Dienstjahr · Interview

„Wir müssen motivieren“

Ohne Freiwilligkeit macht Dienst keinen Sinn, findet Verena Bentele, die Präsidentin des Sozialverbandes VdK.

03.08.2020

Von MATHIAS PUDDIG

VDK-Präsidentin Verena Bentele. Foto: VDK

Berlin. Frau Bentele, kann ein Dienst – ob nun verpflichtend oder freiwillig – das Ziel erreichen, den gesellschaftlichen Zusammenhalt zu stärken?

Verena Bentele: Wer sich für einen Dienst an der Gesellschaft entscheidet, der lernt viel: Dass Gesellschaft nur funktioniert, wenn sich alle beteiligen. Dass es wichtig ist, dass Menschen mit ihren unterschiedlichen Neigungen und Fähigkeiten in unterschiedlichen Bereichen tätig werden. Menschen lernen im Ehrenamt, wie die Gesellschaft funktioniert.

Aber Freiwilligkeit gehört dazu, ja?

Für uns als Sozialverband VdK gehört Freiwilligkeit unbedingt dazu. Niemandem ist geholfen, wenn wir Menschen zu einem Dienst verpflichten. Stattdessen müssen wir die Freiwilligendienste ausbauen und besser absichern.

Würde ein Pflichtjahr nicht helfen, Personalnot zu lindern?

Nein, wir müssen die Menschen motivieren, in der Pflege oder in der Arbeit mit Kindern und Jugendlichen ihre Bestimmung zu finden. Viele der Aufgaben in der Pflege lassen sich durch Freiwillige gar nicht erfüllen. Wer auf diesem Weg Personallücken stopfen will, verfehlt deshalb sein Ziel. Die Frage ist vielmehr, wie man junge Menschen motivieren kann, durch den Freiwilligendienst in soziale Berufe einzusteigen und dort später zu arbeiten.

Und was ist die Antwort?

Man kann etwa die Maßnahmen, die für das Jahr in der Bundeswehr angewandt werden, auch auf den Bundesfreiwilligendienst und das Freiwillige Soziale Jahr anwenden, also zum Beispiel kostenlose Bahnfahrten. Freiwilligendienste müssten auch in flexiblen Teilzeitmodellen möglich sein. Ich kann mir auch Vergünstigungen für FSJler im Öffentlichen Personennahverkehr vorstellen. Aber vor allem braucht es mehr Geld. Denn ist unverständlich, dass der freiwillige Dienst bei der Bundeswehr besser bezahlt wird als der freiwillige Dienst an der Gesellschaft.

Muss man sich im Moment einen Freiwilligendienst leisten können?

Ja, viele machen das, wenn das Geld keine Rolle spielt oder sie bei den Eltern wohnen können. Das darf aber nicht sein. Gerade der Freiwilligendienst muss die Möglichkeit bieten, Neues kennenzulernen und gleichzeitig schon auf eigenen Beinen zu stehen. Gerade in den Ballungszentren, wo viel Arbeit da ist, ist der teure Wohnraum ein viel zu großes Hemmnis für viele. mpu

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Erstellt:
3. August 2020, 06:00 Uhr
Aktualisiert:
3. August 2020, 06:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 3. August 2020, 06:00 Uhr

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