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Organisieren mit allen Vieren

Wie zwei sechsköpfige Familien ihren Alltag in Tübingen hinbekommen

Vier Kinder sind ein Unternehmen, ein Familienunternehmen. Auch wenn die Werbung doof ist, es erfordert schon einiges an Management, eine sechsköpfige Familie unter einen Hut zu bringen. Zwei Beispiele aus zwei Tübinger Stadtvierteln.

02.08.2016
  • Ulla Steuernagel

Tübingen.In Tübingen werden wieder mehr Kinder geboren. Familien mit drei und vier Kindern sind keine Seltenheit. Was bedeutet dieser Kinderreichtum im Alltag? Automatisch einen Rückfall in alte Rollenmuster: Mutter daheim, Vater bei der Arbeit?

Sarah Rau schaut in die Zukunft und sagt: „Ich glaube, wir werden es aufteilen.“ Ihr Mann Johannes wird nach den Ferien morgens die Jungs (6 und 4 Jahre alt) in Schule und Kindergarten bringen und sie selbst die beiden Mädchen in die Kleinkindergruppe. Dann will die 35-Jährige auch wieder arbeiten gehen. Im November kehrt sie an ihre Stelle als Studienassistentin am Uniklinikum zurück. In den USA hatte die gebürtige Amerikanerin ihren Master in Nursing und Public Health (Krankenpflege und Gesundheitsmanagement) gemacht. Ihr Mann Johannes Rau hat einen halben Lehrauftrag an der Forst-Fachhochschule in Rottenburg und schreibt gerade seine Masterarbeit in Geologie.

Zeit ist also ein knappes Gut bei den Raus. Die jüngsten Mitglieder, Georgia und Rosalie, haben die Familienzahl auf einen Schlag um zwei erhöht. Die Zwillinge sind nun zehn Monate alt. Ein bisschen fürchtet sich Sarah Rau schon vor dem Herbst. Dann wird der älteste Sohn, Miles, in die Schule gehen und morgens das Ringen um Pünktlichkeit beginnen.

Sarah Rau wirkt auch mit einem Zwilling auf jedem Arm nicht gestresst. Sie wollte immer vier Kinder – und ihr Mann auch, vielleicht nicht ganz so schnell. Beide kommen selber aus Vier-Kinder-Familien und sind es gewöhnt, ein volles Haus und ein pralles Familienleben zu haben. „Johannes ist ein Vater, der sich um seine Kinder kümmert“, sagt seine Frau. Außerdem kommt von den Schwiegereltern viel Unterstützung und mit ihrer Wohnung hatte die Familie Rau ebenfalls Glück. Sie liegt zentral und ist groß, eine Seltenheit in der Innenstadt.

Obwohl die Bedingungen alles in allem prächtig sind, wünschte Sarah Rau sich näher nach Pennsylvania und ihrer Herkunftsfamilie. Mit ihren Kindern bewahrt sie sich ein Stück Heimat, indem sie mit ihnen englisch spricht. Mittlerweile „reden die Jungs aber mehr deutsch“, weil es die Sprache der Freunde ist.

Auch wenn die Mutter dann wieder halbtags arbeiten geht, ist alles gut organisiert. Die Kinder können in Kita und Schule essen und so muss Rau nicht gleich vom Job in die Küche rasen. Schließlich leistet sie sich auch noch ein eigenes Hobby: Sie unterhält ein Bienenvolk.

So ein Alltag mit vier Kindern birgt jedoch größere Herausforderungen als der Unterhalt dieses Volkes. Noch ist das Familienauto für alle zu klein, ein Elternteil muss vorerst radeln. Und an das Abenteuer Busfahren hat sich Sarah Rau mit allen Vieren bislang nur einmal gewagt. Und nur weil ihr eine Freundin assistierte. „Es war superstressig“, erinnert sie sich.

Nachts entstehen Nussecken

Wurde sie in Tübingen schon jemals komisch angeguckt mit ihren vielen Kindern? „Manchmal höre ich, wie die Leute zählen.“ Aber generell seien viele offener als vorher. „Ich hatte mich gerade an die deutsche Zurückhaltung gewöhnt“, gibt sie lachend zu.

Lena Siebert und Alexander Dehmel wohnen mit ihren vier Kindern in einem der Tübinger Viertel, in denen große Familien statistisch am häufigsten vorkommen. Das Paar brachte es schon beim Kennenlernen auf drei Kinder: zwei Kinder aus der ersten Ehe des Mannes (Amelie, 13, und Flroian, 11), ein Kind (Theo, 13) aus der ersten Ehe der Frau. Dann folgte noch ein gemeinsames Kind (Carl, 4). „Das Abendessen ist bei uns der soziale Brennpunkt“, sagt Lena Siebert. Für weniger Großfamilien-Erprobte vom Geräuschpegel her schwer erträglich, meint Siebert. Fast erstaunt stellt sie dann fest, dass fast alle Freunde der Kinder ebenfalls aus kinderreichen Familien stammen.

In ihrem Reihenhaus, direkt neben dem Kindergarten, ist der Alltag hochorganisiert. Dehmel ist Bauingenieur mit eigener Firma, Siebert Flugbegleiterin bei Germanwings. Im letzten Monat vor den Ferien führten die Eltern einen Doppelschicht-Betrieb. „Morgens um 6 Uhr ging mein Mann aus dem Haus und kam zurück, kurz nachdem ich aufgebrochen bin.“ Siebert beendet ihren Dienst oft erst nachts. Und wenn sie dann einen Blick auf den Familienplan des nächsten Tages wirft, kann es vorkommen, dass „ich nachts noch Nussecken backe“.

Auch sie hat in ihrem Mann einen Partner gefunden, der im Haushalt viel anpackt. Kochen allerdings sei nicht sein Ding, und sie zählt amüsiert sein Abendessen-Repertoire auf: Spinat mit Rührei, Hühnchen mit Bananen und Zuckernudeln.

Die 40-Jährige hat gelernt, dass klare Ansagen bei Kindern am erfolgreichsten sind. Also kein allgemeines: „Heute ist Badputztag“. Die Aufgaben müssten immer gleich verteilt werden. Zum Beispiel in: Waschbecken, Toilette und Dusche. „Ich schimpfe manchmal zu viel“, sagt Siebert selbstkritisch. Doch Florian widerspricht ihr: „Eigentlich nicht“, findet der Elfjährige, während er mit großer Schwester und Mutter beim ersten Ferienfrühstück im Garten sitzt.

Siebert hat einen anstrengenden Job, aber sie liebt ihn. Ihr war klar, dass sie weder auf Familie noch aufs Fliegen verzichten will. Und als sie vom Betreuungscamp nach dem Germanwings-Absturz im vergangenen Jahr nach Hause kam und die ganze Familien zusammen essen ging, da wusste sie inmitten des Trubels aus großen und kleinen Sorgen: Dass das genau das war, was sie genau in diesem Moment brauchte.

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02.08.2016, 01:00 Uhr
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