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Michael Lohscheller

„Wir haben Opel neu erfunden“

Der Blitz strahlt wieder, sagt der neue Konzernchef. Er ist dem neuen Eigentümer PSA dankbar, schildert die Transformation zum E-Auto und seine gesündere Lebensweise.

22.06.2019

Von ROLF OBERTREIS

Opel-Chef und Marathonmann Michael Lohscheller: Der Spagat ist nicht einfach, aber wir sind auf einem guten Weg. Foto: Kay Nietfeld/dpa

Fast 20 Jahre lang hat der deutsche Autobauer Opel nur Verluste gemacht – unter dem Dach des amerikanischen Mutterkonzerns General Motors. Als die Amerikaner vor zwei Jahren aus- und die französischen Hersteller von PSA /Peugeot/Citroën) bei Opel einstiegen, wendete sich das Blatt. Unter dem neuen Opel-Chef Michael Lohscheller hat Opel voriges Jahr schwarze Zahlen geschrieben.

Herr Lohscheller, Sie sind Vater von zwei Teenagern. Was machen die beiden freitags? Fridays for Future?

Michael Lohscheller: Meine Kinder gehen auch freitags in die Schule. Aber es ist gut, dass sich die junge Generation engagiert.

Spielen Klimaschutz und Nachhaltigkeit auch bei Opel eine große Rolle?

Selbstverständlich. Das hat eine zentrale Bedeutung. Zuerst natürlich mit Blick auf unsere Autos. Wir produzieren im Jahr rund eine Million Fahrzeuge. Deshalb ist unsere Elektro-Offensive wichtig. Wir haben hier einen klaren Plan: Opel wird elektrisch. Bis 2024 werden wir in ausnahmslos jeder Baureihe auch eine elektrifizierte Variante anbieten. Auch als Unternehmen müssen wir nachhaltig agieren – zum Beispiel beim Abfallmanagement, beim Recycling, beim effizienten Einsatz von Energie.

Wie bewältigt Opel den Spagat zwischen der Mobilität der Menschen, Klima- und Umweltschutz und sparsamem und sauberem Fahren?

Wir müssen eine Menge gleichzeitig tun. Wir verbessern unsere Verbrennungsmotoren und gehen bei der Elektromobilität in die Offensive, wollen sie breiten Schichten erschwinglich machen. Das tun wir etwa mit dem neuen Corsa-e oder dem Grandland X Hybrid. Dieser Wandel bringt für das Unternehmen und unsere Beschäftigten große Veränderungen. Gleichzeitig tragen wir gesellschaftliche Verantwortung etwa für den Klima- und Umweltschutz. Der Spagat ist nicht einfach, aber wir sind auf einem guten Weg.

Der erste vollelektrische Corsa kommt nächstes Jahres. 29 900 Euro kostet die Basis-Version – doppelt so viel wie ein normaler Corsa.

Für diesen Preis bekommt der Kunde aber auch eine ganze Menge, denn in diesem Auto stecken Technologien und Assistenzsysteme, die man sonst nur aus höheren Fahrzeugklassen kennt. Bereits in der Einstiegsversion hat der der Corsa-e keine abgespeckte Batterie, sondern eine Reichweite von 330 Kilometern. Und das Leasing ist günstig. Außerdem wird er in Deutschland mit 4000 Euro gefördert. Zudem sind die Betriebskosten erheblich niedriger. Eine Tankfüllung mit Benzin oder Diesel kostet mehr als 60 Euro, das Laden der Batterie für 330 Kilometer Reichweite weniger als 15 Euro.

Wie wichtig ist die Opel-Mutter PSA für Elektro-Strategie?

Extrem wichtig. Wir nutzen Konzerntechnologie. Beide Plattformen ermöglichen Elektrifizierung: die Produktion von Hybriden und die von reinen E-Autos; und das auf derselben Produktionslinie wie Versionen mit herkömmlichen Verbrennungsmotoren. Damit ist PSA sehr weit. Und wir sind vor allem sehr flexibel aufgestellt und können auf die Nachfrage reagieren. Der Kunde entscheidet, was er fahren will.

Aber der Einstieg in die Elektromobilität ist teuer.

Wir müssen als Teil der Groupe PSA zum Glück nicht alles komplett neu entwickeln. Das drückt die Kosten für die Entwicklung um 30 bis 50 Prozent. Wir sparen durch gemeinsamen Einkauf und gemeinsame Plattformen.

Opel bleibt als Marke eigenständig, auch 120 Jahre nach der Gründung?

Absolut. Das war immer der Ansatz. PSA hat bereits drei französische Marken – und braucht keine vierte. Aber eine deutsche. Nur mit Opel als eigenständiger deutscher Marke wird das Geschäft für PSA als europäischer Champion größer. Wir haben sehr viele Freiheiten, die wir so bei GM nicht hatten.

