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„Wir haben nichts mehr“
Trauriger Fund: Zwei Frauen in Amatrice mit einem Teddybär. Foto: dpa
Haus eingestürzt, Geschäft in Trümmern, Freunde tot: Eindrücke aus Amatrice

„Wir haben nichts mehr“

Die Folgen des Erdbebens sind gravierend. Die Zahl der Opfer stieg gestern weiter. Und die Menschen, die überlebten, haben oft fast alles verloren.

26.08.2016
  • BETTINA GABBE

Lorenzo Mauro sitzt im blaugestreiften Pyjama auf der Straße vor dem Supermarkt von Amatrice. Ein paar Hosen und Hemden in Reisetaschen, dazu zwei eilig aus dem Haus geholte Silberteller sind alles, was ihm und seiner Familie nach dem Erdbeben in der Nacht auf Mittwoch geblieben ist. „Wir haben nichts mehr“, sagt der junge Mann.

Die Mauros dachten, sie hätten vorgesorgt. Unter dem Eindruck des Erdbebens von L'Aquila hatte die Familie das Wohnhaus erdbebensicher renovieren lassen. „Wir haben gerade einmal sechs Monate drin gewohnt.“ Den Kredit wollte die Familie aus den Einnahmen der eigenen Apotheke bezahlen. Das wird jetzt schwierig. In der Turnhalle, in der die Überlebenden Unterschlupf fanden, hat Mauros Vater eine Notapotheke eingerichtet. „Aber wir verdienen nichts damit“, sagt der Sohn, der Pharmazie studiert und das Geschäft mal übernehmen sollte. Doch die Apotheke gibt es nicht mehr, die darüber liegenden Wohnungen sind auf den Laden gestürzt. „Es ist unglaublich, ich habe so viele Freunde verloren!“, sagt Mauro überwältigt vom Schmerz. Dass er sein Studium wieder aufnehmen kann, glaubt er nicht. Er könne die Semestergebühren wohl nicht bezahlen.

Während Hundestaffeln und Helfer mit schwerem Gerät in der Altstadt von Amatrice nach Überlebenden suchen, glaubt der Student nicht mal an eine Zukunft des am stärksten vom Erdbeben betroffenen Ortes. Seine Eltern kamen vor 15 Jahren aus Macerata in der Nachbarregion Marken. Der Vater wollte sich als Apotheker selbstständig machen, hatte eine Lizenz für Amatrice erhalten. In jahrelanger Arbeit zahlte die Familie die Apotheke ab, das Haus sollte folgen. Nun weiß der Sohn nicht, wie er die Miete für sein Studentenzimmer in Perugia bezahlen soll.

„Wir können nur auf ausländische Hilfe hoffen“, sagt er bitter. In L'Aquila, wo es 2009 zu einem schweren Beben kam, habe der Staat auch niemandem geholfen. Amatrice werde sich entvölkern, ebenso wie viele Bewohner der Innenstadt von L'Aquila sich anderswo ansiedelten, denn die staatliche Hilfe für den Wiederaufbau der Häuser kommt für viele zu spät. „Wenn sie überhaupt kommt“, sagt Lorenzo Mauro. Italien steckt seit Jahren in einer tiefen Wirtschaftskrise.

Während er noch am Nachmittag nicht weiß, wo seine Familie in den nächsten Tagen unterkommen wird, suchen Hunde in eingestürzten Gebäuden nach Überlebenden. Aus einem Kloster am Ortseingang werden am zweiten Tag nach dem Beben die Leichen von drei Ordensschwestern geborgen. Nach einer dritten Bewohnerin graben Feuerwehrleute mit bloßen Händen, nachdem Bagger heruntergefallene Hausdecken mit Überresten von Betten beiseite geschafft haben. „Ich bin seit ein paar Monaten in Rente“, sagt ein Mann, dessen Hund die Trümmer absucht. „Für ihn ist es ein Spiel“, sagt er mit einem entschuldigenden Blick auf den Hund.

Wenn das Kreischen der Bagger verstummt, werden die Hunde losgeschickt. Dann müssen alle Umstehenden leise sein, eine erwartungsvolle Stille legt sich über die Menge aus Überlebenden und Einsatzkräften. Immer wieder wird das gespenstische Schweigen von aufgeregtem Jaulen eines Hundes unterbrochen, wenn er den Geruch eines Überlebenden aufgespürt hat. Dann graben die Helfer mit bloßen Händen.

Oft graben sie vergebens, aber nicht immer. Einer der Helfer ist Fernando Scasciafratti, ein Straßenbauer mit grauem Bart. „Wir haben einen jungen Mann aus den Trümmern gezogen“, sagt er, sichtlich tief erschüttert von der Spur der Zerstörung. „Ich habe ihn mit einer italienischen Fahne zugedeckt, die in der Nähe lag, er fror so schrecklich.“ Der junge Mann habe nach seiner Mutter gerufen, die noch unter den Trümmern lag. Ob sie gerettet wurde, weiß Scasciafratti nicht.

Unter den Opfern sind viele Kinder. Denn viele Familien mit Kindern reisen im August in ihre Heimatorte. Auch schicken oft Eltern ihre Kinder in den Sommerferien zu „nonno e nonna“, zu Opa und Oma. Die wohnen oft noch in kleinen Orten, während die Eltern in Städten arbeiten. Die Geschichten der toten Kinder brechen einem das Herz: Der elfjährige Alfredino aus Amatrice rief unter den Trümmern nach Hilfe. Stundenlang versuchten die Retter, ihn zu befreien. Doch Alfredinos Rufe verstummten. Als er schließlich aus den Trümmern gezogen wurde, war er tot. Oder das Schicksal der Zwillingsjungs Simone und Andrea, ebenfalls aus Amatrice: Simone konnte lebend aus den Trümmern geborgen werden, erlag dann aber seinen Verletzungen. Sein Bruder Andrea war da schon tot.

Ein Rentner aus dem ebenfalls zerstörten Accumuli sucht in Amatrice seine Tochter. „Ich habe keine Nachricht“, sagt Giovanni Adduci. Sie wohnte über der Bäckerei, in der sie arbeitete. Wie bei vielen anderen sitzt der Schock bei dem Rentner so tief, dass er völlig gefühllos wirkt.

Retter suchen fieberhaft nach seiner Tochter und anderen Vermissten. Jede Stunde zählt, nur selten gelingt es, Überlebende nach Tagen unter Trümmern noch zu retten. Die stetig steigende Opferzahl legt nahe, dass bei dem Erdbeben in der abgelegenen Bergregion in Mittelitalien am Ende mehr Menschen ums Leben gekommen sein werden als 2009 in L'Aquila. Wir hoffen, dass es am Ende nicht schlimmer ist als in L'Aquila“, sagt auch der Chef des Katastrophenschutzes, Fabrizio Curcio. „Aber müssen uns darauf einstellen.“

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26.08.2016, 06:00 Uhr
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