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„Wir alle haben geglaubt, dass es weitergehen würde“
Anton Schlecker (Mitte) soll seinen Kindern Meike und Lars eine Reise nach Antigua bezahlt haben. Das Gericht muss unter anderem entscheiden, ob es sich dabei um ein illegales Geldgeschenk gehandelt hat. Foto: Puchner
Schlecker-Prozess

„Wir alle haben geglaubt, dass es weitergehen würde“

Die Chefsekretärin und eine Mitarbeiterin des Insolvenzverwalters teilen die Sicht der Familie auf das Ende der Drogeriemarkt-Kette.

05.09.2017
  • SIMONE DÜRMUTH

Ehingen. Anton Schlecker wirkt noch ein bisschen schmaler, blasser und kleiner am ersten Verhandlungstag im Prozess gegen ihn nach der Sommerpause. Der 72-Jährige scheint schwer zu hören, immer wieder muss sein Anwalt die Aussagen der Zeugen für ihn wiederholen.

Einen Einblick ins Innere des untergegangenen Drogeriemarkt-Imperiums gibt an diesem Montag seine Sekretärin: 17 Jahre war sie für das Unternehmen tätig. Zunächst in einer Filiale, dann 13 Jahre lang als Sekretärin der Geschäftsführung. Wer wann im Büro war, wer wann mit wem gesprochen hat und wer welche Protokolle gelesen hat: An einer Chefsekretärin geht nichts vorbei.

Um diese Zeugin zu hören, war das Landgericht Stuttgart wieder einmal auf Reisen gegangen. Weil sie im Rollstuhl sitzt, konnte sie nicht nach Stuttgart kommen. Zum zweiten Mal ist Richter Roderich Martis darum in Ehingen zu Gast, diesmal im kleinen Saal der Lindenhalle. Nur wenige Hundert Meter von dort entfernt, wo das Schlecker-Imperium einst seinen Anfang nahm.

Das Gericht interessiert sich bei der Befragung vor allem für eine Reise von Lars und Meike Schlecker, die mit ihren Kindern und den Kindermädchen an Weihnachten 2011 nach Antigua führte. Rund 60 000 EUR soll sie gekostet haben. „Es gab jedes Jahr eine gemeinsame Reise“, erinnert sich die 49-jährige Zeugin. Nach Antigua sollten ursprünglich auch Christa und Anton Schlecker mitfahren, sie hätten das später aber abgesagt.

Stimmt die Annahme der Staatsanwaltschaft, dass Anton Schlecker zu diesem Zeitpunkt bereits wusste, dass es mit seiner Firma zu Ende geht, würde es sich um ein illegales Geldgeschenk an seine Kinder handeln. Der Familie Schlecker wird vorgeworfen, insgesamt rund 25 Mio. EUR beiseite geschafft und so dem Zugriff der Gläubiger entzogen zu haben.

Auch zum Vorwurf, es seien kurz nach Anmeldung der Insolvenz Ende Januar 2012 in großem Umfang Akten vernichtet worden, wird die ehemalige Sekretärin befragt. „Bei Schlecker wurde nichts in den Papiermüll geworfen, es wurde alles geschreddert“, gibt sie zu Protokoll. Regelmäßig, etwa alle sechs Monate, sei aufgeräumt worden. Sie habe zuletzt im August 2012 einiges vernichtet, als sie ihr Büro geräumt habe. Dabei habe es sich um Reiseunterlagen und Protokolle gehandelt, die keiner mehr gebraucht habe. Von einer regelrechten Schredderaktion will sie aber nichts gewusst haben. Allerdings erinnert sie sich, dass sie einmal mehrere Schreddersäcke aus einem Raum auf einem anderen Stockwerk entsorgen sollte.

Die Zeugin berichtet außerdem von regelmäßigen Besprechungen der Familienmitglieder untereinander und mit den Direktoren der verschiedenen Bereiche. Protokolle von Sitzungen seien an alle vier Familienmitglieder gegangen. Ob die auch gelesen wurde, wollte der Vorsitzende Richter Roderich Martis wissen. „Wenn sie zurück kamen, waren Notizen darauf und sie hatten Eselsohren. Ich nehme es also an“, so die ehemalige Sekretärin. Über die Belange der Firma informiert waren also alle Familienmitglieder. Das größte Gewicht habe bei allen Entscheidungen aber Anton Schlecker gehabt.

Es ist dann aber einer der letzten Sätze, den die Zeugin spricht, der für den Kern des Verfahrens relevant sein dürfte: „Ich denke, die Familie hat nicht daran geglaubt, dass es zu Ende gehen würde.“ Die Frage, wann Schlecker von der drohenden Insolvenz wusste, ist entscheidend für den Prozess. Und die Sekretärin geht sogar noch weiter: „Die Familie hat eine Chance gesehen, das Unternehmen durch die Insolvenz zu retten.“

Diese Einschätzung stützt auch eine Mitarbeiterin des Insolvenzverwalters Arndt Geiwitz, die vom Gericht am Nachmittag als Zeugin gehört wird: „Wir alle haben geglaubt, dass es weitergehen würde.“

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05.09.2017, 06:00 Uhr
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