"60 Lügen in 600 Sekunden"

Zehntausende bei der letzten Großdemo vor der Wahl

Stuttgart. Laut Veranstalter zogen am Samstagnachmittag rund 60.000 Gegner des Bahnprojekts Stuttgart 21 durch die Stuttgarter Innenstadt und demonstrierten gegen den geplanten Tiefbahnhof. Die Polizei kam bei ihrer Zählung nur bis 18.000.

19.03.2011

Von Manfred Hantke

Voll war's mal wieder auf dem Stuttgarter Schlossplatz. Zehntausende kamen mit Schildern, Transparenten und Fahnen zur letzten Großdemo gegen den geplanten Stuttgarter Tiefbahnhof vor der Wahl am 27. März. Die Polizei meldet 18.000 Teilnehmer um 14.30 Uhr, die Veranstalter zählten rund 60.000. Kundgebung und anschließende Demo thematisierten aber auch die Kernkraft.

Die Schnittmenge zwischen Stuttgart 21- und Kernkraftgegnern scheint hoch zu sein. Redner und Demonstranten forderten "Abschalten", "Abwählen", "Mappus weg" und skandierten ihre bekannten Sprüche: "Lügenpack" und "Oben bleiben". Zahlreiche Demostranten kamen mit Anti-Atomkraft-Fahnen oder -Plakaten.

Zu Beginn der Kundgebung gedachten die Teilnehmer in einer Schweigeminute den Opfern der Katastrophen in Japan. Dem Stuttgart 21-Gegner Dieter Wagner, der beim Polizeieinsatz am 30. September vergangenen Jahres schwere Augenverletzungen erlitten hatte, brachten die Demonstranten ein Ständchen dar. Er hatte am Samstag Geburtstag.

Schauspieler Walter Sittler forderte die Kundgebungsteilnehmer in seiner Rede auf, sich auch nach der Wahl in die Politik einzumischen: Korrigieren, stoppen, umsetzen, was der Gemeinschaft am meisten nutzt. Die Bürger sollen bei wichtigen Entscheidungen nicht nur mitreden, sondern auch mitbestimmen.

Mit Blick auf den baden-württembergischen Ministerpräsidenten Stefan Mappus sagte Sittler: "Wir brauchen keine Auslaufmodelle." Der Schauspieler fühlte sich Mappus gegenüber, der auf Wahl-Plakaten mit "Vertrauen, Verantwortung, Verlässlichkeit" wirbt, eher "verloren, verraten, verkauft".

Stuttgart 21 sei "Murks", so Sittler. Man solle doch die "Weisheit" der Vielen nutzen, das Reservoir an Wissen und Können der Engagierten. Stattdessen werde das Volk verdummt. Doch die "unmündige Wahl-Bürgerschaft" werde am Wahl-Sonntag die Antwort zu geben wissen, ist der Schauspieler überzeugt.

Auch Volker Lösch fühlt sich von den Befürwortern des Tiefbahnhofs belogen. Er zählte in seiner Rede angebliche "60 Lügen" in 600 Sekunden auf - "von Menschen, die als Volksvertreter gewählt werden wollen". Anschließend ratterte er in Windeseile die Argumente der S 21-Befürworter herunter (Kapazitäten, Effizienz, integraler Fahrplan, Grundwasser, Mineralbäder und und und) und brachte seine Gegenargumente. Lösch: "Scheiße bleibt auch gequirrlt Scheiße." Beifall.

