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Der Campingplatz am Rammertrand feiert 50-jähriges Bestehen

Wo der Stuttgarter gerne ausspannt

Die Sehnsucht nach dem Grünen gab es schon lange vor den Grünen. Als Stuttgart immer städtischer wurde, suchten Stuttgarter Camper die Idylle auf dem Land. Vor 50 Jahren wurden sie in Rottenburg fündig – und fühlen sich hier immer noch wohl.

18.05.2011

Von WOLFGANG ALBERS

Rottenburg. Camping boomt. Ob an der französischen Atlantikküste, an Spaniens Stränden oder vor Venedig: Riesenplatz an Riesenplatz reiht sich aneinander, mit der Infrastruktur einer Kleinstadt, vom Poolan gebot oft die Schwimmbäder einer Großstadt locker hinter sich lassend.

Der Rottenburger Platz ist das genaue Gegenteil. Er liegt nicht an einer Schnellstraße, sondern abseits am Rammerthang, hinter dem Schadenweiler Hof, der Weg dorthin ist am Schluss schmal wie ein single track in Schottland. Vorteil dieser versteckten Lage: Obstbäume blühen, Vögel zwitschern. Ruhe und Naturgenuss, der auch amtlich bestätigt wurde: 1997 hat das Land hierher einen Sonderpreis für naturbelassene Campingplätze vergeben.

Genau das wollten vor 50 Jahre einige Stuttgarter Camper. Sie gehörten zur Ortsgruppe des Deutschen Camping Clubs und suchten ein Grundstück für ihre Wohnwagen und für ein Clubleben im Freien. Stuttgart prosperierte im Wirtschaftswunder, Wohnungen und Industrie fraßen die Fläche, und Grundstücke waren teuer. Also siedelten die Stuttgarter 1961 nach Rottenburg aus, pachteten einen Platz und fügten ihrem Namen Camping Club Stuttgart den Zusatz „Die Rottenburger“ an.

Ein Vereinsplatz, der anderen offensteht

Die Stuttgarter Ortsgruppe ist ein eingetragener Verein. Das prägt den Platz. Wohnwagen und Caravans mit Vorzelten sind zwischen die Obstbäume verteilt. Es sind Dauercamper aus Stuttgart und der näheren Umgebung, die hier nicht ein festes, sondern eben mobiles Wochenendrefugium haben. Eine Frau hat ihren Wagen seit den Anfängen hier stehen. 25 Mark zahlte sie einst jährlich, mittlerweile beträgt die Platzgebühr 630 Euro.

Wenn das auch ein Vereinsplatz ist: Er steht allen offen. Wer kommt, guckt sich allerdings vergeblich nach einer Rezeption um. Nur an einer Rufsäule kann er sich bemerkbar machen. Meistens ist dann schnell jemand da, und das ist oft Gerhard Vöhringer: Rottenburger, Ruheständler, Erster Vorsitzender und in Personalunion sozusagen Platzverwalter. In seinem Büro, einem Kellerraum unter dem Waschgebäude, hat er auch die touristische Übernachtungsstatistik des Platzes. Radler auf dem Neckartalweg schlafen hier oder Wanderer auf dem Jakobsweg. Die Massen sind das aber nicht. Im letzten Jahr waren etwa 200 Wohnwagen oder Wohnmobile auf den Gästeplätzen, dazu auf einer kleinen Wiese 130 Zelter. Was die an Jahresumsatz bringen, verdienen große Plätze in einer Stunde.

Der Verein muss also vereinstypisch wirtschaften: Möglichst alles wird selbst gemacht. So haben „Die Rottenburger“ von Anfang an viel selbst gebaut: Im ersten Jahr ein Häuschen mit Herz, im zweiten schon ein Toilettenhaus. Wege wurden angelegt, Spielplätze, Grillstellen, Hütten.

