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Das Gegenteil von Romantik

Worum geht es eigentlich in den Liedern von Leonard Cohen? "Poem" bietet die Songs in deutscher

Auf dem Album "Poem" interpretieren Künstler wie Nina Hagen, Peter Maffay und Tim Bendzko die Songs von Altmeister Leonard Cohen. Songwriter Misha G. Schoeneberg übersetzte die Texte ins Deutsche.

18.09.2014

Von UDO EBERL

Was macht für Sie die Faszination von Leonard Cohen aus?

MISHA G. SCHOENEBERG: Sein musikalisches Schaffen über fast 50 Jahre hinweg. Er wird 80 und füllt immer noch die großen Hallen. Und dass er jetzt wieder im Studio war und ein neues Album veröffentlicht. Das sind für mich alles Sensationen. Songs von Cohen haben Bestand jenseits seiner "Golden Voice" und Körperlichkeit, und sie funktionieren in jeder Sprache.

Auch auf Deutsch, wie Ihre Übersetzungen zeigen. Was hat Sie motiviert, sich den Texten von Leonard Cohen derart intensiv zu widmen?

SCHOENEBERG: Ich wollte schon bei "Satisfaction" von den Stones von meinem großen Bruder wissen: Was singen die da? Später habe ich Cohen gehört und mich gefragt: Was genau singt er da? Viele wollen das bis heute ja gar nicht wissen und meinen, Cohen stehe für Romantik und mache Musik zum Schmusen, aber genau das ist es eben nicht. Es gibt da immer dieses Ungewisse. "Dance Me to The End of Love" erzählt vom letzten Liebesschwur eines Paares auf der Rampe im Angesicht des Todes.

"Halleluja", eines der populärsten Lieder aller Zeiten, scheint ja auch der Song schlechthin zu sein, bei dem der Text von vielen Hörern einfach ausgeblendet wird.

SCHOENEBERG: Ein riesiges Missverständnis. Es ist einfach nur gruselig, wenn 15-Jährige das in Castingshows singen und nicht ansatzweise wissen, worum es da eigentlich geht. Es ist ja ein durch und durch jüdisches Lied, das davon erzählt, was aus dem Fehltritt König Davids resultiert. Meine Intention war es, so etwas durch die Übersetzung ins Deutsche offen zu legen. Wieso hat es so viele Jahre bis zur Realisierung von "Poem" gedauert?

SCHOENEBERG: Ich weiß noch genau, wie ich sozusagen mit jugendlichem Leichtsinn vor Leonard Cohen stand und sagte, ich will für Sie das tun, was Rilke für die Klassiker und Zweig für Baudelaire gemacht haben. Aber es ist eine langwierige und irrwitzige Geschichte, das machen zu wollen. Manchmal quält man sich, manchmal träumt man die Übersetzung, und sie fliegt einem zu. Auch aus diesem Grund hat das 22 Jahre gedauert.

Wie groß ist die Freiheit des Übersetzers, wenn es darum geht, dem inhaltlichen Kern des Textes möglichst nahe zu kommen?

SCHOENEBERG: Es gibt keine Freiheit. Du bist ein Gefangener der Aufgabe. Und Nachlässigkeiten wird dir niemand vergeben. Man muss erst einmal unter Beweis stellen, dass man eine poetische Kraft, Form, Musikalität und Lyrik hat.

Braucht man den Mut, nicht hart am Original zu übersetzen, um dem Autor gerecht zu werden?

SCHOENEBERG: Es geht nicht um den Mut zur Freiheit, sondern um die Lust am Wissen. Liebe, Arbeit und Wissen sind viel wichtiger. In "Anthem" gibt es die Zeile "Forget your perfect offering." Wenn man das Google übersetzen lässt, wäre "dein perfektes Geschenk" ein Angebot. Aber gemeint ist in diesem religiösen Kontext, und davon bin ich felsenfest überzeugt: "Vergiss dein großes Heiligsein". Denn Offering steht für Demut, das Abwenden von weltlichen Genüssen, den buddhistischen Gleichmut, den Cohen sehr humoristisch beschreibt.

Gab es mit Interpreten Diskussionen über einzelne Zeilen?

SCHOENEBERG: Großmeister der deutschen Sprache wie etwa Reinhard Mey haben meine Texte diskussionslos übernommen. Das macht mich demütig und freudig. Alin Coen hat mit mir zum Beispiel um Zeilen gekämpft, denn sie hat ein sehr gutes Gefühl dafür, was sie singen kann und was nicht. In "Joan of Arc" gibt es die Zeile: "Feuer kühle deinen Leib und mach mich nun zu deinem Weib." Die konnte sie wegen des Wortes Weib nicht singen, und wir haben dann lange herumgetüftelt, bis wir dann über 20 weitere Zeilen letztendlich an diese kamen: "Feuer kühle deine Haut und mach mich nun zu deiner Braut."

Wie schwierig war es, dieses Album zu realisieren?

SCHOENEBERG: Meine Übersetzungen der Cohen-Texte wurden ja erst nach einem sehr besonderen Verfahren mit zwei unterschiedlichen deutschsprachigen Gegenlesern freigegeben. Dagegen waren die Interpreten sehr schnell bereit, diese deutschen Versionen zu singen. Die Interpreten auf "Poem" haben das für mich atemberaubend und tränentreibend umgesetzt.

Mit welchem konzeptionellen Ansatz sind Sie denn an das Album herangegangen?

SCHOENEBERG: Es sollte eine Art Cohen-Werkschau mit 17 Liedern sein. Die Auflage war ja: Macht Euer eigenes Stück aus dem gewählten Lied. Bei den Interpreten sollte das Spektrum möglichst breit sein: jung und alt, Rock und Pop, aber auch Liedermacher. Da gibt es einen Reinhard Mey, aber auch Max Prosa. Und Superstars wie Peter Maffay, Tim Bendzko und unseren Weltstar Nina Hagen, deren Interpretation zu meinen Lieblingsstücken gehört.

HipHop-Interpreten kamen nicht in Frage?

SCHOENEBERG: Es gibt Künstler, die aufgrund ihrer Haltung für mich indiskutabel sind. Ganz vorneweg Xavier Naidoo. Da hatte ich ein Vetorecht und habe gesagt: Der nicht.

Der kanadische Songpoet Leonard Cohen feiert am Sonntag seinen 80. Geburtstag. Foto: dpa

"Poem": Leonard Cohens Songs, deutsch gesungen.

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Erstellt:
18. September 2014, 12:00 Uhr
Aktualisiert:
18. September 2014, 12:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 18. September 2014, 12:00 Uhr

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