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Kandidat mit Kante

Wolfgang Dietrich, einst Sprecher des Bahnprojekts Stuttgart 21, soll VfB-Präsident werden

Anpacker mit Stehvermögen: Wolfgang Dietrich wird sich bei der Mitgliederversammlung am 9. Oktober als Präsident des VfB Stuttgart zur Wahl stellen.

16.08.2016
  • ARMIN GRASMUCK

Stuttgart. Der Schlendrian, so viel steht fest, dieser alte Trott plagt ganz bestimmt keinen mehr, wenn Wolfgang Dietrich zum neuen Präsidenten des VfB Stuttgart gewählt wird. Seine Augen bewegen sich schneller als mancher Spieler auf dem Platz. Ultimativen Tatendrang verheißt die Pose, wenn der Kandidat über Gegenwart und Zukunft des abgestürzten Traditionsklubs spricht. Offen, direkt und selbstbewusst umreißt er seine Ambitionen. Er scheint angstfrei und sachlich, integer und betont zielgerichtet – was die Anhänger, die den VfB im Herzen tragen und auch die Vereinsangestellten auf den ersten Blick als klaren Unterschied im Vergleich zu einigen der Kluboberen aus der jüngeren Vergangenheit registriert haben dürften.

„Ich bin ein Teamplayer“, sagt Dietrich. „Ich diskutiere gerne und lange. Aber wenn ich eine Entscheidung getroffen habe, dränge ich vehement darauf, dass sie auch umgesetzt wird.“ Als Anpacker und als Mann mit ungeheurem Stehvermögen hat er sich in der Landeshauptstadt einen Namen und keineswegs nur Freunde gemacht. Mehr als vier lange Jahre, von September 2010 bis Februar 2015 warb er als Sprecher an vorderster Front für das höchst umstrittene Bahnprojekt Stuttgart 21. Er kämpfte mit breiter Brust, er argumentierte, er griff an, er wehrte ab und er stand mit Leidenschaft zu seinen Worten. Selbst wenn er diesen Einsatz heute für längst beendet und abgehakt erklärt: Dietrich ist stolz darauf, dass die Mehrheit der Bürger das Bahnprojekt damals wie heute unterstützt, und auch die Grünen in der Landesregierung, die lange Zeit dagegen zu sein schienen, jetzt offenbar ziemlich gut damit leben können. „Er ist ein wahrer Kämpfer für das Projekt, scheute keine Diskussion, versuchte aufzuklären und nutzte jede Gelegenheit, die Bürger mit Fakten und guten Argumenten zu überzeugen“, so lobte ihn Bahnchef Rüdiger Grube, der alte Freund und Vertraute, zum Abschied.

Den großen Bogen vom Hauptbahnhof zu dem Profiklub versucht Dietrich gezielt zu vermeiden, selbst wenn der VfB nach dem Abstieg aus der Bundesliga ähnlich bedroht wie damals der Umbauplan der Bahn erscheint. „Es ist keinesfalls zu vergleichen“, sagt Dietrich. „Bei Stuttgart 21 gab es zwei Interessensgruppen, die einen waren für A, die anderen für B. Dagegen liegt die Sache beim VfB klar auf der Hand: Alle wollen das Beste für den Verein.“ Er könnte es nur schwer nachvollziehen, wenn eine Reihe der Klubmitglieder ihn aufgrund seiner Dienste für die Bahn ablehnt. Genauso bedenklich fände er es jedoch, wenn er zum VfB-Oberen gewählt würde, nur weil er seinen Teil dazu beigetragen hat, den Bahnhof tieferzulegen.

Gleisbett ist Gleisbett und Fußball ist Fußball. Die Kandidatur für das mehr oder weniger honorige Amt des Klubpräsidenten betrachtet er als Angelegenheit des Herzens. Im Vereinsregister trägt er die Mitgliedsnummer 836, Eintrittsjahr 1974. Er stand auf der Tribüne, als die bis dato erfolgsverwöhnten Kicker mit dem roten Brustring im Frühjahr '75 zum ersten und bis 2016 einzigen Mal aus der Bundesliga absteigen mussten. „Wenn man sich so viele Jahre mit dem Verein beschäftigt, ist doch klar, dass man seine Hilfe anbietet, wenn sie gebraucht wird“, sagt Dietrich.

