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Leitartikel zur Tarifeinigung in der Metallindustrie

Zeit als Gewinn

Geld allein ist nicht alles. Die Arbeitnehmer wollen auch mehr Souveränität bei ihrer Arbeitszeit. Das ist die Überschrift über den Tarifvertrag in der Metall- und Elektroindustrie, auf den sich Arbeitgeber und IG Metall nach heftigem Streit im Pilotbezirk Baden-Württemberg geeinigt haben. Wichtig sind nicht nur flexible Arbeitszeiten am einzelnen Tag. Die Arbeitnehmer können künftig ihre Stundenzahl reduzieren, egal ob Jüngere Kinder betreuen oder Ältere einfach kürzer treten wollen.

07.02.2018
  • Dieter Keller

Berlin. In Umfragen nicht nur in der Metallindustrie wurde dieser Wunsch nach mehr Selbstbestimmung schon seit längerer Zeit deutlich. Bei der Realisierung ist die Branche bei weitem kein Vorreiter. Die Chemieindustrie in Ostdeutschland testet eine Bandbreite von 32 bis 40 Stunden pro Woche. Pionier jedoch war die Deutsche Bahn: Sie vereinbarte mit ihren Gewerkschaften ein fast revolutionäres Modell, nämlich die freie Wahl zwischen mehr Geld, zusätzlichem Urlaub und kürzerer Wochenarbeitszeit. Das Ergebnis spricht Bände: Mehr als die Hälfte der Bahn-Bediensteten entschied sich für sechs zusätzliche Urlaubstage, deutlich weniger für 2,6 Prozent mehr Lohn. Eine Stunde weniger pro Woche arbeiten war kaum gefragt.

Daran gemessen ist der Durchbruch in der Metallindustrie bescheiden: Die Arbeitnehmer können zeitlich befristet ihre Arbeitszeit auf bis zu 28 Stunden reduzieren, allerdings ohne Lohnausgleich. Zudem gibt es Grenzen, wie viel Prozent der Belegschaft dies in Anspruch nehmen dürfen. Davon unabhängig können sich Arbeitnehmer, die Kinder erziehen, Angehörige pflegen oder in Schicht arbeiten, für acht zusätzliche Urlaubstage statt für mehr Geld entscheiden. Aber dieses Wahlrecht haben eben im Gegensatz zur Bahn nicht alle Beschäftigten.

Gescheitert ist die IG Metall mit ihrem Anspruch, einen teilweisen Lohnausgleich zu bekommen. Auch wenn sie es nicht zugibt, hatte sie sich damit völlig vergaloppiert. Das hätte zu unterschiedlichen Stundenlöhnen und zu einer Diskriminierung von „Normalarbeitnehmern“ geführt.

In Zeiten des Facharbeitermangels müssen sich die Arbeitgeber auf flexiblere Lösungen für ihre Mitarbeiter einlassen. Das klingt wie ein Widerspruch. Doch nur so sind Jobs attraktiv für Arbeitnehmer, die sich die besten Arbeitsbedingungen aussuchen können. Versüßt wird das den Betrieben dadurch, dass die 35-Stunden-Woche ausgehöhlt wird. Sie haben die Chance, zum Ausgleich für die kurze Teilzeit mehr Mitarbeiter länger arbeiten zu lassen. Das alles ist vernünftig und zeitgemäß.

Von dieser schönen neuen Arbeitswelt profitiert allerdings nur, wer in der richtigen Branche arbeitet. In Baden-Württemberg verdienen die Metaller im Schnitt 64 000 Euro im Jahr. Im Einzelhandel oder in der Pflege ist es oft nur halb so viel. Da können sich die Beschäftigten eine kürzere Arbeitszeit oder mehr Urlaub kaum leisten. Das führt zu einer gefährlichen Spaltung der Gesellschaft. Es fehlen Rezepte, dies zu ändern.

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07.02.2018, 06:00 Uhr
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