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"Wir sind keine Modefuzzis"
Die Boss-Kreativen Heiko Ihben und Florian Diebel schwärmen von leichteren Stoffen

"Wir sind keine Modefuzzis"

An Brückentagen wird s eng im Ermstal. Dann drängen sich noch mehr Besucher in der Outletcity Metzingen als ohnehin. Ein Grund ist das Unternehmen Boss, dessen Kreativabteilung und der coole Look.

04.03.2016
  • PETER KIEDAISCH

Metzingen. Von allen Argumenten, die gegen einen Anzug sprechen, ist sein vermeintliches Altherren-Image das unpassendste. So in etwa ließe sich die philosophische Ausrichtung der Kreativabteilung bei Hugo Boss zusammenfassen, wollte man dem Wesen des Angezogenseins keine größere Bedeutung beimessen. Sollte man aber, denn die Weltfirma mit Sitz in der 20 000-Einwohner-Stadt Metzingen (Kreis Reutlingen) lebt von den feinen Nuancen, die einen Anzug von einem anderen unterscheiden. Heiko Ihben ist der Marken- und Kreativ-Chef bei der Kernmarke Boss und dort für Männermode zuständig. Menswear ist der haus- und brancheninterne Begriff dafür.

Ein Anglizismus, der seine Berechtigung darin findet, dass er etwas anderes ausdrückt als das deutsche Pendant. Denn Männermode gab es auch schon vor 30 Jahren, als sich der Unterschied zwischen den Generationen in zwei Besonderheiten manifestierte: Die einen hörten Rolling Stones und trugen Jeans, die anderen zogen zur Arbeit einen Anzug an und beließen es musikalisch bei weniger Revolution. Bewusst hat Heiko Ihben diese Zeiten nicht erlebt. Dafür ist er mit 38 Jahren schlicht zu jung, aber es stimmt, sagt er: "Der Anzug hatte keinen guten Ruf. Er war Mittel zum Zweck."

Der Anzug als Mittel zum Zweck, als Uniform eines beruflich vorgeschriebenen Dress-Codes. Bänker sind ein Beispiel dafür. Oder all die 14-jährigen Jungen, die fürs Konfirmandenfoto stramm standen. Oder Hochzeitsgesellschaften, die oft anmuteten, als feiere eine bunte Karnevalsgesellschaft und habe das Motto ausgegeben, zu weit geschnittene Anzüge mit quietschfarbenen Krawatten zu kombinieren.

Das ist vorbei. Vielleicht haben sich Mode-Designer irgendwann gefragt, warum die Blues-Brothers nicht ausgelacht werden. Die Antwort tragen Männer wie Heiko Ihben oder sein Designer Florian Diebel und mit ihnen hunderttausende einer neuen Generation jeden Tag: Körperbetonte, eng sitzende Anzüge, sauber geschnitten und individuell kombiniert mit Accessoires, die den Spagat zwischen Arbeitsalltag und der Nacht in der Bar, zwischen Freizeit auf dem Sofa und dem Supermarkt möglich machen. T-Shirt statt Hemd, Sneakers anstelle der Lackschuhe. Vielleicht mal ein weißes Einstecktuch.

Den Designern kommt moderne Technik zugute, sagt Heiko Ihben. Inzwischen sind Stoffe bearbeitbar, die es damals nicht gab. Früher wog ein leichter Stoff 480 Gramm pro Meter. "Heute", präzisiert Florian Diebel, "reden wir über 100 Gramm". Material, Technik, Können und Geschmack sind die Zutaten, mit denen Boss in einem umkämpften Markt für den Begriff Luxus steht wie Rolex oder Jaguar. Der Produktionsstandort Deutschland erweist sich für die Konzernstrategie keineswegs als Nachteil. Einen Boss-Anzug zu tragen, bedeutet für die Kunden, in Qualität zu investieren: "Wir sind ein bisschen teurer", sagt Kreativ-Chef Ihben, "aber die Anzüge sind langlebiger."

An einem Anzug arbeiten die Designer in der Entwicklungsphase von der Grundidee bis zum ersten Prototypen zwei bis drei Wochen, wenn der Grundkörper bereits entwickelt ist. Neue Passformen können bis zur Serienreife bis zu einem Jahr dauern. Insofern ist teuer ein Attribut mit dehnbarer Aussage.

Die beiden Boss-Kreativen Ihben und Diebel stehen für ihre Produkte. Sie leben die Aussagen und die Art Lebensgefühl, die sie mit den Anzügen verkaufen. "Wir sind keine Modefuzzis", sagen sie, beharren aber darauf, Freude daran zu haben, sich gut anzuziehen.

Boss ist ja so etwas wie der Erfinder des Fabrikverkaufs in Metzingen. Zumindest würde es in ohne Boss keine Outletcity geben. Deren zarte Anfänge in den 1980er Jahren wirken angesichts der von Glasfassaden und moderner Architektur dominierten Luxus-Stores wie eine Reminiszens an die gute alte Zeit.

Man musste damals an bestimmten Tagen abends vorsprechen. An einer Hinterhoftür war die Klingel, es erschien eine Dame mit einem locker um den Hals hängenden Maßband. In einem kleinen Nebenraum, der für die Kunden nicht einsehbar war, hingen einige Anzüge und ein paar Sakkos. Sicher waren auch Hosen darunter. Ab und zu war etwas Passendes dabei. Nicht immer.

Das ist lange her. Inzwischen kommen jährlich zwischen drei und dreieinhalb Mio. Besucher in die Outletcity, deren wichtigstes Zugpferd nach wie vor Boss ist. Deswegen möchte Boss einen neuen, größeren Store bauen, um wieder dort zu stehen, wo das Unternehmen zu Beginn des Fabrikverkaufs-Booms Ende der 1990er Jahre stand: in der ersten Reihe.

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04.03.2016, 08:30 Uhr
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