Die Infrastruktur kann sich sehen lassen. Das Modernste auf dem Platz ist das Sanitärgebäude aus dem Jahr 2004. Groß, beheizt, mit Einzelwaschkabinen, die Duschen ohne Duschmarken-Wasserzuteiler, die auf anderen Plätzen zuverlässig dafür sorgen, dass man noch mit Shampoo im Haar dasteht, wenn das Wasser schlagartig stoppt. Innen ist alles bitzblank, der Frauentrakt ist mit Kunststoffblumen aufgehübscht. Keine angeheuerte Putzkolonne geht da durch: Es sind die Mitglieder, die selber den Putzlumpen schwenken, um die Kasse zu entlasten. Nur die Beiträge und Arbeitseinsätze finanzieren den Verein. Vor allem auf seine Rentnertruppe ist Gerhard Vöhringer stolz: „Wenn ich die nicht hätte, wäre ich arm dran.“

Das Flair der siebziger Jahre

Sogar eine Jugendhütte hat der Verein. Eine Lichtorgel aus Ampellampen hängt über den Sofas, Spiele liegen in den Regalen, ein Medienschrank hat Video und Fernseher. Sie ist so voller 70-er-Jahre-Flair wie die Clubhütte, ein großer Gastraum mit Bar und üppig dekorierten Wänden.

In einer Ecke hängt ein Porträt von Paul Walther, einem der Gründer der Campingbewegung in Deutschland. Die sei von der Freikörperkultur mitbegründet worden, sagt Gerhard Vöhringer: „Die Nudisten hatten ja keine Möglichkeit, zu übernachten – deshalb machten sie es mit Zelten.“ Aber in Rottenburg, schiebt er gleich nach, habe man mit dieser Tradition nichts zu tun. Warum die Gründergeneration sich jetzt Paul Walther ausgesucht hat, ist nicht mehr zu erforschen. Das Vereinsarchiv lag mal im Keller eines Vorsitzenden – und dieser Keller lief mit Hochwasser voll. „In der Vergangenheit zu forschen ist sehr mühsam“, sagt Gerhard Vöhringer.

Er muss sich vor allem um die Zukunft des Platzes kümmern. Manches muss modernisiert werden. Eine WLAN-Ecke soll her, jederr Stellplatz soll seinen eigenen Wasseranschluss bekommen. Das kostet und lässt sich nur mit einem vitalen Verein stemmen. Rund 100 Mitglieder hat er, es waren schon mal mehr.

Den leichten Weg, den Platz und den Verein zu füllen – nämlich, jeden Interessenten aufzunehmen – geht Gerhard Vöhringer nicht. Wer über 65 ist, hat keine Chance. „Wir sind offen für Familien und Jüngere“, nennt der Vorsitzende die Vereinslinie: „Wir wollen den Platz verjüngen.“ Auf dass das Vereinsleben lebe. Zum Beispiel mit Ausfahrten zu anderen Vereinen. Mit dem Wohnwagen oder Caravan, versteht sich. Urkunden und Pokale für mitgliederstärkste Gruppen an den Wänden zeigen, wie sehr die Ausfahrten bisher gepflegt wurden.

Da kennt Gerhard Vöhringer nichts: „Ein Camper sollte auch unterwegs sein.“ Und damit die Versuchung, nur noch auf dem eigenen Platz zu hocken, nicht überhand nimmt, hat der Club seinen Platz locker gestaltet: Keine Zäune, keine Hecken igeln die Wagen ein. Die sonst so auffälligen Gartenzwerge-Kolonien finden sich am Rammertrand nicht. Das findet Vöhringer auch nicht schade: „Ich muss mich doch als Clubmitglied nicht gegenüber dem Nachbarn abgrenzen.“

Grünes Idyll mit Dauercampern und gelegentlichen Gästen: der Rottenburger Campingplatz.Bild: Grohe

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Erstellt:
18. Mai 2011, 12:00 Uhr
Aktualisiert:
18. Mai 2011, 12:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 18. Mai 2011, 12:00 Uhr

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