Die Unistadt ist ein teures Pflaster! Aber stimmt das auch?

Wohnen kostet hier jedenfalls mehr als leben: Stichprobenhafte Preisvergleiche

Man sieht es der Stadt doch sofort an. Feine kleine Geschäfte, aufwändig renovierte Häuser, gut gekleidete Passanten, viele Menschen im Freizeitmodus, Sonnenhungrige in den Straßencafés. Tübingen sieht nach dolce vita aus, die Stadt scheint Geld zu haben. Und wo Geld sitzt, sitzen auch die Preise sehr hoch. Tübingen, dies scheint klar, ist ein teures Pflaster. Wir fragen: Stimmt das?

21.08.2016

Von Ulla Steuernagel

Tübingen. Was braucht man zum Leben? Etwas zu essen, etwas zu trinken und ein Dach überm Kopf. Fangen wir also mit dem Dach an: Wie hoch sind die Mieten in Tübingen im Vergleich zu anderen Städten?

Im Internet tun sich eine ganze Reihe von Vergleichsmöglichkeiten auf. Unter www.wohnungsboerse.net wird ein durchschnittlicher Mietpreis von 12,12 Euro pro Quadratmeter angegeben. München dagegen bringt es auf 17,41 Euro, Reutlingen auf 9,21 Euro. Heidelbergs Mieten sind im Durchschnitt etwas unter den Tübingern (11,82). Der deutsche Mittelwert kommt auf 7,96 Euro pro Quadratmeter. Tübingen liegt damit also ein Drittel über der Durchschnittsmiete in Deutschland. Kleine Mietwohnungen sind etwas günstiger als zu erwarten, möglicherweise hängt das mit den geförderten Studentenwohnungen zusammen.

Bei den Immobilienpreisen liegt Tübingen mit einem Durchschnittsquadratmeterpreis von 4340 Euro von München 3000 Euro nach oben und von Wuppertal 3000 Euro nach unten entfernt. Tübingen gehörte laut Statistikportal „Statista“ im zweiten Quartal des Vorjahres zu den 50 teuersten Städten Deutschlands und belegt hier den Rang 19. Platz eins sei gerne München überlassen.

Was man in die Miete steckt, das könnte man theoretisch beim Essen sparen. Die Tübinger Bevölkerung kann sich über die üblichen Discounter versorgen: Aldi, Lidl, Penny sind vor Ort, ihre Preise sind weder an Lage noch an Durchschnittseinkommen ihrer Filialumgebung gebunden. In dieser Beziehung ist Tübingen so teuer oder billig wie andere Städte.

Kann man sich ein Studium hier leisten?

Bevor wir zu den Bierpreisen kommen, wollen wir erst einen Blick auf die Semesterbeiträge werfen. Sollte jemand eine Zulassung zum Studium an der Eberhard Karls Universität ablehnen, weil es woanders billiger ist? Sicher würden sparsame Rechner sich nicht an der Uni Hannover einschreiben, denn dort müsssen sie 410,35 Euro berappen, während sie in Tübingen nur 143,80 Euro zahlen. Heidelberg und Freiburg liegen ebenfalls auf Tübinger Niveau. Allerdings würde man sich unter dem Gesichtspunkt der Sparsamkeit eher für Tübingen oder Freiburg entscheiden, denn in beiden Städten ist ein Semesterticket im Beitrag enthalten. Freie Busfahrten für 77,80 Euro im Halbjahr, da kann man nicht meckern. Schüler oder Eltern können davon nur träumen. Sie sind mit rund 40 Euro im Monat dabei.

Um jetzt nicht alle Studierenden nach Tübingen zu lenken, muss man zur Ehrenrettung Hannovers sagen, dass dort 228 Euro vom Gesamtbeitrag auf ein Bus- und Bahnticket für ganz Niedersachsen gehen. Die dortige Universität scheint sich also besonders für Pendler zu lohnen. So gesehen ist auch ein Studium in Berlin okay, denn dort hat der Immatrikulierte an der FU und der Humboldt-Universität für 200 Euro einen Freifahrschein erkauft.

