In eigener Sache

Ruhestand: Williderkultur winkt noch einmal – und geht

Wir glauben es noch nicht, es sieht aber ganz so aus: Wilhelm Triebold verlässt das Kulturschiff des TAGBLATTS.

12.04.2022

Von Peter Ertle

Wilhelm Triebold verabschiedet sich in den Ruhestand. Bild: Ulrich Metz

Wilhelm Triebold verabschiedet sich in den Ruhestand. Bild: Ulrich Metz

Nur die Eingeweihten kannten den Titel, aber ein Spitzname war es doch, und er sprach Bände: Willi der Kultur. Wie Pu der Bär. Aber vermutlich doch eher in einem Wort: Williderkultur.

Insofern ist ein „Nach ihm“ auf dieser Seite nur schwer vorstellbar. Schon Anfang der Neunziger staunte man: Hausverbot am LTT! Das Hausverbot wurde rasch wieder zurückgenommen. Aber für die Jüngeren war es Ansporn. Einmal Hausverbot an einem Theater! Das wär doch ein Ziel! Oder: Eine Theaterkritik auf Schwäbisch! Toll! Und gänzlich unerklärlich, da der Mann ein ausgesprochenes Nordlicht war. Gut, damals kannte man seine Lebensgefährtin noch nicht, sonst hätte man eine Vermutung gehabt.

Lange her. Heute treibt uns eine bange Frage um: Wer schreibt jetzt die großen Hintergrundsartikel? Wer pflegt und verteidigt das Feuilleton alter Prägung? Wie lange nach Williderkultur wird sich die große Theaterrezension noch halten, bevor sie in einem Untermstrich mündet, um das noch ein paar wenige Zeilen drumrumgeschrieben werden? Ja, es liegt an uns, wir werden uns anstrengen, aber wir ahnen: Mit Williderkultur bricht etwas weg.

Mit ihm geht ein Bewahrer, ein Hüter, stets geißelte er die schnöde Fratze der bedenken- und rücksichtslos über Mensch und Kultur hinweggehenden Gegenwart, kurz: Die Unkultur. Es ging ihm um die Ruhe der Altstadtbewohner, den Boden der Platanenallee, den Schutz der Häuserwände (nur die Graffitis von Naegeli ließ er gelten.)

„Soll ich das aufheben?“, fragt er beim Ausräumen seines Büros in den letzten Tagen manchmal. Zum Beispiel die New York Times-Ausgabe aus dem Jahr 1998. „Warum hast du die denn?“ „Da war ich mit dem Stuttgarter Ballett in New York.“ Das wird er nicht vergessen. Bei manchen Artikeln, ob für das TAGBLATT oder die Südwestpresse, ist das anders. „Wenn da mein Name nicht drunter stünde, ich wüsste nicht mehr, dass ich das geschrieben habe“, sagt er und hält forschend ein vergilbtes DIN-A4-Blatt in Händen.

Oder: „Ha – ich war mit Iris Radisch mal in einem Theaterseminar. Kann mich aber nicht mehr an sie erinnern.“ Joachim Lux, der heutige Intendant am Hamburger Thalia-Theater, war auch dabei. 1979 war das, da war er noch nicht Williderkultur, sondern absolvierte nach dem Germanistik- und Politikstudium eine Medienpraktikerausbildung an der Uni, dann gings zum Volontariat ans TAGBLATT. Einer von vielen, die von Christoph Müller geprägt wurden. Hochmusikalisch, kann vom Blatt singen, hat mal in einer Band gespielt. Perfekt für einen Konzertkritiker. Wurde aber in erster Linie Theaterkritiker. Und irgendwann Williderkultur, wahrscheinlich als Helmut Hornbogen das Zeitliche segnete.

Nichts entging ihm

Nichts entging ihm. Gestern spät abends sei ein Tübinger in einer Fernseh-Talkshow gewesen, berichtete man. Er wusste es schon. Man sprach über ein Fußballspiel: Er stieg sofort mit ein, offenbar hatte er es auch gesehen. Man hatte in der SZ oder FAZ einen interessanten Artikel gelesen: Er hatte ihn auch gelesen. Oder wollte ihn noch lesen. Wusste zumindest, dass es ihn gab. Man wolle, sagte man, jetzt mal über das Thema X oder die Person Y schreiben: Oh, das hatte er schon lange vor, ja er war praktisch schon dran.

Ja, auch die überregionale Welt verfolgte er genau. Sein besonderes Talent bestand darin, das Eine mit dem Anderen zu verbinden. Starb ein Prominenter des internationalen Kulturlebens, einer, der mit Tübingen nichts zu tun hatte, zeigte Williderkultur, dass er nur scheinbar nichts mit Tübingen zu tun hatte. Dass er einmal hier gewesen war, 1957, auf der Durchreise. Oder in seinen Memoiren erwähnt hatte, seine Mutter habe früher mal einen Jugendfreund in der Neckarstadt gehabt. Man staunte...

