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„Wir können schlechter planen“
Verbandspräsident Hans Peter Wollseifer sorgt sich um den Aufschwung. Foto: Bildquelle
Handwerk

„Wir können schlechter planen“

ZDH-Präsident Hans Peter Wollseifer beklagt im Interview das Scheitern der Jamaika-Sondierungen und befürchtet Stillstand. Dabei benötige Deutschland endlich einen Berufsbildungspakt.

23.11.2017
  • VON DIETER KELLER UND HAJO ZENKER

Berlin. Parteipolitisch müssen der Zentralverband des Deutschen Handwerks (ZDH) und sein Präsident Hans Peter Wollseifer neutral sein. Doch mit einer Jamaika-Koalition hätten sie gut leben können. Wollseifer bedauert, dass eine Hängepartie droht: Den Betrieben fehlt die Planungssicherheit.

Herr Wollseifer, die deutsche Wirtschaft eilt von Rekord zu Rekord. Gilt das auch für das Handwerk?

Hans Peter Wollseifer: Es läuft im Moment rund im deutschen Handwerk. Wir haben unsere Wachstumsprognose für 2017 nochmals auf 3,5 Prozent erhöht. Allein im ersten Halbjahr sind 33 000 neue Stellen entstanden. Das Geschäftsklima ist so gut wie noch nie, und die Betriebe investieren. Für das nächste Jahr erwarten wir, dass es nicht wesentlich schlechter läuft – wenn sich die politische Lage nicht verschlechtert, wir also verlässliche Rahmenbedingungen haben.

Wenn es so gut läuft – warum ist es dann schlecht, wenn erst einmal keine neue Bundesregierung zustande kommt?

Wenn man nicht weiß, wohin die Reise geht, kann man schlechter planen – das gilt privat wie auch für unsere Betriebe. Gehen die Steuern nach oben? Müssen höhere Sozialabgaben gezahlt werden? Werden die digitalen Funklöcher endlich geschlossen? Das sind alles wichtige Fragen unserer Betriebsinhaber, die jetzt erst einmal unbeantwortet bleiben. Und natürlich erhoffen wir uns schon noch einige Verbesserungen, sei es in der Steuerpolitik, in der Arbeitsmarkt- und Sozialpolitik, in der Bildungspolitik und in vielen anderen Bereichen.

Wie schlimm ist der Stillstand, wenn es jetzt ein halbes Jahr nur eine geschäftsführende Regierung gibt?

Ich finde es fatal, dass es nach über vier Wochen Verhandlungen zu keinem tragfähigen Kompromiss zwischen den Parteien gekommen ist. Deutschland steht vor wichtigen Entscheidungen. Wir müssen die digitale wie die Verkehrsinfrastruktur verbessern. Nach dem erfolgreichen Hochschulpakt brauchen wir endlich einen Berufsbildungspakt, um die Gleichwertigkeit der beruflichen Bildung zur akademischen Bildung in den Mittelpunkt zu stellen und mehr Fachkräfte und Nachwuchs für eine Ausbildung gewinnen zu können. In vielen Bereichen brauchen wir gute Rahmenbedingungen, damit die Betriebe Investitionsentscheidungen treffen und Personal einstellen können. In den Sondierungsverhandlungen gab es aus unserer Sicht auch gute Ansätze, etwa bei der energetischen Sanierung von Wohnhäusern oder bei der Altersvorsorge von Selbstständigen.

Sie haben den Fachkräftemangel angesprochen. Will das Handwerk gezielt im Ausland suchen, um neues Personal zu finden?

Wir brauchen in Mangelberufen unbedingt Fachkräfte, und zwar nicht nur Akademiker, sondern gerade auch Handwerker. Eine gesteuerte Zuwanderung, die auf die Bedürfnisse unseres Arbeitsmarktes zugeschnitten ist, halten wir daher für unerlässlich. Wir suchen junge Leute, die sich ausbilden lassen. Die sind bereit, sich zu integrieren, und wollen wahrscheinlich auf Dauer bleiben.

Haben Sie nur junge Leute als Auszubildende im Auge oder auch ältere? Gibt es bei denen keine Probleme, die Ausbildung anzuerkennen, weil sie keinen Gesellen- oder Meisterbrief haben?