Als letzter Redner trat Egon Hopfenzitz ans Mikro. Der einstige Bahnhofsvorsteher des Stuttgarter Hauptbahnhofs von 1981 bis 1994 ließ die Geschichte um Stuttgart 21 noch einmal kurz Revue passieren und erinnerte daran, dass unter Ex-Ministerpräsident Erwin Teufel der Denkmalschutz zum Nachteil des Stuttgarter Hauptbahnhofs geändert worden sei. Auch der frühere Stuttgarter OB Erwin Rommel sei ein leidenschaftlicher Mitbegründer von Stuttgart 21 gewesen. Die Kundgebungsteilnehmer forderte Hopfenzitz auf, am 27. März die Farbe der Luftballons auf dem Schlossplatz zu wählen, die zu tausenden den Platz "begrünten", und dafür zu kämpfen, dass der Stuttgarter Hauptbahnhof auch in Zukunft "oben bleibt".

Nach den Rede- und Musikbeiträgen gingen die Demonstranten über den Charlottenplatz und die Konrad-Adenauer-Straße zum Gebhard-Müller-Platz und von dort über die Schillerstraße, den Arnulf-Klett-Platz, die Friedrich- und die Bolzstraße zurück zum Schlossplatz. Dort beendete der Veranstalter gegen 16.30 Uhr die Versammlung.

Rund 50 Gegner des Bahnprojekts waren zuvor auf Fahrrädern voraus gefahren. Sie benutzten den kompletten City-Ring, bevor auch sie zurück zum Schlossplatz kamen. Die Verkehrspolizei war mit zahlreichen Kräften im Einsatz und versuchte, den Verkehrsfluss ab- oder umzulenken. Es kam dennoch zu Verkehrsbehinderungen in der Innenstadt.

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"Oben bleiben", das stand auf den tausender grüner Luftballons, die auf dem Schlossplatz verteilt wurden.

Auch der Kopf soll "oben bleiben", so diese Demonstrantin.

Vor lauter Luftballons, Fahnen, Transparenten und Plakaten sah man kaum die Demonstranten.

Die Kastanie, der "schwäbische Pflasterstein", das "Auslaufmodell Mappus", "Und Tschüß" - die Kundgebungsteilnehmer waren variantenreich unterwegs.

Die Atompolitik der Landesregierung war auch Thema bei der Demo gegen Stuttgart 21.

Einige Demonstranten verglichen den baden-württembergischen Ministerpräsidenten Stefan Mappus mit dem italienischen italienischen Ministerpräsidenten Silvio Berlusconi und autokratischen Herrschern.

Der erste Redner, der Schauspieler Walter Sittler.

Die "Brückentechnologie" - für viele Demonstranten ein Schlag ins Wasser.

Sogar die kleine Treppe links neben dem Stuttgarter Kunstmuseum war gerammelt voll.

Der 30. September 2010 wird hier noch einmal in Erinnerung gebracht.

Sichere Atomkraft, alternativloser Tiefbahnhof, die Erde als Scheibe und der Filz thematisieren diese Plakate.

Sogar die Nichtwähler wollen diesmal an die Urne.

Ein überdimensionaler Ministerpräsident Stefan Mappus, und noch ein kleiner dazu in der ersten Reihe.

Vor lauter Fahnen und Transparenten und Schildern lugten dazwischen die Demonstranten hindurch.

Volker Lösch.

Egon Hopfenzitz

Auch die Tübinger waren mit ihrem Riesen-Transparent in der Landeshauptstadt. Noch bis vor wenigen tagen hing es zwischen den Platanen auf der Tübinger Neckarinsel.

Rudolf Steiner? Nein, der gehört nicht dazu. Das ist nur die Ankündigung einer Ausstellung. Aber ein Christ ist auch bei der Demo dabei.

Die Männer mit den hohen Hüten.

Und die Tübinger mittendrin.

Nanu, der auch? Wilhelm II., der letzte König von Württemberg (1891 bis 1918) hat einen Anti-S-21-Kleber auf dem Hut.

Am Charlottenplatz - der Demo-Wurm nahm kein Ende.

Angst vor den Rohren.

Postieren vor dem Königsbau.

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Erstellt:
19. März 2011, 12:00 Uhr
Aktualisiert:
19. März 2011, 12:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 19. März 2011, 12:00 Uhr

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