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Vormarsch der E-Mobilität: Pflegedienst auf leisen Rädern

Wohlfahrtswerk setzt auf Elektro-Fahrzeuge und Gemeinden im Steinlachtal bauen Tankstellen-Netz aus

War da was? Dass soeben ein Auto vors Haus an der Steinlach gerollt ist, ist sicht-, aber kaum hörbar. Der elektrisch betriebene Renault Zoe ist so leise, dass die Pflegedienst-Mitarbeiterinnen manchmal fast vergessen, ihn auszuschalten.

04.09.2017
  • Gabi Schweizer

„Sind Sie mit dem E-Auto da? Man hat Sie wieder nicht gehört“, sagte eine Kundin neulich. Wahnsinnig ruhig, sehr angenehm zu fahren – so beschreiben die Pflegedienst-Leiterinnen den Automatik-Wagen, der statt an die Zapfsäule alle 250 bis 300 Kilometer an die Steckdose muss und statt eines Schlüssels eine Chipkarte hat.

Es war nicht ihre Entscheidung, ein defektes Auto durch ein E-Fahrzeug zu ersetzen, sondern die des Trägers, des Wohlfahrtswerks mit Sitz in Stuttgart. 47 Fahrzeuge mit Verbrennungsmotor sind in seinen Einrichtungen insgesamt noch unterwegs. Nach und nach möchte das Wohlfahrtswerk seinen Fuhrpark umstellen, „wo es Sinn macht“, wie Jens Glatthaar sagt – also dort, wo keine allzu langen Strecken anfallen. Glatthaar ist Assistent der Geschäftsleitung im Haus an der Steinlach. Es gehöre zum Selbstverständnis des Trägers, Innovationen zu fördern. Im speziellen Fall sei ihnen durchaus bewusst, dass es hinsichtlich der Ökobilanz und der Herstellung noch viel zu tun gibt. „Wir sehen uns eher als Vorreiter“ – der mit dem Kauf dazu beiträgt, dass die Technik in Zukunft besser, umweltschonender und etablierter wird. Finanziell kompensieren die eingesparten Spritpreise den Anschaffungspreis nämlich nicht. Er lag bei rund 20000 Euro, bei einem Benziner wäre es die Hälfte gewesen. „Wir gehen davon aus, dass wir 27000 Kilometer im Jahr fahren müssten, damit es sich rechnet.“ Aber der Schnitt liege wohl eher bei 15000 is 20000.

„Für uns war es sehr überraschend“, erzählt Dagmar Nill, die stellvertretende Pflegedienstleiterin im Haus an der Steinlach. Genau wie ihre Chefin Hanna Schumacher ist sie jedoch zum großen Fan der E-Mobilität geworden. Drei Autos stehen in der Garage. Wenn der Stromer frei ist, nehmen sie immer den. „Ein Kollege hat mir schon gesagt, ich müsse mal festlegen, welche Tour mit welchem Auto fahren darf“, scherzt Schumacher. Zwar gebe es noch einige skeptische Kolleg(inn)en – aber zu denen gehört sie definitiv nicht. Den Tipp des Verkäufers hat sie allerdings noch nicht umgesetzt: Sich an der Ampel neben den Porsche stellen, den Öko-Modus ausschalten und bei Grün blitzschnell losziehen. Die ersten fünf Meter, so habe er prophezeit, sei sie vorne.

Eine Pflegedienst-Tour umfasst etwa 20 Kilometer, zwei stehen täglich an. Das Haus an der Steinlach verfügt über eine eigene, aus dem BHKW gespeiste Starkstrom-Steckdose, um das E-Auto aufzuladen (eine normale Steckdose würde es mit Adapter auch tun, allerdings dauert das sehr viel länger). Im Normalbetrieb besteht also keine Gefahr, auf der Strecke stehenzubleiben. Als Hanna Schumacher neulich nach Stuttgart musste, war ihr allerdings nicht ganz wohl. Aber alles ging gut. Sie kam ohne Probleme zurück und hatte sogar noch Ladung übrig.

Fakt ist aber schon, dass das Tankstellennetz noch nicht flächendeckend ausgebaut ist. Doch es wächst. In Mössingen gibt es bereits drei E-Tankstellen: im Parkhaus, am Jakob-Stotz-Platz und am Bahnhof. Seit September 2014 wurden rund 6090 Kilowattstunden getankt, davon 1870 an der Ladesäule im Parkdeck, das erst im November vergangenen Jahres eröffnet wurde. Sie ist bislang noch die einzige, die Nutzer mit einer RFID-Karte, also beispielsweise einer normalen EC-Karte, freischalten können. An den anderen beiden sind Chipkarten nötig. Wer keine hat, kann die zwar bei den Stadtwerken ausleihen, aber eben nicht rund um die Uhr. Im Herbst würden diese Stationen ebenfalls auf RFID umgestellt, versichert die städtische Pressesprecherin Nicole Siller. Dass der Ökostrom momentan völlig umsonst abgegeben wird, verstehe die Stadt auch als Beitrag zum Umweltschutz. Außerdem gebe es eine kostenlose Fahrradladestation im Parkhaus. Allerdings scheint die Nachfrage moderat zu sein: Die gut 6090 Kilowattstunden entsprechen etwa 150 Kleinwagen-Ladungen.

