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Fit wie ein Stepptanzschuh

Wolfgang Münzberg ist mit knapp 80 Jahren unter die Tänzer gegangen

Mit 78 Jahren hat er das Stepptanzen angefangen. Heute ist der Tübinger Wolfgang Münzberg 81 und fitter als viele Jüngere. Die Liebe zum Rhythmus zieht sich durch sein ganzes Leben.

22.05.2010

Von Kathrin Schoch

Tübingen. Wer Wolfgang Münzberg am Klavier erlebt, wenn er Mackie Messer spielt, vergisst, dass dieser schmale Mann bereits 81 Jahre alt ist. Im Tanzraum der Tübinger Rainbow Dance Factory sitzt er in der Ecke vor dem Klavier. Auf seinem Stuhl hat er vier Sitzkissen aufeinander gestapelt. Seine Finger fliegen über die Tasten, der Körper bewegt sich im Rhythmus. Er gibt den Takt vor, variiert und improvisiert lässig zum Klappern der Tanzschuhe.

Doch der Tübinger spielt nicht nur für die Tänzer, er steppt selbst mit. Vor zwei, drei Jahren hat er damit angefangen, ist zufällig reingeraten, wie er sagt. Seine Lebensgefährtin Adelheid Ebert tanzte schon länger mit, am Anfang machte er nur die Begleitung am Klavier. Doch bald hatte es ihn gepackt. Seitdem wird jeden Dienstag trainiert, zu Hause hat sich das Paar sogar einen Raum im Keller dafür eingerichtet. Alte Schuhe fanden sich auch noch, die ließ Münzberg mit Metallplatten beschlagen.

Stepptanz in dem Alter? Tut es da nicht auch ein Gymnastikkurs? Nein, sagt Münzberg, das sei ihm zu langweilig. Er braucht den Rhythmus, den er vom Jazz so liebt. „Natürlich ist das eine anstrengende Sportart“, erklärt der emeritierte Jura-Professor. „Aber ich will mich ja anstrengen.“

Stepptanz sei echtes Anti-Aging, sagt der 81-Jährige. Doch ein Problem hat er beim Steppen: sich die Schrittfolgen zu merken. „Im Alter ist das ja immer ein bisschen schwieriger“, meint Münzberg, und tippt sich an die Stirn. Doch als Logiker hat er längst eine Lösung gefunden. Er hat eine eigene Notenschrift entwickelt und notiert sich noch während des Trainings die Schritte.

Mit Tanzlehrerin Hazelle Kurig von der Rainbow Dance Factory gab es deshalb anfangs manchen Kampf. „Sie sagte, ich solle doch steppen statt zu schreiben.“ Münzbergs Marotte ist mittlerweile akzeptiert, Kurig ist eine gute Freundin geworden – bloß über seine Blätter mit den dicht beschriebenen und akkurat gesetzten Noten amüsiert sie sich immer noch.

Wolfgang Münzberg wohnt auf dem Schlossberg, vom Balkon aus hat man eine wunderbare Aussicht auf das Ammertal und die Weststadt. Ab und zu geht er hier draußen seinem Laster nach und raucht eine Zigarette. Nur zwei Züge, dann ist es gut. Die Lunge funktioniert nur noch eingeschränkt, auch auf Hörgerät und Brille ist er angewiesen. „Es geht noch alles, aber alles nicht mehr so richtig“, meint er achselzuckend. Und, ja, alt fühle er sich schon.

Im Wohnzimmer dominiert ein schwarzer Flügel den Raum. Münzberg spielt fast jeden Tag. Die Mutter hatte für ihn und seine Schwester damals, im hessischen Oberursel, ein Klavier gekauft. Mit einem Schulkameraden klimperte Münzberg anfangs am liebsten Märsche und Volksschlager. Noch in der Schulzeit verdiente er sich sein Taschengeld mit der Band „Goldene Sechs“. Tanzmusik und ein bisschen Jazz spielten die Jugendlichen. Münzberg arrangierte die Stücke fürs Orchester, Noten gab es damals nicht zu kaufen.

Am Frankfurter Konservatorium bekam er schließlich Klavierunterricht. Ein Jahr spielte er dort, dann kam der Krieg „Ich bin nach Frankfurt reingefahren, da war die Musikschule nur noch eine Ruine. Und in den Trümmern lag schräg ein weißer Flügel“, erinnert er sich.

Zu Jazz und Swing kam Münzberg über die „Feindsender“, die er sich heimlich mit Freunden anhörte. „Jazz war gegen die Nazis, wie mein Vater.“ Der versteckte sechs Monate lang einen Juden, bis zu dessen Flucht. Münzberg musste zur Hitlerjugend und schaute zu, dass er dort ins Orchester kam. Später wurde er Sportwart wurde, damit er sich „drücken konnte“, wie er sagt.

Vor dem Dienst an der Front rettete er sich mit einem Trick: Bei der Musterung musste er 30 Liegestütze machen. Für den Turner eigentlich kein Problem. „Ich hab die Liegestütze auch gemacht“, erzählt Münzberg, „aber ich hab dabei die Luft angehalten. So wurde ich bis März 1945 zurückgestellt.“ Fast hätte der Volkssturm ihn und seinen Vater noch kurz vor Kriegsende geholt. Doch die beiden versteckten sich in der Jagdhütte der Familie. Nach dem Krieg kehrte Münzberg zum Jazz zurück und spielte in den amerikanischen Klubs rund um Frankfurt.

Die Liebe zur Musik teilt Wolfgang Münzberg mit seiner Tochter. Sie spielt Geige und Bratsche und „treibt“ ihn zur gemeinsamen Kammermusik, wie er sagt. Profimusiker zu werden, das hat er ihr jedoch abgeraten – und es selbst nicht getan. „Ich will die Musik lieben bis zum Ende, da darf ich sie nicht zu meinem Beruf machen.“

Die Versuchung aber war durchaus da: In jungen Jahren bot man ihm ein Engagement als Pianist auf einem Schiff an, auch in einem Orchester sollte er spielen. Münzberg lehnte ab und studierte stattdessen Jura in Frankfurt. Als Professor für Zivilrecht und Zivilprozess arbeitete er zunächst in Kiel. Mit seiner 2002 verstorbenen Frau zog er 1970 nach Tübingen. Hier gefällt es ihm, er unterrichtete gerne Studenten.

Seit 1994 ist er emeritiert. Als 2004 die neu bearbeitete Auflage eines Großkommentars zur Zwangsvollstreckung – ein Gemeinschaftswerk mit Kollegen – fertig war, machte er endgültig Schluss mit der Juristerei. Hin und wieder will ihn jemand dazu bewegen, noch etwas zu verfassen. „Aber das können die Jungen genau so gut“, sagt Münzberg. Er ist nun mit anderen Dingen beschäftigt. Mit Steppen, zum Beispiel.

Wolfgang Münzberg in der Rainbow Dance Factory. Mit ihm steppen Trainerin Hazelle Kurig (zweite von links) und Adelheid Ebert (dritte von links). Bild: Metz

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Erstellt:
22. Mai 2010, 12:00 Uhr
Aktualisiert:
22. Mai 2010, 12:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 22. Mai 2010, 12:00 Uhr

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