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„Wir sitzen nicht auf unseren Objekten“
Präsident des Deutschen Museumsbundes: Eckart Köhne.
Ethnologie

„Wir sitzen nicht auf unseren Objekten“

Was tun mit Objekten aus der Kolonialzeit – alles zurückgeben? So einfach ist es nicht, sagt Eckart Köhne, Präsident des Deutschen Museumsbundes.

26.05.2018
  • LENA GRUNDHUBER

Ulm. Je näher die Eröffnung des Humboldt-Forums in Berlin 2019 rückt, desto schärfer wird die Diskussion: Wie soll man heute mit ethnologischen Sammlungen umgehen? Wie verfahren mit Objekten aus der Kolonialzeit, an denen der Geruch von Unterdrückung und Entrechtung hängt? Am besten zurückgeben, wie es Frankreichs Präsident Emmanuel Macron für afrikanische Objekte angekündigt hat? Die Debatte macht nicht in Frankreich und auch nicht vor dem wieder aufgebauten Stadtschloss in Berlin halt, sondern reicht bis hinein in Technik- und Naturkundemuseen. Überall finden sich Stücke, die aus anderen Kulturen kommen oder kolonialzeitliches Denken spiegeln. Der Deutsche Museumsbund hat deshalb nun gemeinsam mit Kulturstaatsministerin Monika Grütters einen „Leitfaden zum Umgang mit Sammlungsgut aus kolonialen Kontexten“ herausgegeben. Eckart Köhne, Präsident des Museumsbundes und Direktor des Badischen Landesmuseums, über eine hochsensible Diskussion.

Wozu braucht es den Leitfaden?

Eckart Köhne: Viele unserer Museen haben Sammlungen, die sie weltweit zusammengetragen haben, und manchmal weiß man nicht genau, wie die Objekte ans Haus gekommen sind: War der Erwerb rechtens oder hat man andere dafür ausgebeutet? Der neue Leitfaden stellt nun eine systematische Anleitung zum Umgang mit kolonialzeitlichen Objekten dar. Ganz neu ist die Frage nicht, der Museumsbund hat bereits vor fünf Jahren Empfehlungen zum Umgang mit menschlichen Überresten herausgegeben.

Die fraglichen Stücke sind schon lange genug da, wieso flammt die Debatte erst jetzt so heftig auf?

Die aktuelle Debatte in Deutschland kocht hoch, weil das Humboldt-Forum langsam fertig wird. Doch die breite Diskussion begann weltweit 2007, als die Uno ihre Deklaration über die Rechte der indigenen Völker verabschiedet hat. Damit bekamen die Herkunftsgesellschaften ein Dokument, auf das sie sich berufen können. Auch die Washingtoner Prinzipien zum Umgang mit NS-Raubkunst bestehen erst seit 20 Jahren. Seitdem setzt sich die Erkenntnis durch: Wir müssen aus ethischen Gründen faire und gerechte Lösungen suchen. Diese Sensibilisierung hat in den Museen das Bewusstsein geschärft, dass man solche Objekte intensiver untersuchen muss.

Untersuchen heißt noch nicht hergeben. Der französische Präsident scheint da konsequenter: Er hat im November angekündigt, innerhalb von fünf Jahren die Voraussetzungen zu schaffen, um das afrikanische Erbe an afrikanische Staaten zurückzugeben.

Aus meiner Sicht ist das eine wenig praktikable, sondern eher eine symbolische Geste. Insbesondere im Zusammenhang mit dem Humboldt-Forum muss man die Fragen zwar auch in Deutschland energischer stellen, letztlich müssen aber die Herkunftsgesellschaften Ansprüche geltend machen. Es wird auch oft nicht erwähnt, dass viele Museen bereits Objekte zurückgegeben haben.

Wieso ist Macrons Ankündigung für Deutschland nicht praktikabel?

In Deutschland sind Rückgaben längst möglich. Aber die Realität ist differenzierter, das hat man etwa am Schwabinger Kunstfund gesehen: Da wurde schnell gefordert, alles sofort zurückzugeben. Man musste aber erst einmal prüfen, wo die Dinge herkommen. Schon mit dem vergleichsweise kleinen Gurlitt-Bestand von circa 1300 Objekten war man Jahre beschäftigt – in Völkerkundemuseen wird seit Jahrhunderten gesammelt. Man muss die Forderungen ernstnehmen, aber trotzdem die einzelnen Objekte untersuchen. Das ist mit viel Mühe, Arbeit und Zeit verbunden. Museen müssen vor allem Transparenz schaffen und ihre Bestände digitalisieren, damit die Herkunftsgesellschaften wissen, was in unseren Museen steht.

