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Gesichter der Fasnet

Wulf Wager über Bräuche im Narrentum

Brauchtums-Experte Wulf Wager erklärte am Freitagabend in Hirschau auf Einladung der Narrenzunft die Geschichte und die verschiedenen Formen der Fasnet.

07.02.2011

Tübingen. „Man hat bis in die 60er, 70er-Jahre gedacht, Fasnacht sei ein heidnischer Brauch zur Winteraustreibung“, eröffnete Wulf Wager seinen Vortrag im Vereinsheim der Hirschauer Narren. Darin liege jedoch ein kleiner Denkfehler: „Fasnet ist teilweise heidnisch – das heißt nicht christlich oder außerchristlich, das heißt aber nicht vorchristlich“, erklärte der Experte, der unter anderem bereits die Sendung „Wie’s dr Brauch isch“ moderierte und den Cannstatter Volksfestumzug kommentierte. Dennoch stehe die Fasnet in engem Zusammenhang mit der christlichen Fastenzeit. Denn Fastnacht meint eigentlich die Nacht vor dem Fastenbeginn.

In der Fastenzeit sollten keine Produkte von warmblütigen Tieren verzehrt werden, also weder Fleisch, noch Speck oder Schmalz, keine Eier und auch keine Milch. „Was da übrig bleibt, ist nicht viel – und die Bauern hatten ja damals ohnehin schon nicht viel“, sagte Wager. Also wurde in der Fasnet ein letztes Mal alles getan und gegessen, was in den 40 folgenden, entbehrungsreichen Tagen nicht mehr erlaubt war. Die Schweinsblasen, die manchen Hästräger bei sich haben, sind in die Fasnet gekommen, weil die Bauern damals noch einmal geschlachtet haben.

Tiere spielen in der Fastnacht nicht nur beim Verzehrverbot eine Rolle, sondern sie finden sich auch in den Fasnachtfiguren wieder. Der Hahn etwa, erklärte Wager den gut 100 Zuhörern, symbolisiere ungezügelte Sexualität und Geilheit. In Form von Hahnenfedern am Kopfputz oder am Häs taucht er auf. Zahlreiche Bilder begleiteten Wagers Vortrag. Der farbenprächtige Hahnenreiter stolziert zum Beispiel in Rottweil durch die Fasnet.

Auch Rössle-Reiter galoppieren in Narren-Umzügen – als Verballhornung der Obrigkeit, die in früheren Zeiten zu Pferde unterwegs war. Der Butzesel in Villingen hingegen symbolisiert Fleischeslust in gleich doppeltem Sinne: Büchst er seinen Treibern aus und gelangt in eine Fleischerei, so muss ihm der Metzger einen Wurstring überlassen. Außerdem reitet er – als Phallussymbol – auf einem langen Ast.

Fleischlos leben galt in der Fastenzeit schließlich auch für das Liebesleben. So war die ausschweifungsreiche Fastnacht auch ein beliebter Hochzeitstermin. Und als Persiflage sind gespielte Hochzeiten ebenfalls in die Fasnetsbräuche eingegangen.

Zum Narrentum gehört es auch, anderen unangenehme Wahrheiten ins Gesicht zu sagen. Um selbst nicht erkannt zu werden, verbergen Masken das Gesicht. Besonders interessant sind dabei die sogenannten Glattlarven: Masken, die ein besonders schönes Gesicht zeigen und damit die schlechte Rede verbergen sollten. Sie gibt es bereits seit dem 16. Jahrhundert. Ebenfalls früh sind die weißen Häs entstanden. Wager weiß warum: Früher waren die Trachten schlicht weiß, weil die Bauern sie selbst herstellen konnten. Und da kein Geld für ein teures Häs übrig war, nahmen die Bauern einfach eine alte Tracht und verzierten, bemalten oder benähten sie. Durch zunehmenden Wohlstand veränderten sich die Verkleidungen und wurden oft viel prachtvoller. Wager ist sich sicher: „Nur wenn sich Brauchtum verändert, hat es eine Chance, Bestand zu haben.“

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... und die Hirschemer Hexe. Archivbilder

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07.02.2011, 12:00 Uhr
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