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Literatur

Wohin nur mit dem vielen Geld?

Auf der Suche nach dem deutsch-deutschen Glück: Schriftsteller Ingo Schulze und sein sehr aktueller Schelmenroman „Peter Holtz“.

21.10.2017
  • JÜRGEN KANOLD

Ulm. Die jüngste Bundestagswahl hat im Jahre 28 nach dem Mauerfall die deutsch-deutsche Befindlichkeit merklich aufgerüttelt. 27 Prozent für die AfD in Sachsen – und auch in Dresden, „im Tal der Ahnungslosen“ mit spätbarocker Elbflorenz-Mentalität und Pegida-Proletariat, holte sie stolze 23 Prozent. Da zeigt der Westen mit dem Finger drauf und hat doch selbst seine Rechtspopulisten vor der Haustür.

Aus Dresden jedenfalls stammt Ingo Schulze, 1962 geborener Akademikersohn und einer der wichtigen Schriftsteller aus dem Osten in der Nachwende-Zeit (vor allem mit „Simple Storys“). Schulze träumt bis auf den Tag von einem Sozialismus mit menschlichem Antlitz, wie er kürzlich auf der Frankfurter Buchmesse sagte, und er ist der „Erregung über die AfD“ überdrüssig, schon gar nicht handele es sich bei dieser Partei um ein „Ost-Phänomen“. Es hätte, schrieb er in der „Berliner Zeitung“, der AfD nicht bedurft, um den Zusammenhalt in der Gesellschaft zu beschädigen: Man solle sich endlich, in Ost und West, um die sozial Schwachen kümmern, offen die Defizite des Kapitalismus benennen.

Also nicht auf die AfD reagieren, sondern tatsächlich handeln und eine neue Hoffnung verbreiten. Nun, in seinem neuen Roman „Peter Holtz“ verbreitet Schulze auch nicht gerade Euphorie. Im Gegenteil. Aber er hält Ost-West-Deutschland kapitalismuskritisch und nicht nur ostalgisch den Spiegel vor: immerhin mit Humor. Und zwar in der Tradition des Schelmenromans, mit vielen Bezügen auf den „Simplicius Simplicissimus“ des Grimmelshausen. Das ist grade in: Auch Daniel Kehlmann verweist in seinem neuen Roman „Tyll“ auf dieses Vorbild aus der Barockzeit.

Peter Holtz also geht als Narr durchs Leben, so naiv wie mit verblüffend hellsichtiger Logik. Wobei beim Blick auf die Wirklichkeit natürlich die Frage aufkommt: Wer ist hier tatsächlich der Bekloppte in dieser Welt? Der Roman beginnt im Juli 1974 mit dem fast zwölfjährigen, schon sehr vorlauten Peter, der aus dem Kinderheim ausgebüxt ist und in einer Gaststätte die Zeche prellt: Die Gesellschaft müsse doch für ihn sorgen, sagt Peter zur Kellnerin, die das Eisbein abkassieren will.

Was das Ganze überhaupt soll? „Warum soll mir unsere Gesellschaft das Geld erst aushändigen“, fragt er, „wenn dieses Geld doch über kurz oder lang sowieso wieder bei ihr landet?“ Sehr lustig im real existierenden Sozialismus. „Hoch lebe die Befriedigung notwendiger Bedürfnisse! Nieder mit dem Privateigentum“, schreibt er ins Gästebuch. Klingt nach: Glück für alle! Klappt aber nicht so leicht. So geht das fort, bis ins Jahr 1998: „Peter Holtz – Sein glückliches Leben erzählt von ihm selbst“, lautet der Romantitel komplett.

Er ist stolz darauf, von der Stasi angesprochen zu werden, denn die sei ja auch für die Weltrevolution. Allerdings fliegt er gleich wieder raus, weil er darüber in der Öffentlichkeit spricht. Er wird evangelikal bekehrt; ja mit dem Christentum habe er nun ein zweites Standbein neben dem Kommunismus. So tritt er der CDU bei, wird die rechte Hand des Vorsitzenden, der deutliche Züge Lothar de Maizières trägt – Ingo Schulze treibt ein komisches Spiel mit der Historie. „Christlich Kommunistische Demokraten“ solle die neue Partei heißen, schlägt Peter vor. Und nach der Wende avanciert er ausgerechnet zum Millionär: Weil er als Maurer in DDR Mietshäuser vor dem Verfall rettete, die keiner haben wollte, besitzt er plötzlich ein Immobilien-Vermögen. Und hat ein Riesenproblem: „Es ist die höchste Kunst, mit Geld so umzugehen, dass es keinen Schaden anrichtet, sondern zu Gutem führt.“

Eine schön ironische Lakonie. Es ist der Gesellschaftsroman der Stunde. Schade nur, dass Ingo Schulze sein – zu langes – Buch über den einfältigen Peter Holtz auch entsprechend sprachlich dünn und oft holzschnittartig verfasst hat.

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21.10.2017, 06:00 Uhr
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