Nehren will in Kürze zwei Tankstellen einrichten, in Dußlingen gibt es beim Bahnhof eine fürs Bürgerauto der Bürgerstiftung. Es tankt auf Gemeindekosten, allerdings keinen Ökostrom. 1500 Kilowattstunden waren es im vergangenen Jahr. Und in Gomaringen können immerhin Radler mit leerem Akku ihre Gefährte wieder aufladen – für sie gibt es eine kostenlose Ladestation der FairEnergie im Schlosshof.

Die kommunalen Fuhrparke allerdings sind noch überwiegend kraftstoffbetrieben. Alle 72 Fahrzeuge der Stadt Mössingen etwa – hier sind auch jene der Feuerwehr und des Bauhofs mitgerechnet – müssen an die herkömmlichen Zapfsäulen. Immerhin gibt es drei E-Bikes – zwei bei der Stadt und eins bei den Stadtwerken.

Anders in Dußlingen. Der für kommunale Gebäude zuständige Hausmeister ist mit einem elektrisch betriebenen Citroen Berlingo unterwegs, nach Rücksprache auch andere Gemeindeangestellte. „Mit dem Elektrofahrzeug haben wir bisher gute Erfahrungen gemacht“, versichert Hauptamtsleiterin Iris Manz. Das liegt allerdings nicht nur am E-Betrieb, sondern auch am geräumigen Kofferraum. Ein Hausmeister braucht eben Stauraum fürs Werkzeug.

In Gomaringen gibt es kein kommunales E-Auto und inzwischen auch kein Erdgasauto mehr, aber seit knapp drei Jahren ein E-Bike, das alle Rathaus-Mitarbeiter/innen nutzen können. Mittlerweile hat der Bürgermeister auch privat eins: „Um hier Überschneidungen vermeiden zu können, habe ich mich entschlossen, mir ein privates E-Bike anzuschaffen, das ich auch für den Dienstbetrieb verwende“, berichtet Steffen Heß. Seit Mai habe er damit rund 240 Kilometer zurückgelegt. Auch in Nehren sind zwei E-Räder im Einsatz, Ofterdingen will bei den nächsten Haushaltsberatungen über ein solches Gefährt sprechen. Möglich seien auch Steuerbegünstigungen für Mitarbeiter, die sich eins anschaffen, sagt Bürgermeister Joseph Reichert. Aufladen können E-Radler ihre Bikes schon lange: Seit sieben, acht Jahren, so schätzt der Schultes, gibt es die Station gegenüber vom Rathaus. Momentan prüfe die EnBW, wo sich entlang der B27 zwei E-Tankstellen für Autos einrichten lassen. Die Bodelshäuser Firma MarcCain hat auf ihre Outlet-Parkplatz eine Strom-Zapfsäule für Kunden eingerichtet.

Überhaupt Bodelshausen: Die Gemeinde ist Vorreiter bei der E-Mobilität, mit Abstand. Vor 19 Jahren hat sie eine E-Tankstelle für Autos beim Forum eingerichtet – gemeinsam mit und auf Betreiben von Ingenieur Jürgen Werner. Es habe sich, so begründete Werner damals seinen Antrag, „bei den Fahrzeugen mit elektrischem Antrieb sehr viel bewegt“. „Solar-Werner“ ist vor sechs Jahren gestorben. Dass es so lange dauern würde, bis E-Autos tatsächlich den Durchbruch schaffen, hat er damals sicher nicht gedacht. Genutzt wird die Tankstelle noch immer so selten, dass die Gemeinde den Strom kostenlos zur Verfügung stellt.

Ökobilanz hängt auch von der Stromquelle ab

25,80 Cent zahlt ein durchschnittlicher Vier-Personen-Privathaushalt in Mössingen für eine Kilowattstunde Naturstrom. Beim Renault Zoe beispielsweise reichen in der Praxis 41 Kilowattstunden für 250 bis 300 Kilometer, schätzt Jens Glatthaar vom Haus an der Steinlach. Wer das Auto zuhause an die Steckdose hängt, muss pro Ladung also mit rund 10 Euro rechnen. Auch Steuer und Versicherung kosten weniger als für ein herkömmliches Auto. SPD-Kanzlerkandidat Martin Schulz möchte eine E-Mobilitätsquote für Europa. Wie umweltfreundlich ein E-Auto läuft, hängt allerdings vor allem von der Stromquelle ab. Zu Buche schlägt bei der Öko-Bilanz auch die Energie, die für die Herstellung insbesondere des Akkus aufgewandt wird. Eine kürzlich erschienene Studie der schwedischen Energieagentur ergab, dass bei der Produktion tonnenweise Treibhausgase freigesetzt werden. Verbessern ließe sich die Bilanz, wenn parallel zum E-Auto-Markt auch die erneuerbaren Energien ausgebaut und Recyclingmethoden für die Akkus entwickelt werden. In jenen sind auch seltene Rohstoffe wie Lithium und Kobalt verbaut. Diese werden oft unter Bedingungen abgebaut, die weder Menschen noch Umwelt schonen.

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04.09.2017, 01:00 Uhr
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