Cookies erleichtern die Bereitstellung unserer Dienste. Mit der Nutzung unserer Dienste erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies verwenden. OK Weitere Informationen

Sie müssen angemeldet sein, um einen Leserbeitrag zu erstellen.
Anmelden
Literatur

Wo das Glück leuchtet

„Lichter als der Tag“ heißt Mirko Bonnés neuer Roman, der zu den Favoriten des Deutschen Buchpreises zählt. Ein Mann um die 50 versucht, aus seinem verschatteten Leben auszubrechen.

02.09.2017
  • JÜRGEN KANOLD

Ulm. Ein Mann, Ende 40, fährt für ein Kunstmagazin in die Normandie, um Brücken zu zeichnen – bricht aber alle Brücken zu seiner Familie ab und sagt: „Ich bin am Ende.“ Ein Roman mit stillen und lauten Hilfeschreien: „Nie mehr Nacht“ stand vor vier Jahren auf der Shortlist des Deutschen Buchpreises. Der Schriftsteller Mirko Bonné, Jahrgang 1965, ist jetzt ein paar Jahre älter geworden, und der Held seines neuen Romans „Lichter als der Tag“ entsprechend Anfang 50. Wieder ein Lebensgescheiterter, der ausbricht und verzweifelt den Weg zurück zu sich selbst sucht. Ob der Leser sich Gedanken machen muss übers seelische Befinden des Autors, soll hier nicht verhandelt werden: Bonnés Roman aber liest sich poetisch, gesellschaftsaktuell, spannend.

Drama im Quartett

Erinnerungsarbeit ist ein großes Thema des Wahl-Hamburgers, privat wie literarisch. „Fehmarn ist die Insel der leuchtend hellen Seite meiner Kindheit und Jugend, der Ort, wo die Liebe zum Leben in mir erwacht ist“, schreibt Bonné in seiner im Frühjahr veröffentlichten autobiografischen Erzählung „Mein Fehmarn“. Ein solches Licht ist auch in diesem neuen Roman die Quelle eines verlorenen oder gesuchten Glücks und der Sehnsucht: das Strahlen am Himmel in der Feldmark, wo Raimund Merz aufwuchs. Und zwar mit Moritz, dem Sohn eines neureichen Tankstellen-Moguls, mit Floriane aus einer Zahnärztinnen-Dynastie und mit Inger, der Tochter eines dänischen Künstlers, die ins Dorf gekommen war nach dem tragischen Tod ihrer Eltern.

Unzertrennlich waren sie gewesen, nur dass sich die Freunde Raimund und Moritz beide in Inger verliebten. Ein inniges wie heilloses Beziehungsgeflecht: Denn Moritz heiratete Inger – und Raimund gewissermaßen seltsam rational die Zweitbesetzung Floriane. Dunkle Vergangenheit, ein verschattetes Leben. Raimund führt unzufrieden eine Familienvaterexistenz, er hat sich im Unglück viel zusammengelogen, auch die Biografie. Jetzt arbeitet er als Redaktionsassistent für ein Hamburger Nachrichtenmagazin und darf ab und an Artikel über sein Spezialgebiet Insekten schreiben.

Alles bricht auf und auseinander, als Raimund zufällig auf dem Hamburger Hauptbahnhof Inger wiedersieht – und deren Tochter, die auch sein Kind ist. Jetzt muss er sich endlich seinem Leben stellen, jetzt will er die Leere auffüllen mit neuer Emotion. Daraus erwächst ein zeitgenössischer Liebesroman, der, man ahnt es in dieser Viererkonstellation, mit Goethes „Wahlverwandtschaften“ spielt.

Das klingt jetzt nicht sonderlich originell. Mirko Bonné erfindet auch nicht den Gegenwartsroman neu. Aber er erzählt ihn in mehrfacher Hinsicht kunstvoll. Da ist etwa das handwerkliche Geschick des Romanciers: Er ist nah dran an seinen Figuren, erzählt aus allen vier Perspektiven, teils übergangslos, nicht plan geradeaus. Der Leser addiert die Erinnerungsstücke, deckt sich so die gefühlsverworrene Geschichte Raimunds auf.

Dann gelingt es Bonné auch, die Handlung wirklichkeitsnah unterhaltend zu beglaubigen. Zum Beispiel mit Fußball-Talk über den abstiegsbedrohten HSV. Raimunds Freund heißt Bruno DeWitt und ist Reporter und Edelfeder des Magazins, er hat zahlreiche Liebschaften, auch mit der Chefredakteurin; Bruno ist ungefähr der Gegenentwurf und steht für eine unkomplizierte Lebenshaltung. Das wäre dann der kolportagehafte Handlungsstrang in diesem Buch.

