Sekte

Wurde die Elfjährige Shalomah nach Tschechien entführt?

Sekte Wo ist die elfjährige Shalomah Henningfeld? Wurde sie von den leiblichen Eltern aus der Pflegefamilie entführt? Es gibt den Verdacht. Die Familie gehört der Gemeinschaft der „Zwölf Stämme“ an.

19.10.2021

Von Patrick Guyton

Das Holzschild begrüßte Besucher in Klosterzimmern bei Deiningen (Bayern) im Nördlinger Ries. Dort lebte ein Teil der Glaubensgemeinschaft der „Zwölf Stämme“. Foto: Daniel Karmann/dpa

Holzheim. Wo ist Shalomah Henningfeld? Das elfjährige Mädchen ging am Samstag um 15 Uhr in Holzheim bei Dillingen zum Joggen. Laut Polizei trug es eine schwarze Adidas-Hose, ein rotes Top und pinke Nike-Schuhe. Seitdem ist sie verschwunden. Immer klarer wird nun, dass Shalomah wohl im nördlichen Bayerisch-Schwaben von der christlich-fundamentalistischen Sekte „Zwölf Stämme“ entführt wurde.

Im Laufe des Montags gingen zwei gleich lautende E-Mails bei Shalomash Pflegevater ein: Sie sei bei ihren leiblichen Eltern, es gehe ihr gut, man brauche sich nicht zu sorgen. Eine unterzeichnet von ihrem leiblichen Vater, die andere von einem weiteren Sektenmitglied. 2017 hatten die „Zwölf Stämme“ ihren Sitz in Klosterzimmern bei Nördlingen verlassen und waren nach Tschechien gezogen.

Über viele Jahre gab es Dauerstreit mit staatlichen Institutionen, Gerichtsverfahren, Polizeieinsätze, Verurteilungen. Denn die Sektenmitglieder schlugen und misshandelten ihre Kinder systematisch, diese mussten auf dem Hof schuften, gingen nicht in öffentliche Schulen, sondern wurden in dem Anwesen von nicht ausgebildeten Hilfslehrerinnen unterrichtet.

Nach dem Umzug ins tschechische Skalna nahe der Grenze zu Bayern wurde es ruhig um sie. Insgesamt 40 Kinder waren in Bayern aus den Familien genommen und auf Pflegeeinrichtungen und -familien verteilt worden. Klaus R. etwa ist in die Sekte hineingeboren worden und blieb, bis er 17 Jahre alt war. Dann floh er im Jahr 2012. „Ich hatte keine Kindheit“, sagte er vor einiger Zeit in einem Gespräch. Es habe ein „Klima der Angst und der totalen Überwachung“ geherrscht. Nicht wöchentlich, sondern täglich wurde mit der Rute auf die offenen Hände und den nackten Po der Kinder geschlagen. Die Ruten wurden mit Tesafilm überklebt, damit es mehr schmerzte und sie länger hielten.

Nach außen hin wirkte das Anwesen Klosterzimmern – 15 Häuser und ein Kirchlein in der Mitte – wie eine ländliche Idylle. Die Mitglieder kleideten sich bunt wie Hippies, ließen sich die Haare wachsen, gaben sich friedlich-fröhlich. Ein Mal im Jahr fand ein Hoffest statt, die Menschen aus der Umgebung wurden eingeladen. Die Gruppe lebte von der Landwirtschaft, auch war sie im Baugewerbe tätig und errichtete etwa Solaranlagen auf Hausdächern.

Doch so schön der Schein, so kriminell die Organisation: Niemand erhielt Lohn, keiner war krankenversichert. „Die älteren Mitglieder“, so der Aussteiger R., „mussten schon deshalb bleiben, weil sie keine Rente bekommen hätten und draußen nicht zurecht gekommen wären.“ Die Kinder und Jugendlichen wurden kaum ärztlich untersucht. R. ist kein einziger Jugendlicher bekannt, der einen Schulabschluss absolviert hat, auch nicht die damalige Hauptschule. In Bayern gab es immer wieder heftige Kritik, wie die Behörden dies über so lange Zeit hatten durchgehen lassen können – die systematische Gewalt, das Umgehen der Schulpflicht.

In Tschechien wiederum ist die Prügelstrafe nicht verboten, und es ist einfacher, Kinder privat zu unterrichten. Ob Shalomah von den Eltern oder anderen Sektenmitgliedern ins Nachbarland verschleppt wurde, ist derzeit Teil der Ermittlungen. Es besteht laut Kriminalpolizei der Verdacht der Entziehung einer Minderjährigen. Darauf stehen bis zu fünf Jahre Haft. Wo das Mädchen im Alter von drei bis acht Jahren zuletzt gelebt hatte, wussten die Sekteneltern jedenfalls ganz genau. Vom Jugendamt war ihnen regelmäßig der Besuch der Tochter gestattet worden, zuletzt Ende September.

Sekte im Fokus der Ermittlungsbehörden

Die „Zwölf Stämme“ waren früher im nordschwäbischen Klosterzimmern bei Deiningen und im mittelfränkischen Wörnitz angesiedelt. Im September 2013 hatten die Behörden 40 Jungen und Mädchen aus der Gemeinschaft geholt und bei Pflegefamilien und in Heimen untergebracht.

Die elfjährige Shalomah Hennigfeld. Foto: Polizei Schwaben Nord

Zum Artikel

Erstellt:
19. Oktober 2021, 06:00 Uhr
Aktualisiert:
19. Oktober 2021, 06:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 19. Oktober 2021, 06:00 Uhr

Artikel empfehlen

Artikel Aktionen

Sie möchten diesen Inhalt nutzen? Bitte beachten Sie unsere Hinweise zur Lizenzierung.

Push aufs Handy

Die wichtigsten Nachrichten direkt aufs Smartphone: Installieren Sie die Tagblatt-App für iOS oder für Android und erhalten Sie Push-Meldungen über die wichtigsten Ereignisse und interessantesten Themen aus der Region Tübingen.

Newsletter

Um unsere Newsletter zu erhalten, müssen Sie sich anmelden oder als Benutzer kostenlos neu registrieren. Ihre Daten werden ausschließlich für die Newsletter verwendet - nur falls Sie auch weitere Angebote des Verlags Schwäbisches Tagblatt wählen, auch für diese.
Das Tagblatt in den Sozialen Netzen
Facebook Sport      Faceboook      Instagram      Twitter      Tagblatt-App