Geboren vor 68 Jahren in Stetten im Remstal, aufgewachsen in Backnang, Student der Betriebswirtschaftslehre, später übergesiedelt nach Leonberg. Verheiratet, zwei Söhne. Als mittelständischer Unternehmer lange vor Bahn und Bahnhof erfolgreich. Computer, Software, Sport, Marketing, Fußballrechte, PR. Diese Vita und seine guten Kontakte in Politik, Wirtschaft und dem Profigeschäft, regional, bundesweit und international, machen ihn für die Mitglieder des mächtigen VfB-Aufsichtsrats zu dem perfekten Kandidaten. „Wolfgang Dietrich ist ein erfahrener Geschäftsmann, er ist berechenbar und auf sein Wort ist Verlass“, sagt Martin Schäfer, der Vorsitzende des höchsten Kontrollgremiums. „Er hat genau das, was wir jetzt im Verein brauchen.“ Die Aufsichtsräte wissen es zudem zu schätzen, dass sich Dietrich als ehrenamtlicher Klubpräsident bewirbt, also kein Honorar, wie in der Branche üblich, im sechs- bis siebenstelligen Bereich zu kassieren gedenkt.

Wird er auf der Mitgliederversammlung am 9. Oktober gewählt, plant er zuallererst die Kraft des traditionsreichen Vereins, dieses einzigartige Potenzial, gezielt herauszuarbeiten. Der regionale Aspekt, die leidenschaftliche Art der Anhänger, die Gesichter und Geschichten, die 123 Jahre Klubgeschichte lebendig machen. Hier sieht er den VfB, auch im Vergleich mit den von milliardenschweren Mäzenen wie Dietmar Hopp und Dietmar Mateschitz oder von Konzernen finanzierten Klubs wie Wolfsburg oder Leverkusen, klar im Vorteil. „Nach dem Abstieg im Mai hat sich die Zahl unserer Mitglieder um 2000 erhöht, das ist einmalig“, sagt Dietrich. „Unser erstes Heimspiel in der 2. Liga war mit 60 000 Zuschauern ausverkauft. Es gibt Bundesligisten, die hätten in dieser Phase höchsten noch 4000 Besucher auf der Tribüne.“

In den sieben Wochen bis zur Wahl sucht der Kandidat den Kontakt mit der Basis. Das direkte Gespräch mit den treusten Anhängern, Fans und Fanclubs. Er möchte ihre Themen hören, die Ansichten und Anliegen, auch über sich, seinen Auftritt und Auftrag, um den Blick auf die neue Aufgabe umfassend schärfen zu können. Selbstverständlich wird er auch bei den heimischen Unternehmen die Klinken putzen, um die vorhandenen Erlösquellen zu stabilisieren und neue zu generieren. „Wir können stolz darauf sein, dass uns alle Partner in der 2. Liga erhalten bleiben, das ist nicht unbedingt üblich“, sagt Dietrich. „Es würde mich freuen, wenn wir einige Bereiche des Vereins möglichst separat und entsprechend langfristig vermarkten könnten.

Er denkt an die Jugendabteilung, die lange Zeit als bundesweit führend galt, in den vergangenen Jahren jedoch ebenfalls den Druck und die Tücken des modernen Fußballgeschäfts zu spüren bekam. Mit dem nötigem Finanzeinsatz soll die Förderung der Talente auf höchstem Niveau intensiviert und der entsprechende Gegenwert, sportlich wie materiell, garantiert werden.

Als rechter Außenläufer war Dietrich in jungen Jahren bei der TSG Backnang selbst höchst aktiv. In der Jugend wurde er angeleitet von Dietrich Rangnick, dem Vater von Ralf Rangnick. Später trainierte er unter Robert Schlienz, dem legendären VfB-Stürmer. „In der Jugend war ich ein passabler Spieler“, sagt Dietrich. „Mit 21 Jahren habe ich aufgehört, weil ich mit dem Studium begann und einfach keine Zeit mehr hatte.“ Ein paar Jahre später trat er als Mitglied dem VfB bei. Er blieb nach dem ersten Abstieg. Er freute sich über drei Deutsche Meisterschaften und feierte sie ausgiebig. Selbst als es rund um den Bahnhof brannte, hatte er seinen Stammplatz in der Cannstatter Arena sicher.

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16.08.2016, 06:00 Uhr
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