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Buchmesse

„Wir müssen reden“

Beim Rundgang in Frankfurt ist ein breites politisches Spektrum zu erleben. Aber nicht nur der Bundespräsident und das Gastland Georgien werben für Offenheit und den Wert der Demokratie.

11.10.2018

Von JÜRGEN KANOLD

Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier (2.v.r.) mit dem Direktor der Frankfurter Buchmesse, Jürgen Boos (r.), und Heinrich Riethmüller, Vorsteher des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels, bei der feierlichen Eröffnung des neuen Frankfurt Pavilions. Foto: dpa

Frankfurt. Von Suhrkamp, dem literarischen und philosophischen Gewissen der Bundesrepublik, beträgt der Weg nach Rechts ungefähr 150 Meter. Er ist breit, mit lila Teppichboden ausgelegt und führt an Kunstbuch-Verlagen vorbei. Das „JF“, weiße Buchstaben im roten Quadrat, ist eine weithin sichtbare Zielmarkierung in Halle 4.1. der Frankfurter Buchmesse.

Der Publikumsverkehr tobt hier nicht, aber was ist das mal wieder für ein Geschrei: „Quarantäne-Station“ und „begehbarer Giftschrank“ lauten noch die harmloseren Ausdrücke. Was ist passiert? Die Messeleitung hat die Wochenzeitung „Junge Freiheit“ in einer Sackgasse platziert. Der Pressesprecher von „JF“ nennt das aber „Buchmesse-Ghetto“. Mit dem Wortschatz des Nationalsozialismus kennt sich die Rechte aus. Bastian Behrens kündigt an, aus wirtschaftlichen Gründen auch eine Schadenersatzklage zu erheben.

Der demokratische Normalbürger, der mit diesem Schmutz nichts zu tun hat, sollte trotzdem vorbeischauen und einen Blick in die ausgelegten Zeitungen werfen. Da schreibt ein Kurt Zach in seinem Aufmacher von einer „totalen Mobilmachung“: „Der Popanz der angeblich in Chemnitz beobachteten ,schlimmsten rechtsextremen Ausschreitungen seit 30 Jahren‘ ist zum faktenbefreiten Ausgangsmythos der neuesten Hysterien im ,Kampf gegen Rechts‘ geworden.“ Das reicht dann schon an Demagogie, nichts wie weg. Aber auch nicht zu Thilo Sarrazin, der sein neues Buch „Feindliche Übernahme“ vorstellt.

„Wir müssen reden“ – gute Idee. So ist das „Weltempfang“-Programm der Buchmesse überschrieben. Wenn Autoren wie die Nigerianerin Chimamanda Ngozi Adichie, der Türke Deniz Yücel oder der Chinese Mai Jia über Menschenrechte und die Freiheit sprechen, hat das einen anderen Klang, sie kennen das Gegenteil. „On The Same Page“ heißt die Kampagne eines Aktionsbündnisses, das die Buchmesse, der Börsenverein des Deutschen Buchhandels, ARD, ZDF und „Der Spiegel“ geschlossen haben, um sich für die Einhaltung der Menschenrechte zu engagieren: Die Grundsätze wurden vor 70 Jahren von der Generalversammlung der Vereinten Nationen verabschiedet, im Jahr darauf fand die erste Frankfurter Buchmesse nach dem Krieg statt. Diese Menschenrechte gibt‘s auch lehrreich to go: ein kleines Heftchen mit den 30 Artikeln.

Diese Buchmesse mit 7300 Ausstellern aus 102 Ländern und 4000 Veranstaltungen ist ja vieles, zunächst der weltgrößte Handelsplatz für das Publishing, und damit ist längst nicht mehr nur das gedruckte Buch gemeint. Es ist Lesefest mit vielen Stars und eine Verkaufsshow samt Gourmet Gallery und anderem Spektakel, aber sie ist auch eine politische Bühne.