Jung waren wir alle mal. Haare frisch gewaschen und zu Taten aufgelegt: Vor 35 Jahren, in the very beginning beim TAGBLATT. Archivbild: Ulrich Metz

Jung waren wir alle mal. Haare frisch gewaschen und zu Taten aufgelegt: Vor 35 Jahren, in the very beginning beim TAGBLATT. Archivbild: Ulrich Metz

Musste aus irgendwelchen Gründen das Programm spontan umgeworfen werden, fiel unerwartet ein fest eingeplanter Artikel weg: Immer zauberte Williderkultur etwas aus dem Hut, der Mann mit dem vielsagenden Kürzel wit, immer war er vorbereitet. Dieses Jonglierenkönnen, Improvisieren, es schien einem manchmal als die eigentliche Tugend des Journalisten. Auf seinem Schreibtisch türmten sich Bücher und Papiere zu Bergen, die nach Berührung durch Unbefugte donnernd zu Tal fuhren wie Lawinen in den Hochalpen. Doch Williderkultur zog jedesmal mit sicherem Gespür sehr zart das richtige Blatt hervor, alles blieb stehen. Naja, nicht immer. Wir haben ihn auch ergebnislos suchen sehen.

Bonbons

Hörte man das Klackern eines Bonbons an seinen Zähnen, lag eine geistige Spannung im Raum. Dann arbeitete er auf Hochtouren. Wenn er das Bonbon zerbiss, war der Durchbruch geschafft. Mit Kuchenstücken war er immer sofort freundlich zu stimmen. Auch wenn er vorher hartnäckig beleidigt oder grummelnd schlecht gelaunt war, denn – ja, das kam vor. Vermutlich die Rückseite jenes still vergnügten, seelenvoll plaudernden, zu Späßen aufgelegten Kollegen, der er auch war. Ein Gemütstier eben.

Manchmal arbeitete er in die Nacht rein, wenn die anderen schon gegangen waren. Gesund war das nicht. Bei Urlauben in der Schweiz, auf Wanderungen, Fahrradtouren tankte er auf. Oder in Bremen. Wo er aufgewachsen war. Was Williderkultur niemand streitig machen konnte: Er war der ungekrönte Kalauerkönig. 2016 titelte er in einer Rezension zu einem Auftritt des Heuteshow-Geschöpfs Gernot Hassknechts: Der Schmähdrescher. Man muss im Prinzip nur das Archiv öffnen und seinen Namen eingeben, schon wird ausgeschüttet:

Der Dosenbierkavalier.

Oder, noch eins, hier sogar in Überschrift und Unterzeile:

Easy Reiser – Wenn ich Schellenkönig von Deutschland wär.

Drei umstrittene Legenden des Kulturlebens, 1996 in derKunsthalle, von links: Götz Adriani, Ernst Jünger, Wilhelm Triebold. Archivbild: Ulrich Metz

Drei umstrittene Legenden des Kulturlebens, 1996 in derKunsthalle, von links: Götz Adriani, Ernst Jünger, Wilhelm Triebold. Archivbild: Ulrich Metz

Im Prinzip machte er sein Ding. Selten gab es explizite Gemeinschaftswerke wie unser Interview mit George Tabori. Es war im Jahr 2005, der damals dienstälteste Regisseur Deutschlands war über 90 Jahre alt, es sollte um seine Zeit in Tübingen Anfang der Siebziger gehen. Der Dramaturg Hermann Beil, der auch dabei saß, wiederholte ihm unsere Fragen oft noch einmal lauter. Ein Auszug aus dem Interview (das in Klammern Gesetzte wurde nicht abgedruckt):

TAGBLATT: Ihre Lebensgefährtin wollte damals nicht in Tübingen bleiben, heißt es.

(Tabori: Was?

Beil: Deine Lebensgefährtin wollte nicht hierher, George.)

Tabori: Das weiß ich nicht mehr. Das ist vierzig Jahre her. Ich habe heute Nacht nicht sehr gut geschlafen. Ich weiß nicht warum.(. . . )

Tagblatt: Es gab diesen Riesenpenis auf der Bühne, diese große Figur.

Tabori: Große Figur?

(Beil: Ein Riesenpenis, George)

(. . .)

Tagblatt: Das war erst Ihre dritte Arbeit in Deutschland.

Tabori: Das weiß ich nicht.

Tagblatt: Sie haben damals auch gesagt, in Tübingen gebe es so viele Orte, an denen man Theater spielen könne, die ganze Stadt sei eine Bühne.

(Tabori: Was?

Beil: Ganz Tübingen ist eine Bühne, hast du damals gesagt, George.)

Tabori: Was ich vor vierzig Jahren gesagt habe, da muss ich nachdenken, warum ich es gesagt habe.

Tagblatt: Sie hatten damals ja schon überlegt, am Zimmertheater zu bleiben und auch schon ein Memorandum geschrieben

(Beil: Ein Memorandum, George.)

Tabori: Wem hab‘ ich das geschrieben?

Um ehrlich zu sein, haben wir ihm dann doch ein paar schöne Erinnerungen entlockt. In der Kombination mit ihnen wirkten die zitierten Stellen nicht bloßstellend, sondern sehr respektvoll und anrührend. So ein Interview beziehungsweise sein Abdruck wäre mit den Wenigsten möglich gewesen. Mit Williderkultur schon.

Den Lesern wird er hoffentlich nicht vollständig verloren gehen. Dem täglichen Redaktionsleben schon. Und der Kulturabteilung, ihren Mitarbeitern. Alle anderen konnten in seinem Schatten ihr Ding machen. Mehr oder weniger. Von jetzt an stehen wir nackt in der Sonne. Und sicher manchmal im Regen. Während er vermutlich gerade ein ausgelesenes Buch zuschlägt und sich ans Klavier setzt. Ein schöner Gedanke eigentlich.