Wie sind die rechtlichen Bedingungen für Restitutionen?

Es ist für Museen nicht so einfach, sich von Staatsbesitz zu trennen. Juristische Gründe gibt es meist nicht, es geht um ethische Richtlinien. Man muss begründen, dass auch nach damaligen rechtlichen Maßstäben unrecht gehandelt wurde, denn es gab eben auch viele legale Verkäufe. Viele Objekte wurden eigens für die Europäer hergestellt. Andererseits haben zum Beispiel die armenischen Zwangsarbeiter beim Bau der Bagdadbahn antike Gläser gefunden, die an deutsche Museen verkauft wurden – so etwas wäre wohl auch nach damaligen Maßstäben nicht rechtens gewesen.

Aber wie oft werden die Konsequenzen gezogen? Sogar im britischen „Guardian“ konnte man neulich die Kritik daran lesen, dass das Brachiosaurus-Skelett im Berliner Naturkundemuseum nicht an Tansania zurückgegeben wird.

Wir vom Badischen Landesmuseum haben Antikenobjekte nach Italien und Griechenland zurückgegeben, etwa zwei Kykladenobjekte. Die meisten Museumskollegen werden bei berechtigten Forderungen aktiv. Den Herkunftsgesellschaften geht es in der Regel aber erst einmal darum, Transparenz und Kontakt zu den Museumswissenschaftlern herzustellen. Sie wollen auf Augenhöhe behandelt werden. Völkerkundemuseen profitieren extrem davon, mit den Herkunftsländern in Dialog zu treten, daraus können sich Forschungsprojekte entwickeln, und die können eine Grundlage für Rückgaben sein.

Nach dem Fall Gurlitt hat der Bund Geld für Provenienzforschung zur NS-Zeit bereitgestellt – für Wissenschaftler also, die der Herkunftsgeschichte der Werke nachgehen. Wie sieht es mit entsprechenden Stellen für die Kolonialzeit aus?

Für die Kolonialzeit gab es das in dieser Form bislang nicht. Das Zentrum Kulturgutverluste in Magdeburg ist nun aber beauftragt worden, dazu ein Förderprogramm zu entwickeln. Ziel wäre es, die Provenienzforschung weiter in den Museen zu verankern. Bei der dringend notwendigen Digitalisierung der Bestände sind allerdings die Museumsträger gefragt, die die Museen hier besser ausstatten müssen.

Der Leitfaden wird von Aktivisten als „reaktionär“ kritisiert. Er verteidige kolonialistische Interessen, weil er sich in puncto Rückgaben in der Tat ausgesprochen zögerlich liest. Auch eine Verbindlichkeit wie die Selbstverpflichtung der Washingtoner Prinzipien hat der Leitfaden nicht.

Für eine Festlegung von Rahmenbedingungen wie in der Washingtoner Erklärung wären die Museen sicher dankbar, aber der Leitfaden kann das nicht leisten. Hier sind Museumsträger und politische Entscheider gefragt. Die genannten Aktivisten stellen pauschale Forderungen – und hier liegt das Problem. Es gibt in den Museen unrechtmäßig erworbene Objekte, aber auch rechtmäßig gesammelte Stücke. Diese Frage ist für jedes Stück einzeln zu klären. Es scheint die Vorstellung zu herrschen, dass wir auf unseren Objekten sitzen wie der Nibelungendrache vor der Höhle, aber das ist falsch. Ich sehe die Debatte als Chance, die Sammlungsgeschichte der Museen aufzuarbeiten, Unrecht zu erkennen und Lösungen zu suchen, zu denen selbstverständlich Rückgaben gehören.

Was erwarten Sie persönlich eigentlich vom Humboldt-Forum?

Das Humboldt-Forum ist eine Institution, über die viel geredet wird, auch wenn es noch nichts zu sehen gibt. Wir sollten abwarten, bis es eröffnet ist, dann ist immer noch Zeit für Rezensionen und Debatten.

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26.05.2018, 06:00 Uhr
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