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Soll man vom „Pack“ reden?

Wir sprachen mit Tübinger Wissenschaftlern über Gründe für Fremdenfeindlichkeit

Auch in Baden-Württemberg brennen wieder Flüchtlingsheime. Warum geschieht das? Wie geht man damit um? Darüber sprachen wir mit dem Tübinger Soziologen Prof. Boris Nieswand und dem Friedenspädagogen Uli Jäger.

27.08.2015

Von Ulrich Janßen

Tübingen. Nach langem Zögern hat sich am Mittwoch Bundeskanzlerin Angela Merkel ins sächsische Heidenau begeben. Kurz vorher hatte sie schon fremdenfeindliche Ausschreitungen mit deutlichen Worten verurteilt. Ein Schritt, über den sich der Tübinger Soziologe Prof. Boris Nieswand gefreut hat: „Menschlich finde ich das gut“, sagte er dem TAGBLATT. „Als Wissenschaftler verstehe ich aber auch, dass die Kanzlerin gezögert hat.“

Der Soziologe, der als Juniorprofessor für „transnationalen Kulturvergleich und Migration“ in Tübingen tätig ist, hält die klare Positionierung von hohen Politikern für „politisch riskant“. Denn: „Das deutliche Auftreten staatlicher Akteure in Zeiten allgemeiner Verunsicherung kann auf beiden Seiten zur Radikalisierung führen.“

Für die Politik kommt es laut Nieswand darauf an, Leute zu erreichen, die in ihrer politischen Einstellung noch schwanken und sich nicht einem Lager zuordnen. Mit klaren Worten (Sigmar Gabriels „Pack“) könne man zwar abschreckend wirken und „die sozialen Kosten“ für den Beitritt ins fremdenfeindliche Lager erhöhen, zugleich aber auch Leute erst recht dorthin treiben. „Sie fühlen sich von der Politik nicht mehr wahrgenommen“, halten sich für die Opfer einer „Herrschaft der political correctness“. Die Zusammensetzung dieser Gruppe sei gerade im Wandel begriffen.

Auch der Friedenspädagoge Uli Jäger, der bei der Tübinger Berghof Foundation Programme für „globales Lernen“ betreut, würde Begriffe wie „Pack“ nicht benutzen: „Man kann Position beziehen, ohne zu diffamieren“, findet er. Entscheidend sei eher, dass die Politiker ihre Position glaubwürdig vertreten. Sollen sie auch mit Pegida-Leuten sprechen? Ja, meint der Pädagoge, aber nicht mit Funktionären und nur in geschützten Räumen. „Es darf nicht um Schlagzeilen gehen.“

Die meisten Deutschen sehen sich nach Einschätzung beider Wissenschaftler heute aber als Bürger eines offenen, demokratischen Landes. Deutschland ist für sie ein pluralistischer Rechtsstaat ohne ethnische oder kulturelle Prioritäten. Ausländer gehören selbstverständlich dazu. Seit den 90er Jahren, als in vielen Orten Asylheime brannten, sei dieses Lager deutlich stärker geworden: „Es gab eine Zivilisierung der Gesellschaft.“ Die politische Erziehung, die multikulturelle Orientierung der Medien, die Aufklärung in den Schulen (wie sie unter anderem die Tübinger Friedenspädagogen betreiben) sei dabei ebenso hilfreich gewesen wie Aktionen in Fußballstadien. Die Zivilbürger wollten heute auf keinen Fall als „Fremdenfeinde“ gelten.

Parallel dazu sei aber eine Gegenbewegung entstanden, meint Nieswand. Es sind Leute, die den Staat als nationale Wertegemeinschaft sehen. „Für sie ist Deutschland ein Land der Deutschen mit einer bestimmten abendländischen Kultur, die beschützt werden muss.“ Im deutschen Staatsverständnis seien beide Bedeutungen von Anfang an angelegt gewesen, der universalistische Rechts- ebenso wie der ethnisch geprägte Nationalstaat.

Politiker müssen glaubwürdig wirken

Warum jemand sich für das eine oder das andere Lager entscheidet, hängt nach Nieswands Einschätzung von vielen Faktoren ab. Prinzipiell, meint der Soziologe, lässt es sich für Menschen offenbar leicht denken, dass die Gruppe, der man sich zugehörig fühlt, positive Eigenschaften hat und die Gruppe der Anderen negative.

Nach Ansicht von Jäger hat eine fremdenfeindliche Einstellung meist individuelle und kollektive Gründe. Wer in der Kindheit geschlagen werde oder auf dem Schulhof ausgegrenzt, entwickle später eher einen Hass auf Fremde. Kollektiv spiele auch die allgemeine Verunsicherung eine Rolle, die vielen Kriege weltweit, die hohe Zahl der Flüchtlinge, die Angst vor wirtschaftlichem Abstieg. „Die Politiker haben es versäumt, den Leuten zu sagen, dass Deutschland sich auf jeden Fall ändern wird, dass wir nicht auf Dauer eine Insel des Wohlstands bleiben werden.“

Besonders ausgeprägt ist die Fremdenfeindlichkeit da, wo eine Gemeinschaft klein und homogen ist und ein starkes Wir-Gefühl entwickelt hat. „Wenn Sie ein großes Flüchtlingsheim mitten in ein kleines Dorf stellen, sollte man sich über Probleme nicht wundern“, sagt Nieswand.

Fremdenfeindlichkeit sei ja nicht nur eine Frage der Einstellung, sondern auch eine der Wahrnehmung. Wenn Flüchtlingen eine „Gruppenhaftigkeit aufgezwungen“ werde, achteten die Einheimischen nicht mehr auf die Unterschiede, sondern schrieben den Fremden kollektive Eigenschaften zu. Die eigene Gruppe werde dann zum Beispiel als „sauber und ordentlich“ empfunden, die andere als „schmutzig oder promisk“.

Hilft es, wenn man die Fremden besser kennenlernt? Im Prinzip ja, meint Nieswand. Allerdings hätten neuere Forschungen gezeigt, dass der Kontakt zu Fremden auch Vorurteile verstärken könne, wenn etwa das Verhältnis oberflächlich oder hierarchisch ist.

Jäger und die Berghof Foundation setzen deshalb auf Bildung. Schulen oder Medien müssten stärker über die Fluchtursachen aufklären. Und auch die noch sehr rührigen ehrenamtlichen Helfer brauchten Unterstützung: „Sonst gibt es irgendwann Konflikte.“

Boris Nieswand

Uli Jäger

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Erstellt:
27. August 2015, 12:00 Uhr
Aktualisiert:
27. August 2015, 12:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 27. August 2015, 12:00 Uhr

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