Cookies erleichtern die Bereitstellung unserer Dienste. Mit der Nutzung unserer Dienste erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies verwenden. OK Weitere Informationen

Sie müssen angemeldet sein, um einen Leserbeitrag zu erstellen.
Anmelden
Geschichte

Wippe auf der Kippe

Das Einheitsdenkmal in Berlin kommt nicht voran. Es gibt Streit um die Symbolik und den Standort. Sicher ist: Auch im besten Fall wird es zum 30. Jahrestag des Mauerfalls nicht fertig.

21.07.2018
  • ANDRé BOCHOW

Berlin. Am 20. Juli klappt es ganz gut. Des fehlgeschlagenen Attentats auf Adolf Hitler wurde gestern an vielen Orten gedacht. Mit anderen positiven Aspekten der deutschen Geschichte fällt das schwerer. So fehlt immer noch ein zentrales Denkmal, das an die deutsche Einheit erinnert.

Für viele ist es einfach nur „die Wippe“ oder die „Einheitswippe“. Eigentlich trägt das geplante Freiheits- und Einheitsdenkmal den Namen „Bürger in Bewegung“. 2007 beschlossen, kommt es nicht voran. Eine Bürgerinitiative will in den nächsten Monaten jeden Tag protestieren, um es am vorgesehenen Platz und nicht anderswo bauen zu lassen. Berlins Kultursenator Klaus Lederer (Linke) unterstützt die Debatte. Genervt reagiert hingegen Kulturstaatsministerin Monika Grütters: „Wer das Denkmal will, muss es jetzt so bauen wie geplant.“

Was ist das für ein Ding, das nach so langer Zeit immer noch so viele Kontroversen hervorruft? Der siegreiche Entwurf stammt von dem Stuttgarter Büro Milla & Partner sowie der Ballettchoreografin Sasha Waltz. Tatsächlich soll sich das Denkmal bewegen, wenn Besucher darauf herrumklettern. Seine Befürworter lehnen aber die Bezeichnung „Wippe“ ab und bevorzugen den Vergleich mit einer Waage.

Zuletzt geriet vor allem der Standort in die Kritik. „Beim Freiheits- und Einheitsdenkmal kann man es auf die Frage zuspitzen: Ist es das richtige Denkmal am richtigen Ort“, meint der Historiker Martin Sabrow. Das Schloss sei nicht der richtige Kontext, findet der Direktor des Potsdamer Zentrums für Zeithistorische Forschung. „Das Schloss, auch wenn es ein Neubau ist, symbolisiert eine andere Epoche. Im Kontext des nachgebauten Hohenzollernschlosses sind sogar deutsch-nationale Assoziationen möglich, die allerdings, das möchte ich ausdrücklich betonen, der Mehrheit der Denkmalsbefürworter denkbar fern liegen.“

Der ausgesuchte Platz ist die „Berliner Schlossfreiheit“ zwischen dem künftigen Humboldt-Forum und dem Spreekanal. Hier findet sich auch der denkmalgeschützte Sockel des 1950 abgerissenen Kaiser-Wilhelm-Denkmals, und hier würde eine Gruppe um den SPD-Bundestagsabgeordneten Johannes Kahrs gern die kaiserlichen Kolonnaden wiedererrichten lassen. Obwohl es keine Planung für die Kolonnaden gab, brachten Kahrs und Co. Ende 2016 mal eben 18 Millionen Euro für ihr Vorhaben durch den Bundestag und sorgten dafür, dass der Haushaltsausschuss des Bundestages die schon mehrfach bewilligten Gelder für das Einheits-Denkmal vor der diesjährigen Sommerpause nicht mehr freigab.

Angeblich, so hieß es aus der SPD, sei der Beschluss in der Koalition einvernehmlich getroffen worden, was aber die Unionsabgeordneten Gitta Connemann und Elisabeth Motschmann bestritten. Sie sprachen von einem „Schlag ins Gesicht der mutigen Menschen, die für Freiheit und Einheit ihr Leben aufs Spiel setzten.“ Angeblicher Grund für die Geldblockade war ein noch nicht unterzeichneter Kaufvertrag zwischen Berlin und dem Bund über das Grundstück.

Zufall oder nicht. Die Berliner SPD-Bundestagsabgeordnete Eva Högl hatte zuvor als neuen Standort für das Einheitsdenkmal den Platz vor dem Reichstag ins Spiel gebracht. Andere waren da weniger zimperlich. Architekturkritiker Nikolaus Bernau regte zu Beginn des Jahres an, auf das Denkmal zu verzichten und das Geld in den Schlossaufbau zu stecken.

