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Fadenwelt, Papierschöpfung

Workshop-Buchkunst im Bonatzbau

Tübingen. Diese Ausstellung wartet mit einem unerhörten, für eine Bibliothek geradezu ungehörig erscheinenden Umgang mit dem Buch auf: In einem Krimi von Stephen King steckt ein Messer.

05.02.2010

Neben einem Buch mit „unverdaulichem Inhalt“ (Titel) liegt ein hingekotzter Papierbrei, in dem grade noch so einige Buchstaben zu erkennen sind. Unter dem Titel „Gescheiterter Therapieansatz“ wird ein Werk über Psychologie im Alltag malträtiert. Ein fesselndes Buch steht selbst gefesselt da.

Aber es wird hier nicht nur zerstört, auch ans Bewahren, auch ans Wachsen und Gedeihen haben die Künstler gedacht: In den noch feuchten Papierbrei zweier handgeschöpfter Buchseiten hat jemand Kressesamen gestreut, als wärs eine Folie zum Ankeimen (aber alles ist dörr und braun). Ein anderer hat in sein handgeschöpftes „Album“ Naturalien gedrückt. Buchkunst – das findet man gewöhnlich in der Galerie Druck und Buch. Nun sind, zumindest zeitlich begrenzt, auch im Bonatzbau Künstlerbücher ausgestellt.

Gefertigt wurden sie in den letzten drei Jahren von Teilnehmern des Workshops Papier, den Gerhard Walter Feuchter am Uni-Zeicheninstitut leitete. Es ist sozusagen eine kleine Werkstoff-, Methoden- und Ausprobierschule: Was kann mit Büchern und Papier künstlerisch so alles angestellt werden? Denn eben um diese beiden handwerklichen Wege geht es: Erstens das künstlerische Zweckentfremden von bereits existierenden Büchern, zweitens das Erstellen von Kunstbüchern aus selbst handgeschöpftem Papier.

Rein ästhetisch könnte man zwei andere Schubladen aufmachen: Erstens die gröbere, spaßige und gern etwas böse, die an Inhalt-Form-Verlängerungen beziehungsweise Durchkreuzungen ihr Vergnügen findet und bisweilen etwas plump wirkt, etwa wenn aus dem Frontcover eines juristischen Buchs ein Fenster mit Gitterstäben ausgeschnitten wird. Zweitens die feinere Art, die das Buchthema auf einer Parallelebene bespielt oder ihre eigenen künstlerischen Konzepte hat, die sich etwa nach den Eigenheiten des Materials richten, mit oder herausfordernd gegen seine Möglichkeiten arbeitet – wie es etwa Gerhard Walter Feuchters Papierkunst tut. Auch von ihm sind einige Exponate zu sehen.

Info

Künstlerbücher und Buchobjekte des „Workshops Papier“, noch bis 20. Februar im Bonatzbau.

Vor einigen Wochen hat Angelika Zeller ihr Atelier etwas weiter an den Stadtrand geschoben und etwas mehr versteckt, um mehr Ruhe zu haben, wie sie sagt, obwohl sie gleich einräumt, dass Künstler in Tübingen ja mehr Ruhe hätten als ihnen lieb sei. In ruhigerer Ruhelosigkeit wird sie also weiternadeln, während sie momentan „Vergessenes“ in der Künstlerbundgalerie zeigt.

Ihre Motive sehen aus, als stammten sie aus Fotoalben, wo ja auch aufgehoben wird, was nicht dem Vergessen anheim fallen soll. Aber vielleicht hat die Künstlerin auch den Eindruck, als würde gerade auf solchen Fotos doch etwas vergessen. Und ihre Nadelarbeiten bringen es wieder zutage. Ja, Angelika Zeller tut, was man sonst nur von Weihnachtsbäumen sagt: Sie nadelt, sie nadelt mit Fäden, das drückt es besser aus als sticken, was schnell kunstgewerblich und schön klingt. Zum „Kunstgewerbe“: Angelika Zeller macht Kunst. Oder Handarbeit, was „needlework“ korrekt übersetzt bedeutet. Zu „schön“: Sind ihre Figuren nicht, dafür irgendwo auf der Palette zwischen realistisch und grotesk, manchmal anrührend.

Im unteren Raum der Künstlerbundgalerie sind Gemälde ausgestellt. Im oberen Raum Zeichnungen – natürlich alles mit Fäden, das sind ihre Pinselstriche. Im unteren Raum Farbe. Im oberen Raum Schwarzweißgrau. Im unteren Raum Fläche. Im oberen Raum ansatzweise Plastik, denn auf dem Tuch sind die be- und ernadelten Figuren mit weiterem Tuch halbskulptural aufgesetzt.

Was Maler können, kann sie auch: Schatten, Licht, Maserungen, Glänzendes, Mattes, dichter und poröser Auftrag. Und immer wählt sie, wie konkret oder ungefähr die Person auftauchen soll. Die Arbeiten auf der Galerie scheinen da fast wie die Nadelvariante mancher Fotoarbeiten (oder nach Fotos gemalter Arbeiten) Gerhard Richters, Schärfe/Unschärfekunst. Sie sorgt dafür, dass ihre Figuren beweglich, lebendig werden, denn der Betrachter muss das Fehlende, nicht Fixierte ergänzen, füllt es aus mit seine eigenen Erinnerungen, Obsessionen, Wünschen, Ängsten. Außerdem kann die Künstlerin mit der jeweiligen Modulation auch ihr jeweils eigenes Verhältnis zu den Personen beschreiben.

So persönlich und individuell das Ganze ist, hat es doch auch wieder eine kollektive Seite: Hat man jene Pose nicht schon im Familienalbum gesehen? Geistert so, in dieser leicht gekrümmten Haltung samt Handtasche nicht meine eigene Großmutter in meiner Erinnerung herum? Und wahrscheinlich nicht nur meine. Aber es fällt uns womöglich erst wieder ein, wenn wir vor dem Bild stehen. Peter Ertle

Info

Angelika Zeller, „Vergessenes“, noch bis 27. Februar in der Künstlerbundgalerie, Metzgergasse 3, Mi-Fr 15-18 Uhr, Sa 11-14 Uhr. Am Donnerstag, 11. Februar um 19 Uhr ist ein Künstlergespräch anberaumt.

Workshop-Buchkunst im Bonatzbau
Eingeimpft und ins Herz getroffen: Ein ungewöhnlicher Umgang mit Büchern im Bonatzbau. Bilder: Sommer

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05.02.2010, 12:00 Uhr
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