Viele Autofahrer haben Interesse an E-Modellen. Sie zögern aber, weil das Netz von Ladesäulen löchrig ist. Was tut Opel gegen den Missstand?

Die Ladeinfrastruktur ist extrem wichtig. Da muss mehr passieren. Deshalb machen wir Rüsselsheim zusammen mit der Stadt und anderen Partnern zu einer Pilotstadt. Bis Ende 2020 wird es 1300 Ladesäulen geben – für 63 000 Einwohner. Der Aufbau der Ladeinfrastruktur ist eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe.

Sollte Deutschland generell beim Klimaschutz eine Vorreiterrolle spielen?

Das würde ich mir sehr wünschen. Wir haben die Technologie. Alle sollten sich bewegen: Industrie, Politik, Gesellschaft.

Denken Sie an eine eigene Produktion von Batteriezellen?

Noch kommen die Zellen aus Asien. Das ist auf Dauer nicht gut. Deswegen haben sich PSA und Opel um die Förderung einer eigenen Fertigung beworben.

Ist das Komponenten- und Motorenwerk Kaiserslautern eine Option?

Finale Entscheidungen gibt es noch nicht. Verbrennungsmotoren werden gleichwohl noch lange wichtig bleiben.

Für die Entwicklung von sauberen Fahrzeugen ist viel Geld notwendig.

Umso wichtiger ist, dass wir nach 18 Jahren mit Verlusten im vergangenen Jahr rund 860 Millionen Euro Betriebsgewinn verbuchen konnten, den höchsten in der Geschichte von Opel – sprich in 157 Jahren. Opel ist wieder profitabel. Dazu kommen flüssige Mittel von 1,4 Milliarden Euro. Das ist die Basis für Investitionen in die Zukunft.

Fürchten Sie, dass die Chinesen mit E-Autos nach Europa kommen?

Die Automobilindustrie befindet sich in einem globalen, knallharten Wettbewerb. Das einzige, was hilft, ist Wettbewerbsfähigkeit.

Umgekehrt geht Opel wieder auf Auslandsmärkte.

Da gibt es erfreuliche Fortschritte in Südafrika, Namibia, Marokko, Tunesien und in Ägypten. Auch Südamerika ist ein Thema. Da war Opel früher stark. Wichtig ist auch die Rückkehr nach Russland. Da gibt es 400 000 Opel-Kunden. Mittelfristig wollen wir rund zehn Prozent unserer Autos jenseits der Grenzen unserer klassischen Kernmärkte in Europa absetzen.

Die Arbeitsplätze bei Opel sind bis Mitte 2023 garantiert. Die Branche steht bedingt durch die Elektrofahrzeuge vor tiefen Einschnitten.

Die Transformation läuft. In den Werken können Modelle mit allen Antriebsarten gebaut werden. Die größere Umstellung wird es bei Werken für Motoren und Getriebe geben.

Das Entwicklungszentrum in Rüsselsheim ist jetzt zu Teilen in Händen des französischen Zulieferers Segula. Das ist doch eher ein Nachteil.

Das Entwicklungszentraum in Rüsselsheim ist und bleibt das Herz der Marke Opel. Die Umstrukturierung war nötig, weil viele Arbeiten von externen Auftraggebern wegfallen. Das betrifft 2000 Beschäftigte. Segula hat sich bereit erklärt, sie zu übernehmen – als strategischer Partner. Die verbleibenden Opel-Ingenieure verantworten die Konzeption aller künftigen Opel-Modelle und übernehmen wichtige Aufgaben für die gesamte Groupe PSA.

Sie stehen seit zwei Jahren an der Spitze von Opel. Wie sieht Ihre Zwischenbilanz aus?

Wir haben Opel neu erfunden und wieder auf die Gewinner-Spur gebracht. Wir haben die Marke Opel als nahbar, emotional und deutsch profiliert. Wir bringen viele neue, starke Modelle in den Markt. Ich kann mit Stolz sagen: Der Blitz strahlt wieder. Wir bleiben aber bescheiden. Wir wissen, wo wir uns noch verbessern müssen – etwa beim Marktanteil.

Sie sind Marathonläufer. Was tun Sie persönlich für die Umwelt?

Ich verhalte mich schon bewusster als früher. Wenig Fleisch, gesündere Ernährung. Generell reisen wir bei Opel viel weniger. Das spart Kosten und schon die Umwelt.

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Erstellt:
22. Juni 2019, 06:00 Uhr
Aktualisiert:
22. Juni 2019, 06:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 22. Juni 2019, 06:00 Uhr

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