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Raum fürs Raubtier

Wölfe streifen immer öfter durch den Südwesten

Gibt es im Land überhaupt geeignete Gebiete für Wolfsrudel? Experten sehen Chancen in Schwarzwald, Odenwald und auf der Alb.

22.11.2017
  • MARTIN TRÖSTER

Ulm. Die Menschen streiten, ob der Wolf sich in Baden-Württemberg ausbreiten soll oder nicht. Doch will der Wolf das überhaupt? Nun ist der Wille eines Tieres schwer zu ergründen. Aber die Frage, wo Wölfe leben könnten, wurde bereits vor sieben Jahren untersucht.

Die Analyse aus dem Bundesamt für Naturschutz (BfN) mit Sitz in Bonn hat gezeigt: Im Südwesten gibt es im Groben vier Gebiete, die geeignet sind: der Schwarzwald, das Alpenvorland, der Odenwald und die Schwäbische Alb. Die Wissenschaftler gingen davon aus, dass ein Rudel im Schnitt ein 200 Quadratkilometer großes Revier benötigt. Diesen Platz finden die Tiere in Baden-Württemberg weit seltener als in den waldreichen, weniger versiegelten Regionen Brandenburgs, Sachsens und Thüringens. Im Wesentlichen bleibt der Wolf wohl auch in Zukunft im Osten – wenn man Bayern und Ost-Niedersachsen dazurechnet.

Das ist der Stand von 2010. Heute gehen die Forscher davon aus, dass ihre Schätzungen etwas zu „konservativ“ waren, wie Felix Knauer sagt. Der Wildbiologe hat als Projektleiter der Uni Freiburg federführend mit dem BfN die Rückkehr des Wolfes erforscht. „Derzeit sieht es eher so aus, dass die Gebiete größer sind, die sich für den Wolf als Lebensraum eignen.“ Das dürfte auch für die Schwäbische Alb gelten.

Biologin Sandra Balzer vom BfN ist etwas vorsichtiger. Sie ist beteiligt an der aktuellen Studie, die den möglichen Lebensraum des Wolfes abschätzt und Ende 2018 erscheinen soll. Zwar ist auch sie mittlerweile der Ansicht, dass mehr und größere Gebiete als Wohnraum in Frage kommen, aber: „Für das norddeutsche Flachland würde ich das unterschreiben. Dort haben wir Wölfe, wo wir zuvor nicht damit gerechnet haben. Für Mittelgebirgsräume wie die Schwäbische Alb erwarte ich dagegen keine großen Veränderungen.“

Lange dachten Forscher, dass Wölfe vor allem große, zusammenhängende Waldgebiete benötigen. Doch „fragmentierte Gebiete“ (Knauer), also kleinteiliger ländlicher Raum mit Dörfern scheinen den Wolf weniger zu stören als die Wissenschaftler dachten. Das weiß man aus Sachsen und Brandenburg.

Dort weiß man noch etwas anderes, zumindest vermutet Steffen Butzeck eine Art Muster der Wiederkehr des Wolfes: Gebiete, aus denen aus dem 19. Jahrhundert die letzten erschossenen Wölfe bekannt sind, sind Gebiete, in denen er im 21. Jahrhundert wieder erste Spuren hinterlässt. „Dieses Muster ist nicht beweisbar, aber es liegt auf der Hand“, sagt der Wildbiologe in Diensten des brandenburgischen Landesamts für Umwelt. Er hat das Muster für die sächsische Lausitz beobachtet. Eine mögliche Erklärung ist, dass sich trotz Industrialisierung die Landschaft nicht völlig verändert hat und noch immer als Lebensraum taugt.

Indizien, dass die alten Wolfsgebiete auch die neuen sind, gibt es auch im Südwesten. Der letzte Wolf Badens soll 1866 bei Zwingenberg im Odenwald erlegt worden sein. 20 Kilometer entfernt hat in diesem Spätsommer ein Fotograf einen Wolf abgelichtet. Das letzte Exemplar Württembergs starb 1865 in Neudenau bei Heilbronn. Ganz in der Nähe, bei Widdern, wurden kürzlich drei Lämmer gerissen. Nach diesem Muster wäre als nächstes der Stromberg dran, der sich auch auf den Kreis Ludwigsburg erstreckt: 1847 gab es dort den vorletzten nachgewiesenen Abschuss in Württemberg. Es ist der Wahlkreis von Markus Rösler, naturschutzpolitischer Sprecher der Landtags-Grünen und „Wolfsbeauftragter“ beim Nabu. Auch er hält Butzecks Theorie für plausibel.

Vorbild im Norden Portugals

Nach Süddeutschland wandern die Wölfe meist aus den Alpen ein. Sie stammen laut Rösler von den wenigen Tieren ab, die im 20. Jahrhundert in den Abruzzen in Norditalien überlebt haben und 1992 erstmals Frankreich erreichten. Auch er hält die Schwäbische Alb als Lebensraum für geeignet – und verweist nach Portugal: Im dünn besiedelten Norden leben dort dauerhaft Wölfe. „Bei uns sind weite Teile von Schwarzwald und Alb ähnlich oder sogar weniger dicht besiedelt.“ Etwa das Biosphärengebiet Südschwarzwald und jenes auf der Alb inklusive seiner Randlagen um Reutlingen.

Allerdings, und das ist der Knackpunkt, müssten die Tiere es erstmal dorthin schaffen. Das kann länger dauern, wie man aus Bayern weiß. Im Sommer wurde im Freistaat das erste Rudel gesichtet. 2016 hatte das BfN in Deutschland noch 47 Rudel gezählt, alle im Osten und in Niedersachsen. Rösler vermutet, dass es heute bis zu 70 Rudel gibt – mehr als 500 Tiere. Laut Experten gäbe es in Deutschland Platz für mehr als 400 Rudel.

Dass Baden-Württemberg bislang nicht sonderlich prickelnd für den Wolf war, liegt auf der Hand: Hier gab es seit 2015 fünf Nachweise – zwei Tiere wurden überfahren, eines erschossen und in den Schluchsee geworfen. Ob die anderen noch leben, ist unbekannt. Dennoch gehen Biologen davon aus, dass sich Wölfe auf lange Sicht auch im Südwesten ausbreiten – und zwar dauerhaft und im Rudel, auch wenn man nicht präzise vorhersagen kann, wo und wann. Doch eines ist klar, so Biologin Sandra Balzer: „Man muss sich darauf vorbereiten.“

Ein Aufeinandertreffen ist nur eine Frage der Zeit

Damit ein Rudel mit Nachwuchs in Baden-Württemberg entsteht, müsste laut Biologin Sandra Balzer folgendes passieren: Ein Wolf aus der Alpenpopulation müsste sich mit einem Wolf der zentraleuropäischen Population kreuzen: zum Beispiel ein Rüde aus Frankreich oder Norditalien mit einem weiblichen Tier aus Ostdeutschland oder Polen.

Dass zwei Alpenwölfe ein Rudel gründen, sei hingegen unwahrscheinlich: Es gebe schlicht zu wenige Tiere, und diese seien zudem geografisch zu stark verstreut. Und wenn man sich nicht über den Weg läuft, wird es schwierig mit der Paarung. Trotzdem sei ein Aufeinandertreffen zweier Tiere lediglich eine Frage der Zeit: „Wenn sie den Weg über die Mittelgebirge im Süden gefunden haben, werden sich auch in Baden-Württemberg Wölfe ansiedeln“, sagt Balzer. ⇥mart

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22.11.2017, 06:00 Uhr
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