Wir brauchen beide, und wir sehen das nicht als Problem. Wir haben das Berufsanerkennungsgesetz. Danach können wir die Berufsabschlüsse miteinander vergleichen und gegebenenfalls auch ein Stück nachjustieren. Mittlerweile klappt das auch. Wir haben Leitkammern im Handwerk, die sich um bestimmte Ländergruppen und deren Abschlüsse kümmern.

Was sind denn Mangelberufe?

Das geht quer durch alle Handwerksbereiche. Etwa im Lebensmittelhandwerk Fleischer oder Bäcker. Mittlerweile auch Bauberufe im Hochbau, oder bei Sanitär, Heizung, Klima. 40 Prozent der Betriebe haben Probleme bei der Besetzung offener Stellen.

Brauchen Sie auch Leute für die Digitalisierung, oder können Sie das alleine?

Spezialisten sind immer willkommen. Wir haben digitale Kompetenzzentren an fünf Standorten installiert, wo wir für die einzelnen Handwerksbereiche gut nutzbare Anwendungen und Möglichkeiten identifizieren und über Transferpartner den Betrieben mögliche Innovationen nahebringen, damit sie etwa die Betriebsabläufe rationalisieren können. Da sind wir relativ weit. Es ist vielleicht nur nicht ganz so sichtbar wie die Industrie 4.0, die in aller Munde ist.

Machen Sie das auch aus der Erkenntnis heraus, dass sich das Handwerk bisher zu wenig mit der Digitalisierung beschäftigt hat?

Das mag etwas langsam angelaufen sein, aber mittlerweile sind sehr viele Betriebe der Ansicht, dass es ohne Digitalisierung nicht mehr gehen wird.

Das Thema muss ja auch in den Berufsschulen ankommen. Tun die da bereits genug, und gibt es genügend Lehrer und Material?

Da muss noch mehr passieren. Wir brauchen einen Berufsbildungspakt, der auch die Berufsschulen stärken soll, damit die Jugendlichen wirklich auf dem neuesten Stand ausgebildet werden. Das bedeutet bessere Ausstattung und mehr Lehrer. Aber auch unsere Bildungsstätten des Handwerks, die etwa die überbetriebliche Ausbildung und die Weiterbildung sichern, müssen besser ausgestattet werden. Dafür brauchen wir Förderung. Und schließlich sollte die Meisterausbildung stärker unterstützt werden. Wir haben ja bisher Zuschüsse zum Meister-BaföG von 40 Prozent – 100 Prozent Kostenerstattung wären angemessen, so wie das bei Studenten ja auch ist. Damit nicht nur jeder in Deutschland studieren, sondern auch jeder, der möchte, Meister werden kann. Es kann nicht sein, dass jemand seinen Meister nicht macht, weil ihm die finanziellen Mittel fehlen.

Stichwort Meisterbrief: Fürchten Sie, dass die EU-Kommission einen neuen Anlauf nimmt, den Meisterzwang für diverse Handwerkstätigkeiten abzuschaffen?

Auch in diesem Jahr mussten wir uns schon gegen entsprechende Angriffe aus Brüssel wehren, das haben wir erfolgreich getan. Wir haben der EU-Kommission gezeigt, dass die deutsche Politik hinter uns steht. Die daraufhin mit Brüssel gefundenen Kompromisse, die absichern, dass man bei uns in 41 Berufen den Meisterbrief benötigt, müssen nun allerdings noch vom Europaparlament bestätigt werden.

In mehreren Berufen ist der Meisterzwang ja bereits verschwunden. Wie sind denn da die Erfahrungen?

Wirklich schlecht. Bei uns sind von 94 Berufen 53 dereguliert worden. Da kann sich jeder ohne jegliche Qualifikation selbstständig machen. Da braucht es keinen Meisterbrief oder Gesellenabschluss mehr. Und als Folge gibt es jetzt viele ungelernte, unqualifizierte Leute, die etwa Fliesen verlegen, und wo die Qualität dann nachher häufig zu wünschen übrig lässt. Das ist nicht unbedingt gut für das Image des deutschen Handwerks insgesamt. Es gibt eine Vielzahl von Soloselbstständigen, da wird nicht ausgebildet, da wird nicht qualifiziert. Das ist nicht gut. Nur eine hohe Qualität bei den Handwerksleistungen führt auch zu einem hohen Allgemeinwohl.

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23.11.2017, 06:00 Uhr
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