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Korruption und wirtschaftlicher Niedergang: In Itaborai ist die Depression des Landes zu sehen

Wo Brasiliens Träume beerdigt sind

Am Abend klingen aus Protest in ganz Brasilien die Kochtöpfe. Für Präsidentin Dilma Rousseff beginnt ein demütigender Prozess der Entmachtung. 24 Stunden in einem Land, das den Glauben an sich verloren hat.

03.03.2016
  • TOBIAS KÄUFER

Itaborai. Es ist ein ohrenbetäubender Lärm, der sich in der Nacht seinen Weg durch die Häuserschluchten von Rio de Janeiro, São Paulo und 14 weiteren Städten in ganz Brasilien sucht. "Dilma raus" und "Schluss mit der Korruption" rufen sie auch in der Rua Viveiro Ministro Castro in Rio und schlagen dazu mit den Löffeln auf die Kochtöpfe, andere klopfen mit Schlüsseln gegen Laternenmaste aus Metall.

Es ist die landestypische Art des Protestes. Der Zeitpunkt ist bewusst gewählt, denn genau in diesem Augenblick gibt die regierende sozialistische Arbeiterpartei (PT) im nationalen Fernsehen eine Erklärung ab. Wenige Stunden nachdem der persönliche Wahlkampfmanager von Staatspräsidentin Dilma Rousseff verhaftet wurde.

Kein Tag vergeht, an dem nicht neue Vorwürfe im riesigen Korruptionsskandal um den staatlichen Ölkonzern und die PT ans Tageslicht kommen. An dem nicht weitere hochrangige Funktionäre verhaftet werden. Die Wut der Menschen ist riesig, sie entlädt sich in katastrophalen Umfragewerten für Dilma Rousseff. Ob sie noch die Kraft hat, bis zum Ende ihrer Amtszeit 2019 durchzuhalten, ist ungewiss. Doch längst stellt sich die Frage, ob sie das überhaupt noch in der Hand hat oder ob ihr die Staatsanwaltschaft zuvorkommt. Obendrein ist auch noch ein Amtsenthebungsverfahren anhängig. Vorgänger Lula da Silva und Rousseff sind bislang ungeschoren davon gekommen, doch die Einschläge rücken näher. Lula muss sich im Korruptionsskandal bald selbst der Justiz erklären. Sie sprechen von einer Kampagne gegen die PT.

Draußen vor der Stadt ist die große brasilianische Depression mit den Händen greifbar. Auf dem riesigen Parkplatz vor dem schmucken neuen Shopping-Center in Itaborai sind fast alle Plätze frei. Kunden gibt es keine, seit im eine halbe Autostunde entfernten Petrobras-Chemiepark Comperj rund 30 000 Menschen entlassen wurden. Auch das neue Ibis-Hotel versprüht einen seltsam morbiden Charme, denn alle Ladenlokale unten im Erdgeschoss sind leer. Stattdessen haben die Arbeiter scheinbar überstürzt die Baustelle verlassen, nicht einmal die Geräte haben sie mitgenommen. Für umgerechnet knappe 38 Euro bietet eine Lichttafel am Straßenrand eine Übernachtung im Einzelzimmer an. Trotz des Spottpreises ist es in der Lobby gähnend leer. Gäste auf Geschäftsreise gibt es nicht. Als das Hotel geplant wurde, glaubten die Manager an eine glänzende Zukunft der Stadt.

Einziger Fahrgast an der Bushaltestelle unweit des Hotels ist Rodrigo, der seinen Nachnamen nicht nennen will, denn er hat das Glück als einer der wenigen Arbeiter im Chemiepark noch in Lohn und Brot zu stehen. "Bis Juli müssen wir durchhalten. Dann kommt frisches Geld", sagt er. Es gibt Gerüchte, dass chinesische Investoren einsteigen wollen. Mehr haben sie nicht in Itaborai, nur dieses eine Gerücht. Denn Brasiliens Staat hat das Vorzeigeprojekt aufgegeben. Hier sollten Raffinerien und Chemieunternehmen entstehen. Von weitem sind einige Schornsteine und Türme zu sehen, die wie Skelettknochen in die Landschaft ragen.

Die linke Regierung versprach blühende Landschaften und viele Brasilianer glaubten dieser Goldgräberstimmung, doch mit dem Ölpreis platzen die Träume. "Wir kämpfen weiter", sagt Bürgermeister Helil Cardozo trotzig. "Das sind wir den Leuten schuldig." Und während die Stadt stirbt, erfahren die Menschen aus Itaborai weitere Details aus dem Korruptionsskandal der Regierung, die ihnen falsche Versprechungen gemacht hat und der Firma, die sie entlassen hat.

In der Stadt ist die Lage noch deprimierender. Unzählige Ladenlokale stehen leer: "Zu vermieten" haben die Besitzer auf die heruntergelassenen Rollladen geklebt. Ein kleinwenig wirkt die halbfertige Hauptstraße wie aus einer verlassenen Western-Stadt, in der die Goldgräber weitergezogen sind, weil es in Itaborai nichts mehr zu holen gibt. Der Staub vernebelt den Blick. Nur vor einem einzigen Geschäft gibt es eine lange Schlange: der Lotterie. Die Menschen klammern sich eben an den letzten Strohhalm, während mit der Arbeitslosigkeit auch die Kriminalität steigt.

Kein anderer Ort steht in Brasilien so für geplatzte Träume wie Itaborai und nirgendwo sonst ist der Glauben an die Arbeiterpartei und ihre Aushängeschilder Lula und Rousseff so zerstört wie hier. Ein Ausweg ist nicht in Sicht, stattdessen beginnt ein langsames Sterben. Durch den Korruptionsskandal wird der Staat von innen ausgehöhlt, die Menschen vertrauen den Institutionen nicht mehr. Rousseff, die einst als wackere Kämpferin gegen Schmiergelder galt, hat ihren Markenkern verloren. Ihre Uhr ist abgelaufen. Die einzige noch offene Frage ist, wann sie es auch selbst bemerkt und den Weg freimacht für einen Neuanfang.

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03.03.2016, 08:30 Uhr
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