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Leitartikel zur Inhaftierung von Deniz Yücel in der Türkei

Yücel geht uns alle an

02.03.2017
  • Claus Liesegang

Wer ist dieser Deniz Yücel? Geht er uns etwas an? Wer ist dieser Deutsch-Türke, dass sein Schicksal seit Tagen die Schlagzeilen, teils ganze Titelseiten und Fernsehsendungen füllt? Wer ist der Mann, der Menschen zu Demonstrationen und Autokorsos auf die Straße treibt, Politiker nahezu aller Parteien veranlasst, Stellung zu beziehen, ja sogar Kanzlerin Merkel und Außenminister Gabriel motiviert, sich – wenn auch diplomatisch – zu Wort zu melden? Wer ist dieser Typ, der es schafft, dass sich seinetwegen Online-Foren bilden, sich Tausende unter dem Hashtag #FreeDeniz solidarisieren und Journalisten, Schauspieler und Schriftsteller in ganzseitigen Anzeigen proklamieren: „Freiheit für Deniz“? Fast scheint es, als sei er ein Held, eine Ikone, ein Idol. Ist er das wirklich? Ist er tatsächlich ein „brillanter Journalist“, wie es Mathias Döpfner, Vorstandsvorsitzender von Axel Springer, behauptet, oder hat er nicht auch mal Fehler bei seiner Arbeit gemacht?

Eigentlich ist das alles ganz egal. Nicht egal ist das, was Yücel gerade widerfährt. Dass er für seine Berichterstattung, für seine wichtige Arbeit als Journalist, für seine unverzichtbare kritische Einordnung der Ereignisse in der Türkei dort inhaftiert worden ist. Denn dadurch, dass der Kollege ins Untersuchungsgefängnis gesteckt wurde, bröckelt ein weiterer Mosaikstein aus dem wunderbaren Bauwerk namens Freiheit. Nicht der Freiheit der Türken, nicht der Freiheit der Journalisten, unser aller Freiheit in Europa, in Deutschland, unserer ganz persönlichen Freiheit. Meiner Freiheit.

Wir wählen am Kiosk zwischen hunderten Zeitungen und Zeitschriften aus, surfen im Internet über die Webseiten, Artikel, Blogs, Fotos und Videos tausender Medien, Politiker, Parteien, Vereine, Firmen und Privatpersonen. Wenn wir ein paar einfache Regeln befolgen, zum Beispiel auf Beleidigungen verzichten, können wir diese Beiträge kommentieren, können Leserbriefe schreiben, darin unsere Zustimmung, aber auch unseren Unmut äußern. Wir haben damit ein mächtiges Werkzeug in der Hand: die Freiheit der Meinung, die Freiheit unserer Gedanken. Das ist eine Freiheit, die für uns so selbstverständlich ist wie die Luft zum Atmen und der Strom aus der Steckdose. Immer häufiger vergessen wir, sie zu pflegen.

In der Türkei ist diese Freiheit Geschichte. In Putins Russland ist sie das längst, in Kaczynskis Polen und Orbans Ungarn wanken ihre Fundamente. Im selbsternannten „land of liberty“, in den Vereinigten Staaten von Amerika, nimmt sie Donald Trump gerade in den Würgegriff; Trump, der nur Präsident werden konnte, weil es eben diese Meinungsfreiheit gibt. Obsiegen auch anderswo die Rechtspopulisten – in den Niederlanden Geert Wilders, in Frankreich Marine Le Pen und hierzulande die AfD – gerät diese Freiheit auch in unserer unmittelbaren Umgebung weiter in Gefahr. Das darf nicht sein. Deshalb geht Deniz Yücel uns alle an. Denn die Beschneidung der Meinungs- und Pressefreiheit führt in totalitäre Regime und Diktaturen. Sie führt in Unfreiheit.

leitartikel@swp.de

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02.03.2017, 06:00 Uhr
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