Cookies erleichtern die Bereitstellung unserer Dienste. Mit der Nutzung unserer Dienste erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies verwenden. OK Weitere Informationen

Sie müssen angemeldet sein, um einen Leserbeitrag zu erstellen.
Anmelden
Pannenhelfer des Lebens

Wofür Lindahl, Modrich und Sancar den Chemie-Nobelpreis erhalten

Schäden im Erbgut der Zellen können Lebewesen krank machen und töten. Doch die Zellen sind nicht hilflos, sie können sich reparieren. Wie, das haben drei Forscher enträtselt. Sie erhalten den Chemie-Nobelpreis.

08.10.2015
  • SWP

Stockholm Tomas Lindahl (77, Schweden), Paul Modrich (69, USA) und Aziz Sancar (69, Türkei) erhalten den Chemie-Nobelpreis 2015. Die drei Forscher haben entdeckt, wie das Erbgut-Reparaturset funktioniert. Ihre Entdeckung sei äußert wichtig zum Beispiel für die Suche nach Krebsmedikamenten, teilte die Königlich-Schwedische Akademie der Wissenschaften mit. Der Preis ist mit umgerechnet 850 000 Euro dotiert.

Das Erbgut (DNA) hat immense Bedeutung. Sämtliche Informationen zur Funktion und zum Aussehen eines Lebewesens sind in ihm gespeichert.

Im Menschen finden sich 23 väterliche und 23 mütterliche Erbgutabschnitte in der befruchteten Eizelle zusammen. Aus dieser zwei Meter langen Basis-DNA entsteht in Milliarden Zellteilungen Erbmaterial. Aneinandergefügt würde es 250-mal zur Sonne und zurück reichen. Unzählige Male im Laufe eines Lebens wird die DNA verdoppelt und weitergegeben - und doch ähnelt die letzte Version beeindruckend genau der vom Anfang unseres Lebens.

Das ist von extremer Bedeutung für Gesundheit und Überleben. Schäden an der DNA können vor allem Krebs verursachen, sagte der Nobel-Juror Claes Gustafsson. Das passiert immer dann, wenn ein Schaden bewirkt, dass sich eine Zelle unkontrolliert vermehrt. Beschädigt wird das Erbgut in den Milliarden Zellen des Körpers dauernd: von UV-Licht, krebserregenden Substanzen im Essen und anderem.

Zum Glück sind die Zellen der Zerstörung nicht hilflos ausgeliefert. Es gibt Pannenhelfer. "Tomas Lindahl spekulierte, dass es ein Reparatur-System geben muss", sagte Gustafsson. "Und er fand tatsächlich eines." Auch Modrich und Sancar waren Pioniere auf dem Gebiet, solche Mechanismen zu beschreiben. "Es sind sehr frühe Entdeckungen, die das Forschungsfeld geöffnet haben."

In den frühen 1970er Jahren waren Wissenschaftler überzeugt, die DNA sei extrem stabil. Lindahl aber zeigte, dass das Molekül für sich genommen so rasch verfällt, dass die Entstehung des Lebens auf der Erde eigentlich hätte unmöglich sein müssen. Das ist es aber bekanntermaßen nicht - also lautete die Frage: Wie bringen die Organismen es fertig, eine recht intakte DNA zu behalten?

Lindahl hat die erste Antwort gefunden: Es gibt in den Zellen eine Werkstatt für das Erbgut. 1974 beschrieb er die grundsätzliche Funktionsweise der Base Excision Repair (Basen-Exzisions-Reparatur).

Das funktioniert so: Mehrere Enzyme bearbeiten den DNA-Strang. Sie schneiden den fehlerhaften Baustein (Nukleotid, Basenanordnung) aus und schließen die Lücke mit dem richtigen. Ohne diese Korrektur würde sich der DNA-Fehler in immer mehr Zellen ausbreiten.

Sancar hat einen weiteren Mechanismus beschrieben, den der Nucleotide Excision Repair (Nukleotid-Exzisions-Reparatur). Mit ihr wehrt sich die Zelle gegen UV-Schäden auf einem Teil des DNA-Strangs. Spezielle Enzyme schneiden das Stück aus und ersetzen es. So können Zellteilung/Verdopplung der DNA reibungslos ablaufen.

Manchmal gibt es aber auch mit der Zellteilung selbst Komplikationen. Das Kopieren der DNA geht schief und es schleichen sich Fehler ein.

Wie die Zellen diesen Fehler reparieren, hat Modrich herausgefunden. Es ist der Mechanismus des Mismatch Repair, also der Fehlpaarungs-Reparatur. Dabei wird der Fehler nach der Zellteilung noch repariert. Viele Krebsarten können sich ausbreiten, weil einer dieser drei Mechanismen nicht oder nur schlecht funktioniert. Die erkrankten Zellen überfallen gesunde benachbarte Zellen, um sich fortzupflanzen. Mit Substanzen, die genau diese Systeme zum Stillstand bringen, könnten sich Krebszellen aushungern lassen und die Krankheit besiegt werden.

