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Wo die Seele wohnt
Ein Leben an der Front: Was macht das mit den Menschen in Israel?
Roman

Wo die Seele wohnt

Israel feiert seine Staatsgründung vor 70 Jahren und steht einmal mehr am Rande eines Krieges. „Über uns“ heißt der neue Roman von Eshkol Nevo, der viel über das Land und seine Menschen erzählt.

12.05.2018
  • JÜRGEN KANOLD

Ulm. Die zwölfjährige Tochter ist verschwunden. Entführt, missbraucht, getötet? Was ist mit Ofri passiert? Der Vater gerät nach dem Anruf seiner Frau sofort in Panik. Atemlose Angst. Wie aber beschreibt Arnon, der in der Nähe Tel Avivs lebt, seinem Freund diesen Ausnahmezustand? Er denkt an seinen Reservedienst nach der Wehrdienstzeit, als er mit einem Truppentransporter in einer Gasse in Hebron in einen Hinterhalt geriet, es Ziegelsteine regnete, und der Fahrer nicht den Rückwärtsgang reingekriegt hatte: „Nimm das mal zehn. Mal hundert. Tausend.“ Damals habe er das Gefühl gehabt, „wir kommen da heil raus“, aber jetzt habe er nichts mehr im Griff.

Der Holocaust prägt die jüdische Literatur, aber die zeitgenössischen Autoren aus Israel schreiben nicht weniger von Menschen, deren Seele deshalb angegriffen, erschüttert ist, weil sie in einem kleinen, von vielen Feinden umgebenen Land leben, das sich praktisch permanent im Kriegszustand befindet – seit sich der Staat Israel vor 70 Jahren gründete. Eine bedrohte Existenz. Militärische Aufrüstung und Aktion als Überlebensstrategie. Der psychische Stress beginnt in der Armee, fast alle Männer und Frauen in Israel werden eingezogen zum Wehrdienst. Was macht das alles mit den Menschen?

„Über uns“ heißt auf Deutsch der neue Roman eines der erfolgreichsten israelischen Schriftsteller, Eshkol Nevo. Drei Menschen aus drei Stockwerken eines Hauses erzählen von sich und ihrem Leben. Richtig, der Titel spielt nicht nur auf Sigmund Freuds Drei-Instanzen-Modell an, Eshkol Nevo hat danach auch seinen Roman konstruiert.

In der ersten Etage sind alle unsere Bedürfnisse und Triebe angesiedelt, das Es: Arnon hat nicht nur hysterische Angst um seine Tochter und verdächtigt seinen Nachbarn Hermann, einen alten, Alzheimer-kranken Mann, Ofri missbraucht zu haben, er lässt sich auch selbst von einem aufreizenden Girl zum Sex verführen. „In der mittleren Etage wohnt das Ich, das versucht, zwischen unseren Begehrlichkeiten und der Realität zu vermitteln“: Das ist die Geschichte der zweifachen Mutter Chani Doron, deren Mann dauernd auf Geschäftsreise ist und deren vor der Polizei und Schlägern flüchtender Schwager plötzlich vor der Tür steht. Chani berichtet in E-Mails an ihre alte Schulfreundin in den USA von ihrem Schicksal: eine von Minderwertigkeitsgefühlen umgetriebene Frau, die zu sich selbst findet.

Und in der dritten, der obersten Etage, „wohnt seine Majestät, das Über-Ich, das uns immer wieder mit finsterer Miene zur Ordnung ruft und von uns verlangt, auch den Einfluss unserer Taten auf das Gemeinwohl der Gesellschaft zu berücksichtigen“ – Dvorah Edelman, die pensionierte Richterin, weiß das. Sie spricht ihre Analyse auf einen alten Anrufbeantworter, der stets mit der Stimme ihres verstorbenen Mannes anspringt. Dvorah gelingt es, mit ihrem Leben abzurechnen, noch mit Mitte 60 ein neues zu wagen. Und es ist die herzergreifende Suche nach einem verlorenen Sohn und einer verlorenen Tochter.

Starke Monologe

Drei Monologe aus einem dreistöckigen „Seelenhaus“ in drei Buchkapiteln – drei Beichten. Lügen, Täuschungen, aber auch Hoffnungen: Sigmund Freud im heutigen Israel. Ein schlaues, ein unterhaltsames Buch. Als das „Literarische Quartett“ des ZDF diesen Roman debattierte, gab es eine seltene Allianz: Die gestrenge Intellektuelle Thea Dorn und Christine Westermann, Anwältin der emotional-passionierten Leser/innen, waren sich einig im großen Lob.

Auch deshalb, weil „Über uns“ nicht von Menschen in einem Haus handelt, das irgendwo auf der Welt stehen könnte, sondern weil Eshkol Nevo so unspektakulär viel von Israel berichtet, aus einem blühenden, gefährdeten, zerrissenen wie faszinierenden Land mit vielen Widersprüchen. Als Dvorah mit dem sie umwerbenden Avner, einem Ex-Geheimdienstagenten, in die Wüste fährt, hören sie im Wagen, gegen das Über-Ich sich auflehnend, ausgerechnet Richard Strauss – die Nazi-belastete Musik, die ihr Mann boykottiert hatte: „Von der großen Sehnsucht“ aus „Also sprach Zarathustra“.

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12.05.2018, 06:00 Uhr
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