Handy scheint nicht mit der Wirklichkeit übereinzustimmen. Er hat einen sehr nützlichen Tipp für mich, verschwindet, schließt das Fenster und löscht das Licht.

Weitere Zeitungen verschwinden in Briefkästen und Zeitungsrollen. Doch dann macht sich mein Fahrrad, bepackt mit zwei zeitungsgefüllten Satteltaschen, am Berg einfach selbständig. Ich sehe, wie es sich in Bewegung setzt und ich laufe los. Doch ich kann nicht mehr verhindern, dass es umkippt und sich einiger Zeitungen entledigt. Ich klaube sie wieder auf. Nun ja, die unterste ist etwas feucht geworden. Das tut mir wirklich leid, denn ich muss sie gleich noch zustellen. Die Zeitungen sind haargenau abgezählt.

Wann genau hat der Himmel seine Farbe geändert? Plötzlich brauche ich kein Licht mehr, um die Liste zu lesen, die meine Route vorgibt. Das zunehmende Tageslicht erleichtert enorm das Auffinden der Häuser und Briefkästen. Ich finde auch noch die Adressen, die am frühen Morgen in dunkelster Nacht verborgen blieben. Geschafft. 6.10 Uhr. Morgen sollte es schneller gehen.

Ein Hauch von Abenteuer

Für mich haben die morgendlichen drei Stunden Unterwegssein einen Hauch von Abenteuer. Einen mir flüchtig bekannten Ort habe ich sehr intensiv kennengelernt. Verborgene Villen entdeckt und in historische Winkel geschaut.

Ein Abenteuer ist per Definition ein „außergewöhnliches Ereignis“. Meines wird eine Woche dauern. Anschließend kann ich morgens um 3 Uhr wieder die Decke fester um meine Schultern ziehen, mich nochmal umdrehen. Ich werde dann kurz innehalten und einen imaginären Hut ziehen vor denen, die 280 Tage im Jahr losziehen, um bei Wind und Wetter die Tageszeitung auszutragen, die jede Straße und jeden Briefkasten kennen, als wäre es ihrer.

Info Sowohl das SCHWÄBISCHE TAGBLATT als auch die NECKAR-CHRONIK suchen Austräger – für die Urlaubszeit und darüber hinaus. Wer Interesse hat, meldet sich: in Tübingen, Telefon 07071/934222 oder per Mail an vertrieb@tagblatt.de; oder in Horb, Telefon 07451/90090, 01722925300 oder per Mail an zenker@tagblatt.de.

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Erstellt:
16.08.2022, 19:21 Uhr
Lesedauer: ca. 3min 42sec
zuletzt aktualisiert: 16.08.2022, 19:21 Uhr

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Bester 17.08.202210:31 Uhr

Ich fand diesen Artikel sehr interessant und lehrreich. Danke!

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