So eröffnete gestern morgen Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier den „Frankfurt Pavillon“. Es ist eine Iglu-hafte Holzkonstruktion mit lichtdurchlässiger Membran, vielleicht aber auch ein futuristisches Schneckenhaus, egal. „Vom Dafürhalten. Wie wir die Freiheit in stürmischen Zeiten verteidigen“ war das Gespräch überschrieben. Da war man schnell beim Thema Europa.

Der belesene Steinmeier, der in seinem Deutschland auch zunehmenden Populismus und Demokratiefeindlichkeit konstatieren muss, erzählte von einer Begegnung mit dem Ungarn Péter Nádas. Der habe ihm das erklärt: Vielleicht habe man dort nie über das demokratische Fundament in Europa geredet. Europa sei für die Ungarn zunächst ein Schutz vor den Nachbarn gewesen, das Bestreben, wirtschaftlichen Anschluss zu finden. Dann sei aber die Demokratie dazugekommen, nur sei nicht klar gewesen, dass man dafür etwas leisten müsse. Steinmeier dann: „Es weht eine neue Faszination des Autoritären durch Europa, aber sie hat nicht so weit Raum gegriffen, dass die Demokraten wehrlos werden.“ Ja, er betonte: „Es gibt eine Normalität, über die wir eigentlich gar nicht reden. Dieses Europa funktioniert.“ Auch die Kritiker wollten nirgendwo anders leben.

Georgien jedenfalls drängt euphorisch dorthin. Wie auf der Buchmesse mit Kultur werbend Politik gemacht werden kann, zeigt der Ehrengast in diesem Jahr mit Millionenaufwand. Das Land im Kaukasus und am Schwarzen Meer hat nur 3,7 Millionen Einwohner und 50 Buchhandlungen, aber eine uralte Geschichte. Wenn Bildungsminister Mikheil Batiashvili das Wort erhebt, wird er nicht müde zu betonen, dass sein Land die grundlegenden europäischen Werte und Ziele teile. Das muss jetzt noch bekannt werden, nicht nur bei entdeckungsfreudigen Touristen. Oder wie der Schriftsteller Aka Morchiladze sagt, ein Hauptredner der Eröffnungsfeier: „Wir wissen viel über Andere, aber Andere wissen wenig über uns.“

Das lässt sich im Ehrengast-Pavillon nachholen, dort sind 33 gewundene, gebogene, geschwungen verschnörkelte, sehr wunderliche Buchstaben-Skulpturen in hölzerner Leichtbauweise auf der Riesenfläche verteilt, die 33 Geschichten erzählen. Etwa von Medea, der Prinzessin von Kolchis, der Zauberin und Rachefurie – das ist bekannt aus der griechischen Mythologie, aber Kolchis, Heimat des Goldenen Vlieses, ist eine Landschaft im Westen Georgiens.

Den 33 Schriftzeichen des einzigartigen georgischen Alphabets („Georgia – Made by Characters“ lautet das Buchmesse-Motto) ist nirgendwo zu entkommen, in einem „Hub of Emotions“ ertönt eine Art folkloristische Synthesizermusik, aber jeder Ton ist ein gesprochener, gesampelter Buchstabe. Die Buch-Auslagen in einem „Auge des Sturms“ wehen einen da eher nebensächlich an, aber zu entdecken ist eine große Literatur. 150 Titel sind neu auf Deutsch erschienen, zahlreiche Autoren präsent.

„Saupra“ heißt das georgische Festmahl. Das ist es auch kulturell. Wobei es auch zu essen gibt im Forum-Restaurant: Tschaschuschuli, Adschapsaudali, Tschachochbili . . . ? Wie gesagt, man weiß nicht viel über Georgien. Aber mal ausprobieren, vorurteilslos, neugierig. Und man erholt sich auf der ungemein weltoffenen Buchmesse dann dort gerne von deutscher brauner Soße.

Georgien ist Gastland der Buchmesse. George Bokhua, künstlerischer Leiter des Gast-Pavillons, beleuchtet sich hier mit einem Blitz in der Installation „Hub of Emotions“. Foto: dpa

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Erstellt:
11. Oktober 2018, 06:00 Uhr
Aktualisiert:
11. Oktober 2018, 06:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 11. Oktober 2018, 06:00 Uhr

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