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„Wir sind an die Wand gefahren“
Profilierter Umweltpolitiker: Klaus Töpfer. Foto: ThomasxEinberger/imago
Nachhaltigkeit

„Wir sind an die Wand gefahren“

Der ehemalige Umweltminister Klaus Töpfer kritisiert, dass Deutschland nicht mehr Vorreiter im Klimaschutz ist. Zu viele Menschen seien von der Energiewende nicht überzeugt.

13.04.2018
  • IGOR STEINLE

Berlin. Es ist kein Zufall, dass man sich mit Klaus Töpfer am Berliner Hauptbahnhof trifft. Der umweltbewusste ehemalige Umweltminister ist mit dem Zug angereist. Er lässt er kein gutes Haar an der Klimapolitik der Vergangenheit.

Herr Töpfer, wie steht es um den Klimaschutz?

Klaus Töpfer: Wir sind mit unserer Klimapolitik komplett an die Wand gefahren. Das ist auch Selbstkritik. Ich habe mich ja eine Zeitlang bemüht, sie mit zu beeinflussen. Ich bin einigermaßen unzufrieden mit dem, was ich erreicht habe.

Treibt Sie diese Selbstkritik an?

Ein schlechtes Gewissen habe ich nicht, aber mein Ziel ist noch nicht erfüllt. Wir haben zum Beispiel mit der Kreislaufwirtschaft angefangen. Damals waren alle der Meinung: Wieder mal ein deutscher Sonderweg. Heute bin ich auch deswegen Professor in Schanghai, weil ich diese Kreislaufwirtschaft begonnen habe. Denn die machen das jetzt auch.

Was muss sich heute ändern?

Das geht in alle Teilbereiche weit hinein: Wie energiehaltig ist unsere Ernährung, wie intensiv unsere Landwirtschaft? Das sind alles unbewältigte Fragestellungen. Zu Recht werden Fragezeichen dahinter gemacht, wenn es heißt, Deutschland sei Vorreiter in der Klimapolitik.

Und der Verkehr?

Man muss mit Nachdruck darauf hinweisen, dass sich die Verkehrswende nicht nur um den Antrieb drehen darf. Ich komme gerade von einer Mobilitätsmesse. Dort habe ich riesige Karossen gesehen, die befeiert wurden, nur weil sie einen Elektromotor haben. Schauen Sie aber mal nach Berlin: 60 000 Menschen gibt es dort jedes Jahr mehr! Wir müssen vor allem für Wohnungen Räume schaffen. Eine dichtere Besiedelung bei gleichzeitig immer mehr Autos? Das geht nicht zusammen.

Warum kommen wir in der Klimapolitik nicht voran?

Wenn ich zu Hause in Höxter in meine Kneipe gehe, höre ich: Wir haben einen Anteil von zwei Prozent an den CO2-Emissionen. Wenn wir also nichts mehr emittieren, machen die Chinesen das in einem Jahr wieder wett. Die Menschen fragen sich: Unser Handeln hat nicht viel Wirkung und dass es was bringt, ist auch nicht sicher, wieso sollten wir dann voran gehen?

Wieso sollten wir?

Selbst wenn wir alleine mit der Energiewende nicht den großen Umbruch schaffen, bleibt sie global eine unglaubliche Chance. Wenn ich heute sehe, dass mehr Investitionen in erneuerbare Energie als in fossile und Kernenergie zusammen investiert werden, dann liegt das an unserer Forschungstätigkeit und daran, dass wir das politisch durchgesetzt haben.

Traut sich die Politik heute wegen der Populisten nicht mehr, unbeliebte Umweltreformen durchzusetzen?

In dem Moment, in dem man sich etwas aus taktischen Überlegungen nicht traut, werden diese taktischen Überlegungen Realität. Denn die Fakten werden ja nicht verschwinden. Wenn man die Probleme aber kennt und trotzdem nicht in Angriff nimmt, werden die Menschen noch weniger Vertrauen in die Politik haben.

Aber wie bringt man Menschen bei, dass sich etwas ändern muss?

Man muss tatsächlich sehr sorgfältig vorgehen. Nehmen Sie die Menschen in der Lausitz: Die haben bei Eis und Schnee Braunkohle gefördert und die gesamte Energieversorgung der DDR gesichert. Das war im Maßstab des Ostblocks ein leistungsfähiger Wirtschaftszweig, das waren die Helden der Nation! Das Selbstverständnis der Region war davon bestimmt, das ist über das Ökonomische hinaus eine kulturbestimmende Größe. Und jetzt muss die ganze Region sich neu erfinden.

Und wie?

Im Koalitionsvertrag steht, dass mit einem Fonds Übergangsstrategien realisiert werden sollen. Die neue Kommission muss jetzt etwas vorlegen, aus dem die Politik nicht mehr raus kann.

Diese Kommission zum Kohleausstieg soll ins Wirtschaftsministerium. Ist das gut für eine wirkungsvolle Klimapolitik?

Eins ist sicher richtig: Die Energiewende ist nicht aus wirtschaftlichen Gründen in Gang gesetzt worden, sondern gegen wirtschaftliche Argumente möglich geworden.

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13.04.2018, 06:00 Uhr
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