Martin Sabrow glaubt, dass es schon ein Einheitsdenkmal gibt: das Brandenburger Tor. Es symbolisiere die Brüche in der deutschen Geschichte. „Aber das Tor ist eben auch der Ort, an dem die Menschen zum Jahresende 1989 freudetrunken auf der Mauer saßen. Es ist der Ort, an dem nach dem 9. November ein DDR-Grenzsoldat vor Richard von Weizsäcker salutierte und meldete: „Keine besonderen Vorkommnisse, Herr Bundespräsident!“ Andere, allen voran Ex-Bundestagspräsident Wolfgang Thierse (SPD), sind ob dieses Vorschlages empört. Thierse sieht ohnehin in der Ablehnung des geplanten Denkmals eine Arroganz von Westdeutschen gegenüber der ostdeutschen friedlichen Revolution.

Neu sind die Debatten über zeitgenössische Denkmale nicht. „Zumindest in Demokratien, in denen eine bestimmte Form der Auffassung des Geschehenen und seines Zusammenhangs nicht per Dekret verordnet werden kann und soll, trägt ein Denkmal schon den Zündstoff für Konflikte und politische Auseinandersetzungen in sich“, meint Kulturstaatsministerin Grütters. Natürlich habe sich die Denkmalkultur verändert. Dem Heldenkult folgten vor allem nach dem Zweiten Weltkrieg Mahnmale und Orte, die an Verbrechen und ihre Opfer erinnern. „Fest steht: Deutschland verdankt seine heutige Identität und sein mittlerweile wieder hohes Ansehen in der Welt nicht zuletzt seiner Auseinandersetzung mit der Vergangenheit.“

Wie Thierse sieht Grütters die Schwierigkeiten der Deutschen, sich den positiven Momenten ihrer Geschichte zuzuwenden. „Glücklich, ja vielleicht sogar stolz und selbstbewusst zurückzuschauen auf die eigene Freiheits- und Demokratiegeschichte, das fällt uns offenbar besonders schwer.“

Mit dem Bau des Freiheits- und Einheitsdenkmals könnte Ende des Jahres begonnen werden. Sicher ist das nicht. Weil für die Bauzeit zwei Jahre veranschlagt werden, wird es auf keinen Fall zum 30. Jahrestag des Mauerfalls fertig.

Sie möchten diesen Artikel weiter nutzen? Dann beachten Sie bitte unsere Hinweise zur Lizenzierung von Artikeln.

21.07.2018, 06:00 Uhr
Sie müssen angemeldet sein, um einen Kommentar zu verfassen.
Anmelden

Newsletter-bestellen

· Samstags verschicken wir die News der Woche, unser Klassiker: Die wichtigsten Themen und Geschichten direkt im E-Mail-Postfach. So bleiben Sie auch in der Ferne immer informiert, was in und rund um Tübingen passiert.
· Werktags versenden wir um 9 Uhr die News am Morgen mit den wichtigsten aktuellen Nachrichten.
· Sonntagabend kommt unser Sport-Newsletter mit den wichtigsten Lokalsport-Berichten und Ergebnissen vom Wochenende.

Um unsere Newsletter zu erhalten, müssen Sie sich anmelden oder sich neu als Benutzer registrieren. Ihre Daten werden ausschließlich für die Newsletter (nur falls Sie weitere Angebote des Verlags Schwäbisches Tagblatt wählen, auch für diese) verwendet. Ihre Daten werden nicht an andere Unternehmen weitergegeben.
Nachrichten via Messenger
Die wichtigsten Neuigkeiten aus der Region liefern wir Ihnen auch per WhatsApp & Co. aufs Smartphone. Um diesen Service zu nutzen, öffnen Sie tagblatt.de/whatsapp bitte mit einem entsprechenden Mobilgerät.
Heute meistgelesenNeueste Artikel

Nachrichten aus ...
Reutlingen Wannweil Pliezhausen Walddorfh�slach Ammerbuch T?bingen Dettenhausen Kirchentellinsfurt Kusterdingen Gomaringen Dusslingen Ofterdingen Mössingen Nehren Bodelshausen Hirrlingen Neustetten Rottenburg Starzach Horb
Das Tagblatt bei
Facebook Google+ Twitter Instagram
Video-News: Aus Land und Welt
Heute meistgelesen
Wirtschaft im Profil
Neueste Artikel
Anzeige

Themen-Dossiers

Themen-Dossiers
Single des Tages
date-click
Das Tagblatt als E-Paper

Kontakt zum Kundenservice

Abonnement
07071/934-222
vertrieb@tagblatt.de

Anzeigen
07071/934-444
anzeigen@tagblatt.de

Kontakt zu den Redaktionen

Schwäbisches Tagblatt Tübingen
07071/934-0
redaktion@tagblatt.de

Neckar-Chronik Horb
07451/9009-30
nc@neckar-chronik.de

Tagblatt Online         
07071/934-314
online@tagblatt.de

Steinlach-Bote Mössingen
07473/9507-0
sb@tagblatt.de

Rottenburger Post
07472/1606-16
ro@tagblatt.de

Reutlinger Blatt
07121/3259-50
rt@tagblatt.de

Tagblatt Anzeiger
07071/934-344
tagblatt-anzeiger@tagblatt.de

Wirtschaft im Profil
07071/934-166
wip@tagblatt.de


Oder nutzen Sie unser Kontaktformular