Doch Studierende wollen ja nicht immer nur Busfahren, sie wollen auch mal feiern gehen. Häufigster Begleiter ist dabei das Bier. Im internationalen Bierpreisvergleich steht Tübingen nicht schlecht da. Ermittelt werden die Werte aus der Differenz zwischen Dose und Kneipenbier (je 0,33 Liter). Kenner der hiesigen Verhältnisse errechnen nach intensiver jahrzehntelanger Recherche einen Durchschnittswert von 2 Euro. Das läge sogar noch unter dem Berliner Wert von 2,30 Euro. Am teuersten wird ein Bierbauch in Genf (5,64 Euro), während der Rausch in Krakau mit 1,48 Euro für 0,33 Liter am günstigsten zu haben ist.

Für wieviel kann man Filme gucken?

Wenn nun ein Tourist angelockt von Bierpreis und Altstadt eine Nacht in Tübingen verbringen will und sich nach dem preiswertesten Innenstadt-Hotel umschaut, dann landet er vermutlich in der „Pension Binder“. Im Innenstadtbereich dürfte mit 59 Euro fürs Einzelzimmer und 89 Euro fürs Doppelzimmer hier bei den nicht-privaten die preiswerteste Unterkunft zu finden sein.

Wer ins Kino geht, kann die gleichen Filme woanders teurer anschauen. Während es sich am Wochenende in Stuttgart eher in Richtung 9 oder 10 Euro bewegt, kann man in den Tübinger Kinos zur Hauptvorstellung und im 2D-Bereich die Filme noch für 8 Euro gucken. Im Berliner „Zoopalast“ sind Karten zwischen 10,50 und 14,50 Euro zu haben. Die Preise sind nicht nach Einkommen, sondern nach Bequemlichkeitswunsch gestaffelt.

Außer beim Wohnen scheint Tübingen also gar nicht so sehr aus der Reihe zu tanzen. Selbst im Luxusbereich ist Reutlingen das exklusivere Pflaster. In Tübingens Läden kostet der teuerste Damen-Wintermantel mit 999 Euro gerade noch dreistellig. In Reutlingen lässt sich locker 4000 Euro für das Luxuslabel Belstaff hinlegen. Vermutlich stehen Pelzverkäufe in Reutlingen auch weniger unter Beobachtung.

Welche Preise haben Brezeln in der Umgebung?

Die Laugenbrezel gehört zu den Grundnahrungsmitteln in diesem Teil der Welt. Insofern müssten hier eigentlich alle Löhne und Gehälter einen Brezelaufschlag bekommen, denn das in sich verschlungene Gebäck ist in der Herstellung aufwändiger als ein einfaches Brötchen, pardon: Weckle. Insofern wäre ein Brezelindex vielleicht ein nützliches Tarifinstrument. Sind die Brezelpreise in Tübingen so hoch wie in den Nachbarorten? Machen wir ein paar Stichproben. Was kostet die Brezel in den sieben Gehr-Filialen in der Kernstadt? 68 Cent. Bei der Bäckerei Schmid, die im Steinlachgebiet und Reutlingen verbreitet ist, liegt der Preis bei 70 Cent. Die Bäckerei Sehne bietet in ihren Filialen, drei davon in Rottenburg die Brezel für 75 Cent. Es ist aber nicht so, dass man nicht auch in Tübingen Brezeln für 75 Cent kaufen könnte.

In den 23 Filialen, die der Mössinger Bäcker Padeffke zwischen Tübingen, Pfullingen, Balingen und Rottenburg betreibt, kostet die Brezel 65 Cent, sonntags allerdings mit einem kleinen Aufschlag von 2 Cent. Fazit: Beim Brezelpreis-Ranking lassen sich im Vergleich zu Orten der Umgebung keine Tübinger Standort-Nachteile finden. Was nicht zuletzt auch an der Filialisierung dieses Handwerks liegt.

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Erstellt:
21. August 2016, 21:36 Uhr
Aktualisiert:
21. August 2016, 21:36 Uhr
zuletzt aktualisiert: 21. August 2016, 21:36 Uhr

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