Gleichzeitig aber besitzt Bonnés Sprache oft eine poetische Kraft wie naturverbundene Zärtlichkeit. Und der Autor macht die Kunst selbst zu einem wichtigen Motiv in seinem Roman, dessen Titel auf den Vers „Nacht, lichter als der Tag!“ des Barockdichters Andreas Gryphius zurückgeht – nur eben bezeichnenderweise ohne „Nacht“. Dieses Licht, dieses „ähnliche Leuchten“ wie einst in den Kindertagen in der Feldmark hatte Raimund schon als Gymnasiast auch in einer Ausstellung über Landschaftsmalerei auf einem alten Gemälde gesehen, auf dem „Weizenfeld im Morvan“ des Frühimpressionisten Camille Corot, entstanden im Mittelgebirge Burgunds.

„Auf Corots Gemälde schien alles in ein Licht getaucht, als würde man durch ein Fenster auf einen Sommertag blicken, der längst vergangen war und zugleich bis heute anhielt.“ In diesen Sommertag drängt es Raimund nach dem Lebenswinter. Dann bricht auch in diesem Bonné-Roman, der auf der Longlist des Deutschen Buchpreises steht, der Held zu einer Reise auf: nach Lyon, wo der Corot im Musée des Beaux-Arts hängt . . .

Die Ereignisse überschlagen sich, ein Krimi entwickelt sich, eine mitreißende Liebesgeschichte. Und auch der Leser macht das Licht nicht mehr aus, weil er wissen will, ob Raimund das leuchtende Glück findet.

Sie möchten diesen Artikel weiter nutzen? Dann beachten Sie bitte unsere Hinweise zur Lizenzierung von Artikeln.

02.09.2017, 06:00 Uhr
Sie müssen angemeldet sein, um einen Kommentar zu verfassen.
Anmelden

Newsletter-bestellen

· Samstags verschicken wir die News der Woche, unser Klassiker: Die wichtigsten Themen und Geschichten direkt im E-Mail-Postfach. So bleiben Sie auch in der Ferne immer informiert, was in und rund um Tübingen passiert.
· Werktags versenden wir um 9 Uhr die News am Morgen mit den wichtigsten aktuellen Nachrichten.
· Sonntagabend kommt unser Sport-Newsletter mit den wichtigsten Lokalsport-Berichten und Ergebnissen vom Wochenende.

Um unsere Newsletter zu erhalten, müssen Sie sich anmelden oder sich neu als Benutzer registrieren. Ihre Daten werden ausschließlich für die Newsletter (nur falls Sie weitere Angebote des Verlags Schwäbisches Tagblatt wählen, auch für diese) verwendet. Ihre Daten werden nicht an andere Unternehmen weitergegeben.
Nachrichten via Messenger
Die wichtigsten Neuigkeiten aus der Region liefern wir Ihnen auch per WhatsApp & Co. aufs Smartphone. Um diesen Service zu nutzen, öffnen Sie tagblatt.de/whatsapp bitte mit einem entsprechenden Mobilgerät.
Heute meistgelesenNeueste Artikel

Nachrichten aus ...
Reutlingen Wannweil Pliezhausen Walddorfh�slach Ammerbuch T?bingen Dettenhausen Kirchentellinsfurt Kusterdingen Gomaringen Dusslingen Ofterdingen Mössingen Nehren Bodelshausen Hirrlingen Neustetten Rottenburg Starzach Horb
Das Tagblatt bei
Facebook Google+ Twitter Instagram
Video-News: Aus Land und Welt
Heute meistgelesen
Wirtschaft im Profil
Neueste Artikel
Anzeige

Themen-Dossiers

Themen-Dossiers
Single des Tages
date-click
Das Tagblatt als E-Paper

Kontakt zum Kundenservice

Abonnement
07071/934-222
vertrieb@tagblatt.de

Anzeigen
07071/934-444
anzeigen@tagblatt.de

Kontakt zu den Redaktionen

Schwäbisches Tagblatt Tübingen
07071/934-0
redaktion@tagblatt.de

Neckar-Chronik Horb
07451/9009-30
nc@neckar-chronik.de

Tagblatt Online         
07071/934-314
online@tagblatt.de

Steinlach-Bote Mössingen
07473/9507-0
sb@tagblatt.de

Rottenburger Post
07472/1606-16
ro@tagblatt.de

Reutlinger Blatt
07121/3259-50
rt@tagblatt.de

Tagblatt Anzeiger
07071/934-344
tagblatt-anzeiger@tagblatt.de

Wirtschaft im Profil
07071/934-166
wip@tagblatt.de


Oder nutzen Sie unser Kontaktformular