Wofür Lindahl, Modrich und Sancar den Chemie-Nobelpreis erhalten

Die Preisträger Aziz Sancar Der Biochemiker Aziz Sancar (69) ist als eines von acht Kindern in bescheidenen Verhältnissen im südosttürkischen Savur aufgewachsen. Die Eltern seien Analphabeten gewesen, schreibt die Zeitung "Hyrriyet". Sie hätten für ihre Kinder aber eine gute Bildung gewollt. Sancar hatte die Chance, als Torwart eine professionelle Fußballerkarriere einzuschlagen. Stattdessen studierte er Medizin und arbeitete als Landarzt. Im Alter von 27 Jahren nahm er das Studium der Biochemie in Texas auf. Heute lehrt Sancar an der Universität von Chapel Hill in North Carolina. Er ist nach dem Schriftsteller Orhan Pamuk, der 2006 den Literatur-Nobelpreis erhielt, der zweite türkische Nobelpreisträger überhaupt. Der Anruf des Nobelkomitees erreichte ihn im Schlaf: "Meine Frau hat den Anruf angenommen und mich geweckt", sagte er in einem auf der Website des Nobelkomitees veröffentlichten Interview. Von der Auszeichnung sei er "sehr überrascht" gewesen. Tomas Lindahl Der Krebsforscher Tomas Lindahl (77) hat in Schweden Medizin studiert und promoviert. Nach weiteren Forschungen an der Princeton Universität in den USA ließ er sich in England nieder. Er forschte unter anderem am Francis-Crick-Institut in London und ist emeritierter Direktor des Clare-Hall-Labors bei London. "Das war eine Überraschung", sagte Lindahl in seiner ersten Reaktion auf die Nachricht. Paul Modrich Der 69-jährige Paul Modrich ist Biochemiker und Genetiker. Er hat an der Stanford-Universität in Kalifornien promoviert. Er forscht derzeit am Medizinischen Institut Howard Hughes bei Washington und ist Professor für Biochemie an der Dunke-Universität in North Carolina. Vom Nobelpreis hat er erfahren, als er sich in New Hampshire in einer Waldhütte aufhielt. "Plötzlich trafen von 6.30 Uhr an E-Mails bei mir ein", sagte er. Die Nobelpreis-Organisatoren spürten ihn allerdings erst Stunden später auf. Modrich zu seiner ersten Reaktion: "Schock, Überraschung, Begeisterung". Ihm fehlten die Worte. Preise Es ist das siebte Mal, dass Erbgut-Forscher einen Nobelpreis erhalten. 2014 ist der Chemie-Nobelpreis an den Deutschen Stefan Hell und seine US-Kollegen Eric Betzig und William Moerner für Entwicklungen in der hochauflösenden Lichtmikroskopie gegangen. afp.

Sie möchten diesen Artikel weiter nutzen? Dann beachten Sie bitte unsere Hinweise zur Lizenzierung von Artikeln.

08.10.2015, 12:00 Uhr
Sie müssen angemeldet sein, um einen Kommentar zu verfassen.
Anmelden

Newsletter-bestellen

· Samstags verschicken wir die News der Woche, unser Klassiker: Die wichtigsten Themen und Geschichten direkt im E-Mail-Postfach. So bleiben Sie auch in der Ferne immer informiert, was in und rund um Tübingen passiert.
· Werktags versenden wir um 9 Uhr die News am Morgen mit den wichtigsten aktuellen Nachrichten.
· Sonntagabend kommt unser Sport-Newsletter mit den wichtigsten Lokalsport-Berichten und Ergebnissen vom Wochenende.

Um unsere Newsletter zu erhalten, müssen Sie sich anmelden oder sich neu als Benutzer registrieren. Ihre Daten werden ausschließlich für die Newsletter (nur falls Sie weitere Angebote des Verlags Schwäbisches Tagblatt wählen, auch für diese) verwendet. Ihre Daten werden nicht an andere Unternehmen weitergegeben.
Nachrichten via Messenger
Die wichtigsten Neuigkeiten aus der Region liefern wir Ihnen auch per WhatsApp & Co. aufs Smartphone. Um diesen Service zu nutzen, öffnen Sie tagblatt.de/whatsapp bitte mit einem entsprechenden Mobilgerät.

Nachrichten aus ...
Reutlingen Wannweil Pliezhausen Walddorfh�slach Ammerbuch T?bingen Dettenhausen Kirchentellinsfurt Kusterdingen Gomaringen Dusslingen Ofterdingen Mössingen Nehren Bodelshausen Hirrlingen Neustetten Rottenburg Starzach Horb
Das Tagblatt bei
Facebook Google+ Twitter Instagram
Video-News: Aus Land und Welt
Heute meistgelesen
Wirtschaft im Profil
Neueste Artikel
Tübinger Forschung: Lesen macht kurzsichtig Lieber weiß auf schwarz statt schwarz auf weiß
Kommentar: Ulla Steuernagel über die Weltkulturerbengemeinschaft Die Eiszeit reicht bis Tübingen
Anzeige

Themen-Dossiers

Themen-Dossiers
Single des Tages
date-click
Das Tagblatt als E-Paper

Kontakt zum Kundenservice

Abonnement
07071/934-222
vertrieb@tagblatt.de

Anzeigen
07071/934-444
anzeigen@tagblatt.de

Kontakt zu den Redaktionen

Schwäbisches Tagblatt Tübingen
07071/934-0
redaktion@tagblatt.de

Neckar-Chronik Horb
07451/9009-30
nc@neckar-chronik.de

Tagblatt Online         
07071/934-314
online@tagblatt.de

Steinlach-Bote Mössingen
07473/9507-0
sb@tagblatt.de

Rottenburger Post
07472/1606-16
ro@tagblatt.de

Reutlinger Blatt
07121/3259-50
rt@tagblatt.de

Tagblatt Anzeiger
07071/934-344
tagblatt-anzeiger@tagblatt.de

Wirtschaft im Profil
07071/934-166
wip@tagblatt.de


Oder nutzen Sie unser Kontaktformular