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Travestietruppe „Les Ballets Trockadero de Monte Carlo“ gastiert in Stuttgart

Wucht in Tütüs

Das muss man gesehen haben. Im Theaterhaus gastiert das Trockadero-Ballet: eine enorm komische, rein männliche Spitzentanztruppe aus New York.

11.08.2016
  • WILHELM TRIEBOLD

Stuttgart. Natascha Notgudenov fehlt. Auch die große Ida Neversayneva oder die unvergleichliche Doris Vidanya lassen sich heute nicht blicken. Dafür ist der einzigartige Innokenti Smoktumuchsky da, der wunderbare Jacques d'Aniels, die zauberhafte Nina Enimenimynimova. Alles Legenden der guten alten russischen Balletttradition …

Schon mit der Alias-Namensgebung lassen die „Trockadero“-Jungs die Gesetze des höheren Nonsens walten und nehmen den Ballettbetrieb gehörig auf die Schippe. Denn sie befinden sich, wie im Theaterhaus eine Off-Stimme vorsorglich ankündigt, „in ausgezeichneter Stimmung“. Die lässt sich in den kommenden knapp zweieinhalb Stunden – mit zwei Verschnaufpausen – so gut auf das Publikum übertragen, dass es sich am Ende von den Sitzen erhebt, um begeistert Ovationen zu spenden. Und das völlig zu Recht.

Entstanden ist „Les Balletts Trockadero de Monte Carlo“ vor 42 Jahren in der Off-Off-Szene am New Yorker Broadway. Längst genießt der durchtrainierte Männertrupp, nach inzwischen 141 Tour- neen in 35 Ländern und mehr als 600 Städten, selbst in den anspruchsvollen Ballettfankreisen einen gewissen Kultstatus.

Denn die allesamt klassisch ausgebildeten Tänzer machen sich keineswegs nur einfach im aufgebrezelten Tunten- und Transen-Modus über das gestrenge herkömmliche Tanz- Regelwerk lustig, wenn sie sich in kleidsamer „en travesti“-Tradition und mit Todesverachtung in all die mörderischen Fouettés und Entrechats stürzen. Sie können es eben auch. Das ist das Entscheidende. Und der Unterschied zu jedem Jux- und Tollerei-Klamauk.

Ein Hochgenuss ist es, den topfitten Spitzenkräften beim „Schwanensee“, bei einem aus dem Ruder laufenden Balanchine-Balanceakt oder schließlich bei der prächtigen Petipa-„Paquita“ zuzuschauen. Wuchtige Kraftpakete, in Tütüs gezwängt, daneben aber auch erstaunlich grazile und langgliedrige Wesen von enormer Sprung- und Schnellkraft: Manchem quillt das Brusthaar aus dem angedeuteten Dekolleté, wächst ungebändigtes Achselhaar unter der muskulösen Schulterpartie. Ein ziemlich blonder Beau bezirzt als Nobelprinz die spillerige Schwanenkönigin Odette, die ein bisschen aussieht wie die ältere Schwester von Roberto Benigni (und im vorigen Ballett-Leben, ehe Trockadero rief, mal am Koblenzer Stadttheater getanzt hat). Zu allem Ungemach mischt sich, zu Tschaikowski-Harfenklang, auch noch ein Harpo-Marx-Typ in den Pas de deux ein.

Es sind zumeist die kleinen Fehltritte und Missgeschicke, mit denen die Truppe den todernsten Tanz aufbricht. Mal tappt jemand pantomimisch in Hundescheiße, mal tanzt wer aus der Reihe. Dann schießt einer wieder übers Ziel hinaus oder flippt ganz einfach aus. Die Mimik tanzt mit. Der zum Hebekran degradierte Erste Solist baggert ungeniert über die stählern lächelnde Partnerin hinweg eine bebrillte Halbsolistin an, während die geballte Schwanen-Brigade ganz schön fuchsig werden kann. Und der berühmte sterbende Schwan lässt mächtig Federn aus seinem Kleid, bis er formvollendet das Zeitliche segnet. Alles in allem ein Heidenspaß, immer witzig, manchmal albern, mitunter auch nur herrlich doof.

Im US-amerikanischen Sport gibt es ein Pendant, möglicherweise sogar ein Vorbild: die Harlem Globetrotters. Jeder für sich ein Künstler und Könner am Basketball, zusammen eine fast unschlagbare Komikertruppe. Sie lassen beim Jonglieren kaum einen Jux aus, treffen aber immer. Die Trockadero-Primaballerinos sind so etwas wie die Harlem Globetrockers der Tanzwelt.

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11.08.2016, 06:00 Uhr
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